Köln

Schwaderlapp: Wo der Glaube lebendiger als in deutschsprachigen Gemeinden ist

Weihbischof Dominikus Schwaderlapp sieht in fremdsprachigen Gemeinden Chancen für den deutschen Katholizismus.

Weihbischof Schwaderlapp sieht in fremdsprachigen Gemeinden Chancen für den deutschen Katholizismus
Ist überzeugt, dass sich die Deutschen in puncto „Sündhaftigkeit“ nicht sehr von anderen Völkern, zum Beispiel den Mediterranen unterscheiden: der Kölner Weihbischof Dominikus Schwaderlapp. Foto: Angelika Zinzow (KNA)

Herr Weihbischof, Inkulturation wurde auf der Frühjahrsvollversammlung der Bischöfe als wichtiger Schlüssel für die  Evangelisierung genannt. Gibt es so etwas wie eine typisch deutsche katholische Kultur, die die Ortskirche prägt?

Die katholische Kirche in Deutschland hat natürlich ihr eigenes Gepräge, das sich speist aus unserer deutschen Mentalität und spezifischen Geschichte. So haben wir beispielsweise eine sehr reiche Tradition an Kirchenliedern, die einen nicht unerhebliche Anteil an der Tradierung des Glaubens haben und die Herzen der Menschen bewegen. Zu unserer typisch deutschen Kultur gehören sicher auch die offenen Hände für die Armen.

Ein Beispiel?

Mich hat es sehr berührt einmal erlebt zu haben, wie in Indien ein Priester vor Kindern die Kirche in Deutschland beschrieb: „Kein Land in der Welt tut so viel für arme Menschen wie Deutschland“, sagte er. Die großen Hilfswerke sind ein Ausweis dieser kulturellen Prägung. Zu unserer Kultur gehört sicher auch die Verbindung von kirchlichem Tun mit folkloristischen Elementen. Im Rheinland haben wir hier besonders den Karneval und das Schützenwesen. Beides weist enge Bezüge zum kirchlichen Leben auf. Aber es gibt auch noch eine andere Dimension deutscher Prägung.

"Dass der Protestantismus in Deutschland gewachsen ist,
ist kein Zufall, sondern spiegelt auch so etwas
wider wie eine deutsche Kultur"

Welche?

Wir tun uns schwer damit, uns einzufügen oder gar unterzuordnen. Dass der Protestantismus in Deutschland gewachsen ist, ist kein Zufall, sondern spiegelt auch so etwas wider wie eine deutsche Kultur. Ich will dies an einem Beispiel verdeutlichen. Ich bin der Überzeugung, dass wir Deutschen uns in puncto „Sündhaftigkeit“ nicht sehr von anderen Völkern, zum Beispiel den Mediterranen, unterscheiden. Sünder sind wir alle, und auf die Barmherzigkeit Gottes angewiesen sind wir ebenso alle. Im Umgang damit unterscheiden wir Deutsche uns aber von den mediterranen Völkern.

Inwiefern?

Katholiken aus dem Süden haben – allgemein gesprochen – kein Problem mit dem Bußsakrament. Sünde wird Sünde genannt, und das Bußsakrament ist ein selbstverständlicher Ort, sich dieser Last zu entledigen. Wir Deutsche dagegen haben dieses Sakrament so gut wie vergessen. Eine typisch deutsche Reaktion auf die Sünde ist in etwa: „Das tun doch alle, und wenn alle etwas tun, kann es nicht falsch sein. Also muss das Gesetz falsch sein und muss geändert werden.“ Das ist natürlich etwas plakativ formuliert, aber die Tendenz ist nach meiner Erfahrung so.

Sie halten Kontakt mit den fremdsprachigen Gemeinden in Deutschland. Wie wirkt ein Projekt wie der Synodale Weg auf die Brüder und Schwestern?

Im Erzbistum Köln haben wir über 350.000 Katholiken anderer Muttersprache – das sind mehr als 18 Prozent (Tendenz steigend!), die in 43 Missionen und Gemeinden organisiert sind. Ein Projekt wie der Synodale Weg wirkt nach meiner Beobachtung und meinen Gesprächen, die ich regelmäßig führe, dort eher fremd, wenn nicht gar befremdend. Erst neulich war dies bei einem Treffen mit den Verantwortlichen Seelsorgern dieser Gemeinden Thema. Aus den Fragen, die mir gestellt wurden, ging ein ehrliches Interesse am Synodalen Weg hervor, aber ebenso auch ein Unverständnis, was denn die Kirche in Deutschland damit bezwecken wolle. Themen wie Frauendiakonat/Frauenpriestertum, Infragestellung des Zölibats oder Segnung homosexueller Paare sind einfach keine Themen, die das Leben dieser Gemeinden bestimmen.

In Deutschland gab es enttäuschte Reaktionen auf Passagen in „Querida Amazonia“, in denen der Papst an das Vorbild Mariens erinnert. Die Glaubensschwestern in unseren fremdsprachigen Gemeinden sahen das dem Vernehmen nach entspannt. Wie erklären Sie sich das?

Man kann die Gemeinden anderer Muttersprachen nicht über einen Kamm scheren. Da gibt es ganz unterschiedliche kulturelle Prägungen. In meinen bisherigen Gesprächen mit den Gemeinderäten habe ich immer durchweg mit sehr selbstbewussten, engagierten und starken Frauen zu tun gehabt. Mich hat in besonderer Weise der Einsatz einer Frau und Mutter aus Kamerun beeindruckt, die mit Vortrags- und Seminarveranstaltungen für Frauen unterwegs ist mit dem Ziel, ihre Rolle in der afrikanischen Gesellschaft und Familie zu stärken und Rückhalt zu geben. Aber auch bei ihr ist das Thema Frauenpriestertum kein Thema.

"Überhaupt ist der Glaube, dass die Kirche von Christus gestiftet,
vom Heiligen Geist geführt und von ihm her gedacht werden muss,
viel lebendiger, als ich dies oft in deutschsprachigen Gemeinden erlebe"

Warum ist das so?

Ein endgültige Antwort traue ich mir hier nicht zu. Im Ganzen scheint mir in diesen Gemeinden ein stärkeres Bewusstsein für die Sakramentalität des Priesterseins vorhanden zu sein. Sie verstehen das Priestertum nicht als eine von Menschen gemachte Funktion kirchlichen Lebens, sondern als etwas, das von Christus der Kirche eingestiftet und ihr vorgegeben ist. Überhaupt ist der Glaube, dass die Kirche von Christus gestiftet, vom Heiligen Geist geführt und von ihm her gedacht werden muss, viel lebendiger, als ich dies oft in deutschsprachigen Gemeinden erlebe.

Was können wir von den fremdsprachigen Katholiken in unserem Land lernen?

Ein Besuch in den fremdsprachigen Gemeinden ist für mich immer wieder eine Glaubensstärkung. Ich erlebe dort sehr viel Freude am Glauben. Die Probleme, die es dort gibt, sind nicht viel anders als in den deutschsprachigen Gemeinden. Aber es scheint mir ein unbekümmerteres Gottvertrauen vorhanden zu sein und eine viel lebendigere sakramentale Praxis, insbesondere was die heilige Eucharistie und das Bußsakrament angeht.

"Zu einer Weltkirche zu gehören, ist etwas Wunderbares.
Ich bin davon überzeugt, dass jede Teilkirche
dem großen Ganzen etwas Bereicherndes zufügt,
wenn sie sich ins Ganze einfügen lässt"

An Tagen wie Fronleichnam ist in den Großstädten sichtbar, wie multikulturell der katholische Glaube in Deutschland ist. Würden Sie sich mehr gemeinsame Aktivitäten zwischen einheimischen und fremdsprachigen Katholiken wünschen?

Zu einer Weltkirche zu gehören, ist etwas Wunderbares. Ich bin davon überzeugt, dass jede Teilkirche dem großen Ganzen etwas Bereicherndes zufügt, wenn sie sich ins Ganze einfügen lässt. Auch die Kirche in Deutschland hat ihren Reichtum, ebenso wie die Kirche in anderen Ländern. Ich würde mir wünschen, dass wir generell voneinander lernen. Es fällt uns „kein Zacken aus der Krone“, wenn wir einfach einmal neidlos anerkennen, dass das kirchliche Leben in anderen Ländern froher und lebendiger ist als bei uns.

Was wäre konkret zu tun?

Wir können nur voneinander lernen, wenn wir einander begegnen. Und hier erlebe ich immer noch sehr viel unverbundenes Miteinander. Es wäre schön, wenn wir uns gegenseitig zu bestimmten Aktivitäten einladen würden, und diesen Einladungen mit Dankbarkeit und Respekt ohne Vorurteile und mit Wohlwollen folgen würden. Ich bin jedenfalls kein Prophet, wenn ich sage: Die Zukunft der Kirche in Deutschland wird auch von den Katholiken anderer Muttersprache geprägt sein. Und das ist keine Gefahr, sondern eine Chance, vielleicht sogar eine entscheidende Chance der Kirche in Deutschland.

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