Würzburg

Sehnsucht nach dem Geist des Bonifatius

Das jüngste Dokument der deutschen Bischöfe zur Mission lässt blinde Flecken erkennen.

Aufruf zur Mission
Mission ist kein Auftrag für ferne Länder. Es gilt vielmehr, leidenschaftlich vor der eigenen Haustür zu evangelisieren und sowohl die viele "getauften Heiden" als auch die Ungetauften mit der frohen Botschaft zu erreichen. Foto: Adobe Stock

Der weltweite Blick ist für die christliche Mission eigentlich nichts Neues. Ausdrücklich heißt es schon im Missionsauftrag Jesu „gehet hin alle Welt“, bringt allen Völkern und Nationen das Evangelium, tauft alle Menschen und macht sie zu Jüngern Jesu (vgl. Matthäus 28, 18–20). Von Jerusalem aus bis an die „Grenzen der Erde“ sollen die von „Wasser und Geist“ neugeborenen Zeugen Christi in der Kraft des Heiligen Geistes wirken und tätig sein, wie der auferstandene Herr Jesus Christus seine Jünger kurz vor der Himmelfahrt unmissverständlich beauftragte (Apostelgeschichte 1, 8). Weil Jesus selbst vom himmlischen Vater gesandt war, sollten sich auch seine Nachfolger in alle Welt gesandt wissen: „Siehe, ich sende euch, wie mich der Vater gesandt hat“ (Matthäus 20, 21).

Wer oder was soll eigentlich evangelisiert werden?

Diese Grundlegung des Fundamentes einer christlichen Mission wird auch im ersten Kapitel des bischöflichen Schreibens über „Evangelisation und Globalisierung“, das am 24. September von Erzbischof Ludwig Schick vorgestellt wurde, sachgemäß referiert. Aufgrund dieser „Sendung“ (lateinisch missio) Christi begannen die zwölf Apostel ihr Wirken zunächst unter den Juden. Dreitausend von ihnen konvertierten nach der Predigt von Simon Petrus am Pfingsttag zu Jesus als Herrn und Gott (Apostelgeschichte 2). Viele Nachfolger dieser zwölf Apostel, Evangelisten, Lehrer, Hirten, Missionare und Bischöfe in den letzten 2 000 Jahre ließen sich ebenfalls vom Heiligen Geist inspiriert aussenden, um das Evangelium Gottes Menschen zu vermitteln, sie zu Umkehr und Glauben aufzufordern, damit sie das ewige Leben erhalten.

Bei weiterer Lektüre des Dokumentes stellt sich jedoch die Frage, wer oder was soll hier eigentlich evangelisiert beziehungsweise vor dem Untergang „gerettet“ werden? Ist es der vermeintlich untergehende Planet Erde, der wegen Klimawandel, Überbevölkerung, Kohlendioxid und anderem dem Untergang geweiht ist? Oder sind es einzelne Menschen, die ohne Taufe und Glauben an Jesus Christus aufgrund ihrer Trennung von Gott für das ewige Leben verloren gehen werden? Solche Entweder-Oder-Fragen sind zwar nicht die Sache der neuen 74-seitigen Schrift der deutschen Bischöfe, aber sie stellen sich den Lesern quasi automatisch: Mit dem zweiten Teil wird das Thema „Mission“ weitgehend auf einer soziologischen Basis abgehandelt, wobei eine luzide genuin theologische Deutung der Erkenntnisse unterbleibt. Vielmehr schließt sich ein Kapitel pastoraler und spiritueller Allgemeinplätze an, die die vorhergehende Analyse jedoch nicht zu reflektieren vermag.

Phänomene von Globalisierung und Säkularisierung nehmen viel Raum ein

Die Phänomene von Globalisierung und Säkularisierung nehmen in dem Dokument breiten Raum ein. Der neue Zweig der Global-Geschichte beschreibt, dass die Welt im Zeichen der neuen Globalisierung in den letzten dreißig Jahren gleichsam kleiner geworden ist.

Seit dem Ausbrechen der digitalen Revolution, durch die weltweite Vernetzung der Menschheit, die neuen Kommunikations- und Reisemöglichkeiten ist die Welt enger zusammengerückt. Nur noch eine Tagesreise ist der letzte Winkel der Welt entfernt; mit dem Smartphone kann man kostenlos und per Video mit der großen Mehrheit der Menschen weltweit kommunizieren. Jedes Land, jede Stadt, ist heute nicht mehr nur eine „lokale“ sondern deswegen auch eine „globale“ Größe. Wie klein die Welt geworden ist, sieht man etwa in deutschen Großstädten, wo bereits Menschen aus mehr als einhundert Nationen, mit ebenso vielen Sprachen, Kulturen und verschiedensten Kulten, Natur- oder Weltreligionen leben. Wie können diese Menschen mit dem Evangelium erreicht werden?

Vor der eigenen Haustür missionieren

Eine völlig neue Sichtweise von Mission und Evangelisation müsste sich somit auf diesem Hintergrund ergeben. Nicht mehr weit hinaus in die Welt gilt es zu reisen, sondern vor der eigenen Haustür zu missionieren! Den Bischöfen ist dieser neue Blickwinkel zwar durchaus bekannt, wie ihr Schreiben zeigt, aber sie ziehen daraus nicht die notwendigen Konsequenzen. Noch immer meinen sie, man müsse Gelder und Mitarbeiter in Form sogenannter Missionswerke in alle Welt schicken, damit dort den Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der einen Wahrheit in Christus Jesus gelangen (Johannes 14, 6). Dass die Mission und Evangelisation hierzulande aber wieder zur Priorität Nummer Eins werden müsse, wie es im Papstschreiben an die Deutschen deutlich wird, ist den deutschen Bischöfen zwar geläufig (vgl. Anm. 38), aber ihnen ist die „soziale Seite“ des Evangeliums scheinbar wichtiger. „Solidarität“ mit den Armen, soziale Gerechtigkeit, der Weltfrieden und die Bewahrung der Schöpfung liegt ihnen somit mehr am Herzen als der ursprüngliche Missionsauftrag Jesu.

Der „Apostel der Deutschen“, der heilige Bonifatius, folgte einer anderen Spur. Der Benediktinermönch kam 719, vor genau 1 300 Jahren, aus England, um den Germanen das Evangelium zu bringen und sie zum ewigen Leben zu bekehren. Er kämpfte gegen die unselige Naturverehrung der Germanen („heilige Eichen“) und führte mit seinen Mitarbeitern viele Menschen zu Jesus Christus als Herrn und Gott. Schwebt den Nachfolgern des heiligen Bonifatius nun ähnliches vor, im Kampf beispielsweise gegen die neureligiöse Naturverehrung und -vergötzung der „Grünen“? Von einem solchen Kampf gegen Naturreligionen, Götzenkult, falsche Götter, Esoterik oder Okkultismus findet man in dem Schreiben der Nachfolger des heiligen Bonifatius übrigens mehr oder minder gar nichts. Erzbischof Schick erinnerte an das 1 300-jährige Missionsjubiläum, aber die Arbeitsweise des Apostels der Deutschen scheint nicht mehr zeitgemäß zu sein.

Droht der katholischen Kirche ein "Waterloo"?

Dabei stehen wir heute vor ähnlichen Fragen wie damals der Apostel der Deutschen. Massenhaft glauben selbst die Kirchenmitglieder nicht mehr an wesentliche Glaubensinhalte, wie etwa an den dreifaltigen Gott, die leibliche Auferstehung Christi oder dessen reale Gegenwart in der heilige Eucharistie; ein Drittel der deutschen Bevölkerung ist noch nicht einmal getauft. Kein Grund, sich um die „Gewinnung neuer Christen“ Gedanken zu machen? Dieser Frage stellten sich die deutschen Bischöfe noch vor zwanzig Jahren in ihrer kleinen Schrift „Zeit zur Aussaat. Missionarisch Kirche sein“.

Doch seitdem blieb die gute Frage weitgehend unbeantwortet, wie die kirchliche Statistik erbarmungslos zeigt. Die steigenden Zahlen der Kirchenaustritte und die abnehmenden Zahlen bei Taufen, Trauungen, Konversionen, Übertritten etcetera offenbaren ein sich abzeichnendes „Waterloo“ der katholischen Kirche in Deutschland. Was also haben die Bischöfe zu dieser „brennenden Frage“ zu sagen, wie Millionen „getaufte Heiden“ (Benedikt XVI.) neuevangelisiert, wie Millionen Anhänger anderer Religionen, Kulte und Weltanschauungen hierzulande missioniert werden können? „Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nahe?“ Der sprichwörtlich gewordene Satz aus Goethes Vierzeiler über das nahe Glück trifft die Kritik am neuen bischöflichen Schreiben vielleicht am Genauesten. Obwohl sich die „halbe Welt“ inzwischen in Deutschland versammelt, schweifen die Missionsgedanken der deutschen Bischöfe immer noch in die Ferne.

Die Bischöfe weigern sich, sich mit Neuevangelisierun zu beschäftigen

Statt hierzulande entschlossen den „Hebel“ umzulegen, mit der leidenschaftlichen Missionierung und Evangelisierung von getauften Heiden, von Muslimen, Juden und Andersgläubigen in der Kraft des Heiligen Geistes zu beginnen, rufen die Bischöfe zu einem Engagement auf, das jeder grünen oder sozialen Nichtregierungsorganisation gut zu Gesicht stehen würde. Wie zum Beweis dieser These und Analyse wollen die deutschen Bischöfe, in paritätischer Partnerschaft mit dem ZdK, auch bei dem demnächst beginnenden „Synodalen Weg“ sich nicht, wie von Papst Franziskus ausdrücklich angeregt und gewünscht, mit der Neuevangelisierung und Mission hierzulande, sondern mit diversen anderen Fragen beschäftigen, um die Kirche zu reformieren.

Kirchliche Statistiken allein machen die Frage nach den „neuen Christen“ jedoch noch nicht zu einem brennenden Anliegen, sondern eher der Blick auf die katholische Weltkirche und die neue Globalisierung. Denn fast überall gelingt die Missionierung und Gewinnung von neuen Christen in großem Maßstab. In Afrika hat sich die Zahl der Katholiken in den letzten hundert Jahren auf 185 Millionen verhundertfacht. Mitleidig blicken inzwischen Christen aus der ganzen Welt, die einst von Missionaren aus Europa evangelisiert wurden, auf die Situation in deutschen Landen, wenn sie hier zu Besuch sind und viel zu oft die leeren und wenig begeisternden Gottesdienste erleben. Inzwischen kommen Missionare aus aller Welt nach Deutschland, um die vielen Ungläubigen und „Verlorenen“ zu missionieren.