Würzburg

Solidarität mit entlassenen Theologen

Die Neuausrichtung des Päpstlichen Theologischen Instituts für Ehe und Familie sorgt weiterhin für Ärger in Rom. Die Verantwortlichen erhalten Kritik und Protestbriefe aus aller Welt.

Der Petersdom im Sonnenuntergang
Die vatikanischen Maßnahmen rund um die Neuausrichtung des Inistituts Johannes Paul II. für Ehe und Familie sorgt weltweit für Ärger. Foto: Pacific Press (Pacific Press via ZUMA Wire)

Unter Wissenschaftlern in Europa, Australien und den USA wächst die Kritik an der Neuausrichtung des Päpstlichen Theologischen Instituts Johannes Paul II. für Ehe- und Familienwissenschaften in Rom. Auch ehemalige Mitarbeiter des Instituts äußerten in den vergangenen Tagen Bedenken wegen der im Zug der Veröffentlichung der neuen Statuten bekannt gewordenen Personalentscheidungen.

In einem an den Direktor des Instituts, Monsignore Pierangelo Sequeri, gerichteten offenen Brief bezeichnete der emeritierte Paderborner Philosophie-Professor Berthold Wald am Samstag die ersatzlose Streichung des Lehrstuhls für Fundamentalmoral als „folgenreichste“ Änderung. Damit werde unausgesprochen die von Papst Johannes Paul II. für unverzichtbar gehaltene Ausrichtung des Instituts auf anthropologische und ethische Grundfragen unterlaufen. „Dass Johannes Paul II. auch weiterhin die Namensgebung des Instituts prägt, wird niemanden über die nur scheinbare Kontinuität zum Vorgängerinstitut täuschen können, das eine starke philosophisch-anthropologische Grundlegung besaß.“

Monsignore Pierangelo Sequeri
Monsignore Pierangelo Sequeri erhält derzeit viele kritische Briefe. Foto: IN

Wald zufolge ist die Neugründung des Instituts mit der Approbation der neuen Statuten auf eine Weise umgesetzt worden, „die grundlegenden Rechten und Pflichten akademischer Institutionen“ widerspreche. In kirchlichen wie staatlichen Rahmenordnungen für die Errichtung und die Verwaltung universitärer Einrichtungen stehe die Mitwirkung akademischer Gremien bei der Beratung von Statuten und universitärer Ordnungen außer Frage. Gleiches gelte für das Selbstergänzungsrecht der Fakultäten bei der Auswahl der Professoren im Rahmen der kirchlichen Normen.

"Täuschungsversuch der Öffentlichkeit"

Auch der Großkanzler eines Päpstlichen Instituts stehe nicht über diesen Normen, sondern sei vielmehr „qua Amt verpflichtet, über die Beachtung dieser Normen zu wachen“. Diese Grundsätze seien jedoch „auf beispiellose Weise ignoriert worden“, so Wald, der Vorsitzender des Katholisch-Theologischen Fakultätentags war. „Es gab weder eine akademische Mitwirkung bei der Festlegung der neuen Statuten, noch eine Anhörung der Professoren, die unter Berufung auf die neue Ausrichtung des Instituts allesamt die Kündigung erhalten haben.“ An jeder staatlichen Universität würde eine solche „scheinjuristische Rechtfertigung der Entlassung von Professoren mit fester Anstellung als Täuschungsversuch der Öffentlichkeit gewertet“.

Wald befürchtet, dass „die bei der Neugründung des Instituts zutage getretenen Eigenmächtigkeiten kirchlicher Autoritäten nicht bloß den akademischen Ruf des Instituts beschädigen“. Sie nährten auch den antirömischen Affekt und gefährdeten damit den akademischen Status kirchlicher Hochschulen insgesamt.

Das Institut selbst hatte bereits vor drei Wochen die Vorwürfe zurückgewiesen. Die akademische Neuaufstellung des Instituts sei von der römischen Bildungskongregation gebilligt worden und auf eine breitere Reflexion über die Familie ausgelegt.

Ebenfalls kritisch äußerten sich jüngst aber auch 49 Autoren des „Dizionario su Sesso, Amore e Fecondita“, einem umfangreichen Forschungsprojekt des Familieninstituts. In einem offenen Brief an Monsignore Sequeri sowie den Großkanzler des Familieninstituts, Erzbischof Vincenzo Paglia, bringen die Autoren ihr Unbehagen über die Entlassungen der beiden Professoren José Noriega und Livio Melina sowie weiterer Mitarbeiter des Instituts zum Ausdruck.

Kritiker sehen keine Grundlage für Kurswechsel

„Wir sehen keinen überzeugenden Grund – weder akademisch, noch von Seiten des Lehramts, noch disziplinär – der ihre Entlassung rechtfertigt“, heißt es in dem Offenen Brief, zu dessen Unterzeichnern die Publizistin Gabriele Kuby, die australische Theologin Tracey Rowland und die französische Philosophin Ysabel de Andia gehören. Wenn das Familieninstitut sein hochrangiges akademisches Profil sowie seine internationale Reputation behalten wolle, müsse man die Entlassungen zurücknehmen und die Gelehrten wieder am Institut beschäftigen.

Kritisch über die neuen Statuten äußerte sich auch der spanische Theologe Juan Pérez-Soba, der am Institut Familienpastoral lehrt. Gegenüber dem lateinamerikanischen Nachrichtenportal „Aciprensa“ erklärte er, es handele sich bei den neuen Statuten um einen „von außen aufgezwungenen Studienplan“. Er selbst sei nicht gefragt worden, sondern habe aus der Presse von den neuen Statuten erfahren. Befremdet zeigte sich Pérez-Soba darüber, dass das Fach Pastoral nicht mehr belegt werden müsse, um den Abschluss für Ehe- und Familienwissenschaften zu erhalten. Die Familienseelsorge aus dem Studiengang zu verbannen sei ein gravierendes Manko und das Gegenteil dessen, was der Papst im Motu proprio „Summa familiae cura“ sage.

Das Institut sei neu ausgerichtet worden, um „Amoris laetitia“ besser entsprechen zu können, doch zugleich gebe es Kürzungen in der Familienseelsorge, die der eigentliche Schlüssel zu „Amoris laetitia“ sei. Er hoffe, dass es sich nur um einen Betriebsunfall handele, der aufgrund der Eile geschehen sei. Hier müsse rasch korrigiert werden, wenn der neue Studiengang nicht ein Rumpf bleiben solle.

Bischof erinnert an Kontinuität des Lehramts

Besorgt über den Kurswechsel des Instituts zeigte sich auch Bischof Massimo Camisasca von Reggio Emilia-Guastalla, ein Absolvent und ehemaliger Dozent des Instituts. In einem Leserbrief an die italienische Zeitung „Avvenire“ unterstreicht der italienische Bischof, dass die Kontinuität des Lehramts der hermeneutische Schlüssel des kirchlichen Lebens sei. „Warum unterbricht man die Arbeit des Instituts so drastisch und traumatisch? Warum vermittelt man den Studenten den beunruhigenden und verwirrenden Eindruck, es gebe etwas radikal Neues, wie einige von ihnen es formuliert haben?“

Bischof Camisasca erinnerte an die apostolische Sukzession, das Glaubensgut und die Lehre der Päpste als Grundlage des Papstamts. Dieses Gut müsse der Papst unter der Führung des Heiligen Geistes neu für seine Zeit und das Leben der Kirche erschließen. „Ich bin sicher, dass dies die tiefste Absicht von Papst Franziskus ist.“

Zuvor hatte sich bereits der Vizepräsident des Instituts, Pater José Granados, im Gespräch mit der „Tagespost“ kritisch geäußert: Die Abschaffung des Lehrstuhls für Fundamentalmoral und das „ungerechte Hinausdrängen von Professoren, die die Sichtweise Johannes Paul II. lehrten“, lasse befürchten, dass die Nachfolger „eine andere theologische Linie vertreten, die nicht der Lehre des Gründers entspricht“.

Zudem lehne er jede Verantwortung für die neuen Statuten ab, so Granados weiter. Erst am Tag der Veröffentlichung habe er von ihnen erfahren. „Nicht nur die Statuten, sondern vor allem die Personaländerungen (und insbesondere die Entlassungen) gefährden in meinen Augen das Erbe des heiligen Johannes Paul II.“