London

Schutz und Schirm in wirrer Zeit

England erneuert seine Weihe an die Gottesmutter.

Madonna von Walsingham
Das vom Papst gesegnete Bild der Madonna von Walsingham. Foto: behold2020.com

1381 war kein gutes Jahr für König Richard II. Die Unruhen  der Landbevölkerung, beginnend in Kent und Essex – aufgestachelt durch John Ball, der sich von der Lehre der Kirche ab- und der Tagespolitik zugewandt hatte – waren dabei, sich zu einem veritablen Bürgerkrieg auszuweiten. Die Reaktion des Königs ist keine nur politische. Zwar bekämpft er die Gewalttätigkeit der Rebellen, die am 14. Juni den Erzbischof von Canterbury und den Lordkanzler ermordeten, macht auch einige Zugeständnisse hinsichtlich des in der Tat unhaltbaren Zustandes der leibeigenen Bauern, aber er handelt auch auf der spirituellen Ebene und weiht sein Land der Gottesmutter Maria. Er schenkt es ihr als Brautgabe.

Ein Akt mit mehrschichtiger Symbolik. Er beinhaltet, dass Richard offen demonstriert, dass er seine Macht als nur geliehen betrachtet, dass er für alle sichtbar klarmacht, dass sein Land nicht ihm gehört. Er zeigt auch, dass dem König bewusst ist, dass er allein nicht alle Probleme lösen kann. Und er schenkt seinem durch Unruhen aus der Balance gebrachten Volk etwas wegweisend Wandelndes: eine Perspektive, die in der gegenwärtigen, von verfestigten Auseinandersetzungen gekennzeichneten Situation den entscheidenden Unterschied machen kann. Denn wenn alle nicht mehr nur auf sich und aufeinander blicken, voll Zorn, determiniert, der eigenen Position zum Sieg zu verhelfen, sondern gemeinsam nach vorne oder vielmehr nach oben schauen, dann ist es möglich, dass der gemeinsame Weg zum Ziel führt.

Im Vordergrund steht die persönliche Weihe

Wenn die englischen Bischöfe am Sonntag, den 29. März, ihr Land erneut unter den Schutz und Schirm der Gottesmutter stellen, knüpfen sie bewusst an den historischen Weiheakt von König Richard II. an. Aus gutem Grund. Denn in England kann man wie in einem Brennglas sehen, wie sich eine Gesellschaft verändert, deren Werte infrage stehen. Bei der Dedikation stellen die Bischöfe vor allem die je persönliche Weihe jedes Einzelnen an Maria in den Vordergrund, die die Basis dafür bildet, dass die Gemeinschaft der Gläubigen sich als Ganze der Gottesmutter anvertraut. Ein wichtiger Punkt. Denn bei einer Marienweihe geht es nicht darum, etwas von Maria zu fordern, etwa Stellungnahmen zu tagespolitischen oder kirchlichen Themen. Es geht auch nicht um mehr Macht für Einzelne  oder Gruppen. Es geht, wie die Bischöfe auf der Website www.behold2020.com/the-rededication beschreiben, um eine tiefe persönliche Begegnung mit Maria, der ersten Jüngerin Jesu. „Unser persönliches Versprechen bringt uns Maria näher … Wir werden dadurch, dass wir ihrer Offenheit für Gottes Anruf folgen, in ihrer Freude eins.“

Für die persönliche Marienweihe bietet die Homepage ein erweitertes Angelusgebet an, das dazu einlädt, Gottes Willen als Weg zum Leben zu umarmen. Eine wichtige Formulierung. Denn bei der Umarmung geht es um liebende Nähe, nicht um intellektuelle Zustimmung zu einem Maßnahmenpapier oder die Unterschrift unter ein forderndes Manifest. Wer eine Umarmung wagt, öffnet sich, macht sich verletzlich, zeigt sich friedensbereit. Die englischen Bischöfe wählen in ihrem erweiterten Angelus eine Sprache, die in einer zutiefst konfliktbeladenen Situation heilend wirken kann. Und auch das Weihegebet zeugt von bemerkenswerter Ritenkompetenz. Es knüpft an die Gebete an, die 1532 von Erasmus, sowie bei den Marienweihen Englands in den Jahren 1893, 1948 und 1982 durch den heiligen Papst Johannes Paul II. formuliert worden sind. Dadurch wird der Blick der Gläubigen auf ihre spirituellen Vorfahren gelenkt. Damit verbindet sich die Hoffnung, aus ihrer Verbundenheit mit Maria zu lernen und eine Stärkung des eigenen Glaubens zu erfahren.

Wer an den Gottesdiensten mit der Marienweihe teilnehmen möchte, findet auf der Homepage zur Aktion, behold2020.com, eine Karte mit Gottesdienstorten. Außerdem bieten die Bischöfe ein 33-Tage-Gebet an, das am 21. Februar begann. Eine Novene dient ebenfalls der persönlichen Vorbereitung. Eine Liste der Marienwallfahrtsorte Englands, vom Catholic National Shrine in Walsingham bis zum Shrine of Our Lady of Penrhys lädt dazu ein, auf den Spuren zu wandeln, die die Verehrung der Gottesmutter in England hinterlassen hat. Vom 19. bis 22. März ist die Marienstatue aus Walsingham in der Westminster Cathedral zu Gast. Dieses Pilgertriduum ist Teil der seit 2018 laufenden Vorbereitungen zur Erneuerung der Marienweihe und schloss einen Besuch der Statue in allen Diözesen Englands ein.

Neuevangelisierung: Maria als Wegbegleiterin

Die Marienweihe am 29. März ist Teil einer Neuevangelisierungsbewegung, die in England seit einigen Jahren durchgeführt wird. Auf den Homepages vieler Diözesen finden sich profunde Einführungen in den Glauben, gut ausgewählte Leseempfehlungen, und Mission ist in solchen Kontexten ein selbstverständlicher Begriff. Der Orientierung und Vertiefung des Glaubens dient auch die Einbindung der Weihe in den Gesamtkirche durch die Segnung des Bildes der Madonna von Walsingham durch Papst Franziskus bei der wöchentlichen Mittwochsaudienz am 12. Februar.

Kardinal Nichols betonte bei dieser Gelegenheit, dass er die Erneuerung der Marienweihe als große Chance sehe, Maria als Wegbegleiterin zu Christus in der Fastenzeit neu zu entdecken und von ihr zu lernen, zu tun, was Jesus uns sagt. Der Begriff von der Brautgabe, der bei der Weihe in Anlehnung an den Weiheakt König Richards II. verwendet wird, soll, so Nichols, dabei helfen, zu verstehen, welche Liebe damit zum Ausdruck gebracht wird. Er knüpft an das Bild von der bräutlichen Liebe der Seele zu Jesus Christus an, die im Hohelied und bei den Zisterziensermystikern eine zentrale Rolle spielt.

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