Augsburg

Seid endlich wieder radikal!

Warum die Charismatische Bewegung und die Traditionalisten helfen können, das Prinzip Mission wiederzuentdecken.

MEHR 2020 in Augsburg
Für manche ein geistlicher Durchlauferhitzer, für andere Erfüllung ihrer geistlichen Sehnsucht: Die MEHR-Konferenz sorgt für Aufsehen. Foto: Gehrig

Schon seit Jahrhunderten gibt es eine Frage, die sich alle Institutionen, Parteien, Vereine, Firmen und Glaubensgemeinschaften gleichermaßen stellen: Wie erreichen wir die Jugend? Junge Menschen sind das Kapital der Zukunft, sie sind die künftigen Steuerzahler, Wähler, Mitglieder, Kunden und Anhänger. Damit eine Institution langfristig überleben kann, muss sie um die Jugend werben.

Es scheint, als laufe der Kirche „die Jugend“ davon

Was hat die Kirche nicht schon alles versucht, um an der Jugend „dran zu sein“. Mit einem leichten Schauer erinnern sich einige an jene Gemeindereferenten und Religionslehrer, die mit hippen Halstüchern und „gestalteten Mitten“ den postkonziliaren Frühling der Kirche zu verkörpern versuchten. Auch das „Neue Geistliche Liedgut“ (NGL) kommt in diesen Zusammenhängen heute noch gerne zum Einsatz, obwohl die Lieder – man möge diese sehr subjektive Empfindung hier zugestehen – seit mindestens 40 Jahren weder „neu“, besonders „geistlich“ oder gar „gut“ sind. Weder die „Bibel in geschlechtergerechter Sprache“, noch das inbrünstige Singen von „Die Sache Jesu braucht Begeisterte“ konnten den massiven Mitgliederverlust der katholischen Kirche in Deutschland aufhalten. Es scheint, als laufe der Kirche „die Jugend“ davon. Priester, Bischöfe und Pastoralreferenten laufen ihnen gutmeinend, aber zunehmend verzweifelt nach.

„Was stimmt mit der Jugend nicht?“, hat mein alter Religionslehrer mal gefragt. Er war Augustinermönch und konnte nicht verstehen, dass „die“ Jugend einfach nicht so recht anbeißen mochte. Dabei hatte man es ihr doch schon so bequem wie möglich gemacht, indem man immer häufiger Dogmen zur Diskussion stellte, eigene „Jugendgottesdienste“ entwarf und auch die Sexualmoral der Kirche offen torpedierte. „Vielleicht“, so habe ich als in die erste Reihe strafversetzter Schüler dem Pater damals geantwortet, „stimmt ja mit euch was nicht?“

Keiner ist so empfänglich für radikale Ideen wie die Jugend

Vielleicht ist keiner so empfänglich für radikale Ideen wie die Jugend. Aber es gibt nichts, das radikaler ist und einem mehr abverlangt, als ein Leben aus der Liebe Gottes. Gleichzeitig gibt es keinen Lebensstil, der so ungleich viel mehr zurückgibt als investiert wird, der das eigene Leben und vor allem das Leben nach dem Tod radikaler beeinflusst als eben jener Lebensstil, der sich durch die Liebe von und zu Gott definiert. Deshalb verwundert es kaum, dass innerhalb der katholischen Kirche in Deutschland aktuell vor allem zwei Arten der Spiritualität den größten Zulauf verzeichnen, da sie diese Begegnung mit Gott am radikalsten versprechen. Die einen nennt man im Kirchenjargon gerne „Tradis“. Das sind traditionell geprägten Katholiken, die man häufig darauf reduziert, dass sie bevorzugt die heilige Messe im außerordentlichen Form des römischen Ritus besuchen und auch ihre sonstige Lebenseinstellung nach den „traditionell katholischen Werten“ ausrichten. Die anderen, nicht minder radikal, sind die sogenannten „Charismatiker“. Dort, so das Klischee, sind jene beheimatet, die ständig mit weit ausgebreiteten Armen den Heiligen Geist anrufen, den Lobpreis perfektionieren und bei Zustimmung ein lang gedehntes „Ameeeeeen!“ ausrufen.

Ohne die Feinheiten ausdiskutieren oder alle Klischees widerlegen zu wollen: „Tradis“ und „Charismatiker“ sind sich ähnlicher als sie glauben. Beide fühlen sich tief in der Kirche und in der Theologie verwurzelt. Beide eint die Sehnsucht, auf möglichst innige Art und Weise mit Gott in Berührung zu kommen. Und beide Seiten lieben die Inszenierung. Um Gott erfahrbar zu machen, bedienen sich die einen der alten, klassischen Liturgie, der kostbaren Gewänder, der festgeschriebenen Riten und des Weihrauchs. Die anderen setzen auf moderne Musik, auf Lobpreis, auf die gemeinschaftliche Ekstase. Gerade diese Mischung aus grandioser Inszenierung und radikalem Inhalt konnte kürzlich zwölftausend Besucher zur MEHR-Konferenz nach Augsburg anlocken.

Eine tolle Show reicht nicht

Dass eine tolle Show nicht reicht, bekommt besonders der „Bund der deutschen katholischen Jugend“ zu spüren. Der kirchensteuerfinanzierte Verband gilt zwar einigen Bischöfen immer noch als Referenzgröße für das, „was die Jugend so bewegt“. Ohne zu stark verallgemeinern zu wollen, ist der BDKJ jedoch faktisch in der Außenwirkung nur noch ein Verband von Berufsjugendlichen, der hin und wieder gegen das Lehramt zu Felde zieht und dabei die Piratenflagge hisst, ungeachtet der Tatsache, dass ihm selbst die Piratenflagge von Mutter Kirche bezahlt wurde. In ihrem Kampf gegen die Hand, die sie füttert und gleichzeitig schützend über sie legt, navigieren sich die Steuermänner – und Frauen, natürlich – des Verbandskatholizismus mehr und mehr in den Abwärtsstrudel der Irrelevanz.

Denn: Es erfordert keinen besonderen Mut, den Zölibat abschaffen zu wollen, von dem sich die Leute ohnehin schon seit Jahrhunderten provoziert fühlen. Es ist auch nicht sehr rebellisch, die Priesterweihe für Frauen zu fordern, wenn es in manchen Wirtschaftsbetrieben bereits eine gesetzlich vorgeschriebene Frauenquote gibt. Und man muss auch nicht besonders tapfer sein, um die kirchliche Segnung von homosexuellen Partnerschaften zu fordern, wenn mittlerweile selbst katholische Bischöfe in Deutschland verlauten lassen, dass Homosexualität „normal“ sei und infrage stellen, dass die bisherige kirchliche Lehre „noch zeitgemäß“ sei.

Nicht allen nach dem Mund reden

Eine Glaubensgemeinschaft, die allen Menschen nach dem Mund reden will, wird nicht lange überleben. Vielleicht erinnert sich die Kirche in Deutschland wieder an ihre Anfänge, als sie noch ein Stachel im Fleisch der Welt gewesen ist. Sie hat die Menschen mit ihrer radikalen Botschaft herausgefordert, getröstet und befreit, aber auch provoziert und dadurch immer wieder schwere Verfolgungen erlitten. Und dennoch hat sie nicht aufgehört, dem Menschen dabei zu helfen, seinen je eigenen Weg zu Gott zu finden.

Die verschiedenen Formen der Spiritualität – „Tradis“ und „Charismatiker“ sind nur zwei Beispiele von vielen – geben davon heute noch Zeugnis. Man möchte der Kirche gerne zurufen: „Besinnt euch auf eure Wurzeln. Seid endlich wieder radikal!“

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