Vatikanstadt

Ringen um neuen Konsens

Die Internationale Theologenkommission blickt auf eine 50-jährige Geschichte zurück.

Die Schlüssel als Sinnbild der Binde- und Lösegewalt
Jesus Christus übergibt Petrus die Schlüssel als Sinnbild der Binde- und Lösegewalt. Die Internationale Theologische Kommission unterstützt seit 50 Jahren den Papst in seinem Dienst an der Einheit. Foto: IN

Der Internationalen Theologenkommission gilt zu ihrem 50-jährigen Jubiläum mein herzlicher Gruß und mein besonderer Segen.

Die Bischofssynode als regelmäßige Einrichtung im Leben der Kirche und die Internationale Theologenkommission sind beide von Papst Paul VI. der Kirche geschenkt worden, um die Erfahrungen des II. Vatikanischen Konzils festzuhalten und weiterzuführen. Die Entfremdung zwischen der in der weiten Welt sich entfaltenden Theologie und dem Lehramt des Papstes, die sich auf dem Konzil gezeigt hatte, sollte überwunden werden.

Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Päpstliche Bibelkommission geschaffen worden, die freilich in ihrer ursprünglichen Form selbst ein Teil des päpstlichen Lehramts darstellte, während sie nach dem II. Vaticanum zu einem Organ der theologischen Beratung des Lehramts umgeformt wurde und so diesem kompetente biblische Beratung zur Verfügung stellt. Nach der von Paul VI. geschaffenen Ordnung ist der Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre zugleich Präsident der Päpstlichen Bibelkommission und der Internationalen Theologenkommission, die sich jedoch ihren Sekretär aus der eigenen Mitte wählen. Damit sollte klargestellt sein, dass beide Kommissionen nicht ein Organ der Glaubenskongregation sind, was manche Theologen davon abhalten konnte, die Mitgliedschaft darin anzunehmen. Kardinal Franjo Šeper hat das Verhältnis des Präfekten der Glaubenskongregation und des Präsidenten der beiden Kommissionen mit der Struktur der österreichisch-ungarischen Monarchie verglichen: Der Kaiser von Österreich und der König von Ungarn war ein und dieselbe Person, während darüber hinaus die beiden Länder selbstständig nebeneinander lebten. Im übrigen stellt freilich die Kongregation für die Glaubenslehre ihre praktischen Möglichkeiten für die Sitzungen und deren Teilnehmer zur Verfügung und hat für diese Funktion die Figur des technischen Sekretärs gebildet, der jeweils die nötigen Hilfeleistungen sichert.

Beratung der Bischofssynode

Die Erwartungen, die an die neu geschaffene Internationale Theologenkommission geknüpft waren, sind zunächst zweifellos höher gewesen, als es sich im Lauf einer ein halbes Jahrhundert langen Geschichte durchführen ließ. Aus der ersten Sitzungsperiode der Kommission ging ein Werk über „Le ministere sacerdotal“ (10. Oktober 1970) hervor, das 1971 bei Du Cerf in Paris erschienen ist und als Hilfe für die erste große Zusammenkunft der Bischofssynode gedacht war.

Für die Synode selbst hat die Theologenkommission eine eigene Gruppe von Theologen benannt, die als Berater bei der ersten Sitzung der Bischofssynode zur Verfügung standen und mit einem außergewöhnlichen Aufwand an Arbeit ermöglicht haben, dass die Synode direkt ein von ihr geschaffenes Dokument über das Priestertum veröffentlichen konnte. Dies ist seither nie wieder geschehen. Stattdessen hat sich dann alsbald die Form der Postsynodalen Schreiben herausgebildet, die freilich nicht Texte der Synode, sondern päpstliche Lehrschreiben sind, die weitgehendst die Aussagen der Synode übernahmen und so doch mit dem Papst den Weltepiskopat sprechen ließen.(1)

Mir persönlich ist das erste Quinquennium der Internationalen Theologenkommission in besonderer Erinnerung geblieben. Es musste die Grundrichtung und die wesentliche Weise der Arbeit der Kommission festgelegt und damit definiert werden, in welcher Richtung das II. Vaticanum letztlich auszulegen war. Neben den großen Gestalten des Konzils – Henri De Lubac, Yves Congar, Karl Rahner, Jorge Medina Estevez, Philippe Delhaye, Gerard Philips, Carlo Colombo aus Mailand, der als persönlicher Theologe Paul's VI. angesehen wurde, und P. Cipriano Vagaggini – gehörten der Kommission bedeutende Theologen an, die auf dem Konzil merkwürdigerweise keinen Platz gefunden hatten.

"Die Frage, ob die katholische Kirche als volles
normales Glied dem Ökumenischen Weltrat
der Kirchen in Genf beitreten solle, wurde
zu einem entscheidenden Punkt, wie es mit
der Kirche nach dem Konzil weitergehen solle"

Außer Hans Urs von Balthasar war es vor allem Louis Bouyer, der als Konvertit und Mönch eine höchst eigenwillige Persönlichkeit war und mit seiner nonchalanten Direktheit von vielen Bischöfen nicht gemocht wurde, der aber doch ein großer Mitarbeiter mit einer unglaublichen Weite der Belesenheit war. Des Weiteren erschien nun auf der Bühne Pere Marie-Joseph Le Guillou, der vor allem während der Bischofssynode Nächte durchgearbeitet und so das eigene Dokument der Synode wesentlich ermöglicht hat; leider hat er sich durch diese radikale Art des Dienens bald die Parkinsonsche Erkrankung zugezogen und ist so zu früh aus diesem Leben und aus der theologischen Arbeit geschieden. Rudolf Schnackenburg verkörperte die deutsche Exegese in ihrem ganzen Anspruch. Ihm gegenüber wurden André Feuillet, aber auch Heinz Schürmann aus Erfurt mit einer mehr geistlich gestimmten Exegese gern als eine Art Gegenpol aufgenommen.

Schließlich muss ich noch Professor Johannes Feiner von Chur erwähnen, der als Vertreter des Päpstlichen Einheitsrates in der Kommission eine besondere Stellung innehatte. Die Frage, ob die katholische Kirche als volles normales Glied dem Ökumenischen Weltrat der Kirchen in Genf beitreten solle, wurde zu einem entscheidenden Punkt, wie es mit der Kirche nach dem Konzil weitergehen solle. Nach einer dramatischen Auseinandersetzung wurde schließlich die Frage mit Nein entschieden, was Feiner und Rahner zum Austritt aus der Kommission veranlasste.

In der Theologenkommission des zweiten Quinquenniums erschienen neue Gestalten: Zwei junge Italiener, Carlo Caffarra und P. Raniero Cantalamessa, gaben der Theologie der italienischen Sprache ein neues Gewicht. Die deutschsprachige Theologie war außer den bisherigen Teilnehmern mit Pater Otto Semmelroth SI durch einen Konzilstheologen verstärkt, dessen Fähigkeit, Texte schnell nach entsprechenden Bedürfnissen zu formulieren, sich wie im Konzil so auch in der Kommission als hilfreich erwies. Neben ihm ist mit Karl Lehmann eine neue Generation auf den Plan getreten, deren Sichtweise in den nun entstandenen Dokumenten sich deutlich zur Geltung bringt. Doch ich will hier nicht fortfahren mit der Darstellung der in der Theologenkommission wirkenden Personen, sondern noch einige Anmerkungen über die gewählten Themen machen.

Am Anfang stehen die Fragen nach dem Verhältnis von Lehramt und Theologie, die notwendigerweise immerfort weiter reflektiert werden müssen. Was über dieses Thema von der Kommission in Laufe eines halben Jahrhunderts gesagt wurde, verdient neu gehört und bedacht zu werden.

Unter der Stabführung von Lehmann ist dann aber auch die Grundfrage von „Gaudium et spes", das heißt die Problematik von menschlichem Fortschritt und christlichem Heil durchleuchtet worden. Dabei kam unvermeidlich auch das Thema der Befreiungstheologie zur Sprache, das zu diesem Zeitpunkt keineswegs ein nur theoretisches Problem war, sondern das Leben der Kirche in Südamerika ganz praktisch bestimmte und auch bedrohte. Dem konkreten, auch politischen Gewicht der Frage entsprach die Leidenschaft der Theologen.(2)

Schwerpunkt: Moral und Befreiungstheologie

Neben den Fragen um die Beziehung zwischen dem Lehramt der Kirche und dem Lehrauftrag der Theologie ist die Frage nach der Moraltheologie immer ein Schwerpunkt in der Arbeit der Theologenkommission gewesen. Es ist vielleicht bezeichnend, dass am Anfang nicht die Stimme von Moraltheologen steht, sondern die von Exegeten und von Dogmatikern: Heinz Schürmann und Hans Urs von Balthasar haben 1974 mit ihren Thesen das Gespräch eröffnet, das dann 1977 mit der Diskussion über das Sakrament der Ehe weitergeführt wurde.

Das Gegeneinander der Positionen und das Fehlen einer gemeinsamen Grundausrichtung, worunter wir heute noch genauso leiden, ist mir damals in unerhörter Weise deutlich geworden: Auf der einen Seite war der amerikanische Moraltheologe Professor William May, vielfacher Familienvater, der immer mit seiner Gattin bei uns war und die strengste alte Sichtweise vertrat. Er hat zweimal erleben müssen, was sonst niemals geschehen ist, dass seine Vorlage einstimmig abgelehnt wurde. Er brach in Tränen aus, und ich konnte ihn auch nicht wirksam trösten. Ihm nahe stand meiner Erinnerung nach der in Amerika wirkende Professor John Finnis, der denselben Grundansatz auf neue Weise ausdrückte. Er wurde zwar theologisch ernst genommen, konnte aber doch keinen Konsens erreichen.

Ringen um Konsens weiterführen

Im fünften Quinquennium war dann aus der Schule von Professor Tadeusz Styczen, dem Freund von Papst Johannes Paul II., Professor Andrzej Szoztek, ein gescheiter und vorwärtsführender Vertreter der klassischen Position, der aber doch nicht einen Konsens zu schaffen vermochte. Schließlich hat Pater Servais Pinckaers vom heiligen Thomas her eine Tugendethik zu entwickeln versucht, die mir als sehr einleuchtend erschien, aber ebenfalls keinen Konsens erzielte.

Wie schwierig die Lage ist, mag man auch daraus ersehen, dass Johannes Paul II., dem die Moraltheologie besonders am Herzen lag, schließlich die Endgestalt seiner Moralenzyklika „Veritatis splendor“ zurückgestellt hat und zunächst den „Katechismus der katholischen Kirche“ abwarten wollte. Erst am 6. August 1993 hat er dann seine Enzyklika veröffentlicht und dafür nochmals neue Mitarbeiter gefunden.

Ich denke, dass die Theologenkommission die Frage im Blick behalten und das Ringen um einen Konsens im Wesentlichen weiterführen muss. Schließlich möchte ich noch einen Aspekt der Arbeit der Kommission ins Licht rücken. Es hat sich immer mehr und immer stärker in ihr auch die Stimme der jungen Kirchen vernehmlich gemacht: die Frage, inwieweit sie an die abendländische Tradition gebunden sind und inwieweit die anderen Kulturen eine neue theologische Kultur bestimmen können. Es waren besonders die Theologen aus Afrika einerseits und die aus Indien auf der anderen Seite, die diese Frage erhoben haben, ohne dass sie bisher im eigentlichen Sinn thematisch geworden war. Ebenso ist der Dialog mit den anderen großen Religionen der Welt bisher nicht thematisch geworden.(3)

Am Ende ein Wort großer Dankbarkeit

Am Ende muss trotz aller Unzulänglichkeiten menschlichen Suchens und Fragens ein Wort großer Dankbarkeit stehen. Die Internationale Theologenkommission hat trotz allen Mühens nicht eine moralische Einheit von Theologie und Theologen in der Welt erreichen können. Wer das erwartet hatte, hatte falsche Vorstellungen von den Möglichkeiten einer solchen Arbeit. Aber sie ist doch eine Stimme geworden, auf die man hört und die irgendwie die Grundrichtung aufzeigt, in der sich ernsthaftes theologisches Mühen in dieser Stunde der Geschichte bewegen muss. Mit dem Dank für das in einem halben Jahrhundert Geschehene verbinden wir die Hoffnung auf eine weitere fruchtbare Arbeit, in der der eine Glaube auch eine gemeinsame Grundrichtung des Denkens und Sprechens von Gott und seiner Offenbarung erwirken kann.

Was mich persönlich angeht, so hat meine Arbeit in der Internationalen Theologenkommission mir die Freude der Begegnung mit anderen Sprachen und Denkformen geschenkt. Vor allem aber ist sie mir immer wieder zum Anlass für Demut geworden, die die Grenzen des Eigenen sieht und so für das Größere der Wahrheit öffnet. Nur Demut kann Wahrheit finden, und Wahrheit wiederum ist die Grundlage für die Liebe, auf die letztlich alles ankommt.

Vatikanstadt, Monastero „Mater Ecclesiae“, 22. Oktober 2019,

Benedikt XVI.

Fußnoten

(1) Eine gewisse Ausnahme bildet das 2003 veröffentlichte Dokument über den Diakonat, das im Auftrag der Kongregation für die Glaubenslehre erarbeitet worden ist und Orientierung geben sollte in der Frage des Diakonats, besonders auch über die Frage, ob dieses sakramentale Amt auch Frauen erteilt werden könne. Das mit großer Sorgfalt erarbeitete Dokument ist nicht zu einem eindeutigen Ergebnis über ein eventuelles Diakonat für die Frauen gekommen. Man beschloss, die Frage den ostkirchlichen Patriarchen zu unterbreiten, von denen allerdings nur sehr wenige geantwortet haben. Es zeigte sich, dass die Fragestellung als solche in der ostkirchlichen Tradition schwer verständlich ist. So endete diese umfangreiche Studie schließlich mit der Entscheidung, dass rein historisch eine endgültige Gewissheit nicht zu gewinnen sei. Die Frage müsse letztlich vom Lehramt entschieden werden. Cfr. Commissione Teologica Internazionale, Documenti 1969–2004, Edizioni Studio Dominicano, Bologna 22010, 651–766.

(2) Hier sei mir eine kleine persönliche Erinnerung gestattet. Mein Freund P. Juan Alfaro SI, der in der Gregoriana vor allen Dingen die Lehre von der Gnade vertrat, hatte sich aus mir ganz unbegreiflichen Gründen zu einem leidenschaftlichen Vertreter der Befreiungstheologie entwickelt. Weil ich die Freundschaft mit ihm nicht verlieren wollte, habe ich das einzige Mal in den Jahren meiner Zugehörigkeit zur Kommission die Vollversammlung geschwänzt.

(3) Einen merkwürdigen Sonderfall möchte ich hier doch noch erwähnen. Ein japanischer Jesuit, P. Shun?ichi Takayanagi, hatte sich vollständig mit dem Denken des deutschen lutherischen Theologen Gerhard Ebeling vertraut gemacht, so dass er ganz aus dessen Denken und aus dessen Sprache heraus argumentierte. Aber niemand in der Theologenkommission kannte Ebeling gut genug, um ein fruchtbares Gespräch zu ermöglichen, so dass der gelehrte japanische Jesuit die Kommission verließ, weil seine Sprache und sein Denken dort keinen Ort finden konnten.

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