Melbourne

Schuldspruch gegen Pell

Das Berufungsgericht im australischen Bundesstaat Victoria lehnt den Antrag des Kardinals gegen seine Verurteilung ab.

Entscheidung über australischen Kardinal Pell
Bislang hat Pell acht Monate hinter Gittern verbracht. Der Kardinal und emeritierte Präfekt des Sekretariats für Wirtschaft war im vergangenen Dezember von einem Melbourner Geschworenengericht des sexuellen Missbrauchs für schuldig befunden worden. Foto: Andy Brownbill (AP)

Kardinal George Pell bleibt im Gefängnis: Vor laufenden Kameras hat das Berufungsgericht im australischen Bundestaat Victoria am 21. August den Schuldspruch gegen den 78-jährigen wegen des sexuellen Missbrauchs zweier Chorknaben in den 1990er Jahren bestätigt und aufrecht erhalten.

„Mit einer Mehrheit (von zwei Stimmen zu einer) hat der Court of Appeals  den Berufungsantrag von Kardinal Pell gegen seine Verurteilung wegen des Begehens von Sexualdelikaten abgelehnt“, so die Vorsitzende Richterin Anne Ferguson in ihrer Urteilsbegründung am Obersten Gerichtshof Victorias.
Die Entscheidung der Richter wurde per Livestream im Internet übertragen. Kardinal Pell stand ruhig in der Anklagebank, den Blick auf die Richter gerichtet, als das Urteil verlesen wurde. Anders als bisher machte er sich keine schriftlichen Notizen mehr.

"Kardinal Pell ist offensichtlich
enttäuscht über die heutige Entscheidung“
Pells Sprecherin Katrina Lee

Richterin Anne Ferguson sowie Richter Chris Maxwell und Mark Weinberg verkündeten ihr Urteil im überfüllten 15. Gerichtssaal am Victoria Supreme Court in Melbourne. Knapp 30 akkreditierte Journalisten sowie gut 60 weitere Zuhörer, darunter Pells Bruder David, der Kanzler der Erzdiözese Sydney, Chris Meaney, sowie Pells Sprecherin Katrina Lee waren im Gerichtssaal anwesend. „Kardinal Pell ist offensichtlich enttäuscht über die heutige Entscheidung“, teilte Lee nach der Bekanntgabe des Urteils der Richter mit. Der Kardinal nehme die Zwei-zu-Eins-Entscheidung zur Kenntnis, beteuere jedoch weiterhin seine Unschuld. Pell danke seinen Unterstützern.

Die Verteidiger würden nun das Urteil jedoch mit Blick darauf prüfen, einen Antrag an den High Court auf special leave zu stellen, so die Sprecherin Pells weiter. Damit ist offenbar ein Freigang aufgrund besonderer Umstände gemeint. Bislang hat Pell acht Monate hinter Gittern verbracht. Der Kardinal und emeritierte Präfekt des Sekretariats für Wirtschaft, der von Anfang seine Unschuld beteuert hat, war im vergangenen Dezember von einem Melbourner Geschworenengericht aufgrund der Aussage eines einzelnen Zeugen für schuldig befunden worden, im Jahr 1996 als Erzbischof von Melbourne zwei Chorknaben in der St.-Patricks-Kathedrale in der Sakristei sexuell missbraucht zu haben.

Mitte März war dafür das Strafmaß bekanntgegeben worden: Pell, der bereits seit mehreren Monaten in Untersuchungshaft im Melbourne Assessment Prison saß, wurde zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, mit einer vorzeitigen Entlassung nach drei Jahren bei guter Führung.

Die Beweislast im Verfahren gegen Pell beruhte allein auf den Aussagen eines einzelnen Zeugen. Demzufolge wurden die Chorknaben unmittelbar nach der Feier eines Hochamts bei geöffneter Tür, in vollem liturgischem Gewand in der Sakristei der Kathedrale sexuell missbraucht, während im Gotteshaus um sie herum Hochbetrieb herrschte – und obwohl Augenzeugen sagten, dass Pell zu dem Zeitpunkt weder in der Sakristei noch allein gewesen sei. Das zweite mutmaßliche Opfer, im Jahr 2014 verstorben, bestritt stets die Vorwürfe. Indizien oder gar forensische Beweise gab es ebenfalls keine. Und wie selbst die Staatsanwaltschaft einräumte – und Prozessbeobachter bestätigten – machte der einzige Zeuge zum Teil „widersprüchliche Angaben“.

Schuldig "beyond reasonable doubt"?

Konnten so die Geschworenen „beyond reasonable doubt“ – also ausreichend zweifelsfrei – entscheiden, dass Pell schuldig sei? Das war die Frage, über die nicht nur in Australien seit Monaten vehement debattiert wurde. Im Berufungsverfahren hatte das Team der Verteidiger Pells – allen voran der bekannte Anwalt Bret Walker aus Sydney – am 5. Juni mehrere Gründe angemeldet, warum die Beweislast alles andere als ausreiche für einen Schuldspruch.

Erstens hätten die Geschworenen ein Fehlurteil aufgrund einer einzelnen, fragwürdigen und unbewiesenen Aussage gefällt. Dieser Einschätzung stimmte Richter Mark Weinberg zu, während die anderen beiden Richter diese Begründung ablehnten. Keiner der Richter im Berufungsverfahren ließ den Vorwurf mehrer Verfahrensfehler gelten, den die Anwälte ebenfalls erhoben hatten. Unter anderem hatte es der Richter vor dem Schuldspruch im ersten Verfahren abgelehnt, ein Video der Verteidigung zuzulassen, dass die Lage der Räumlichkeiten der Kathedrale und Aufenthaltsorte der Beteiligten zeigte.

Viele Beobachter hatten mit einem Freispruch gerechnet

Bei der Anhörung am 6. Juni hatten zwei der drei Richter des Berufungsverfahrens die Ungereimtheiten deutlich angesprochen. Chris Maxwell, Präsident des Court of Appeal, bezeichnete damals die „Unergründlichkeit des Urteils“ der Geschworenen sogar als dessen „auffälligstes Merkmal“. Viele Beobachter – darunter auch entschiedene Gegner Pells – hatten danach mit einem Freispruch gerechnet, zumal die unbestätigten Aussagen eines einzelnen Zeugen in der Regel nicht ausreichen, um eine Verurteilung zu rechtfertigen.

Entgegen solcher Erwartungen haben die Richter des Berufungsgerichtes mit ihrer Zwei-zu-Eins-Entscheidung nun am 21. August das Urteil gegen Pell bestätigt. Eingangs erklärte Richter Mark Weinberg, warum er die angemeldeten „begründeten Zweifel“ an der Tatbeschreibung des Opfers anerkannt habe und deswegen für einen Freispruch Pells gewesen sei. In der 375 Seiten langen Urteilsbegründung nimmt seine Einschätzung 200 Seiten ein.

Zeugenangaben mit Diskrepanzen und Unzulänglichkeiten

Die vorsitzende Richterin Ferguson sagte anschließend, dass die Angaben des einzigen Zeugen nach Einschätzung von Richter Weinberg „Diskrepanzen enthielten, Unzulänglichkeiten aufwiesen“ und daher die Schuld Pells nicht zweifelsfrei belegen hätten können. Dies hätten jedoch sie und Richter Chris Maxwell anders beurteilt: Die Geschworenen hätten aufgrund der Aussagen durchaus zu einem Schuldspruch kommen können. Somit werde die Verurteilung Pells aufrecht erhalten.

In einer ersten Stellungnahme des Vatikans hieß es, der Heilige Stuhl bekräftige „seinen Respekt vor dem australischen Justizsystem, wie er am 26. Februar, nachdem das Urteil in erster Instanz verkündet wurde, erklärt hat, und erkennt die Entscheidung des Gerichts an, die Berufung von Kardinal Pell abzulehnen“. Gleichzeitig erinnere der Heilige Stuhl „daran, dass der Kardinal während des gesamten Gerichtsverfahrens stets seine Unschuld bewahrt hat und dass es sein Recht ist, beim Obersten Gerichtshof Berufung einzulegen“.

Pell könnte nochmals Berufung einlegen

Kardinal Pell könnte tatsächlich gegen die Entscheidung der Melbourner Richter vor dem Australian High Court in Canberra einen Antrag auf Berufung einlegen. Experten rechnen jedoch für einen solchen Fall mit geringen Chancen auf einen Erfolg, und Pells Anwälte haben bereits mitgeteilt, dass dieser Weg nicht eingeschlagen werde.