Wien

Schönborn: Zölibat kein „begünstigender Faktor“ für Missbrauch

Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn widerspricht Professor Paul Zulehner: Vergleiche mit dem Amazonasgebiet seien „an den Haaren herbeigezogen“.

Kardinal Christoph Schönborn
Glaubt nicht, "dass man alles lösen kann mit dem Amazonas-Schlüssel": der Wiener Kardinal Christoph Schönborn. Foto: Hans Punz (APA)

Deutliche Kritik am Wiener Pastoraltheologen Paul Zulehner hat der Erzbischof von Wien, Kardinal Christoph Schönborn, geübt. In einem ORF-Interview am Sonntagabend sagte Schönborn, der Vergleich zwischen dem Waldviertel und dem Amazonasgebiet sei „wirklich an den Haaren herbeigezogen“. Zulehner hatte unter Berufung auf die Amazonas-Synode auch „viri probati“ für seelsorglich unterversorgte Gebiete in Österreich gefordert. Im Gegensatz zu Zulehner glaube er nicht, „dass man alles lösen kann mit dem Amazonas-Schlüssel“.

Klare Orientierung am eigenen Weiheversprechen nötig

Enttäuscht zeigte sich der Wiener Kardinal darüber, „dass Zulehner und andere nicht auf den Ernst der Situation eingehen“, nämlich auf die Bedeutung Amazoniens für das Weltklima. Die römische Synode habe diese „dramatische politische Entscheidung in den Mittelpunkt gestellt“. Schönborn weiter: „Die Zerstörung des Amazonaswaldes hat direkt mit unserem Lebensstil zu tun.“ Schönborn erinnerte daran, dass die indigenen Völker des Amazonasgebietes durch eine „aggressive Agro-Industrie“ bedroht seien.

Vehement widersprach Kardinal Schönborn der These, der Zölibat sei „ein begünstigender Faktor“ für klerikalen Missbrauch. Er verwies darauf, dass die Mehrheit der Missbrauchsfälle sich im familiären Umfeld zutrage. Die Kirche bekämpfe den klerikalen Missbrauch durch „sehr viel strengere Maßstäbe“ bei der Auswahl und Ausbildung der Priesteramtskandidaten. Die Heilung der Missbrauchskrise liege nicht in der Abschaffung des Zölibats, sondern in der klaren Orientierung am eigenen Weiheversprechen. Die ehelose Nachfolge Jesu bleibe das Grundmuster des priesterlichen Dienstes.

Schönborn: „Eines Tages auch verheiratete Priester bei uns“

Unter Verweis auf die verheirateten Priester der mit Rom unierten Kirchen des byzantinischen Ritus sagte der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz, es werde zudem „eines Tages verheiratete Priester bei uns geben, wie es heute auch verheiratete Diakone gibt“. Er selbst habe auf der Amazonas-Synode auch dafür gestimmt, den Papst um eine neuerliche Prüfung der Frage des Diakonats der Frau zu bitten, weil diese Frage „nicht definitiv geklärt“ sei.