Vatikanstadt

Rauchende Colts im Vatikan

Doch wo ist die Leiche? Zum Kampf um Macht und Geld hinter heiligen Mauern.

Finanzskandal im Vatikan
Dass im Vatikan alles, was mit Finanzen zu tun hat, ein vermintes Gelände ist, weiß man schon lange. Foto: adobe.stock.com

Seit dem Rückflug von Papst Franziskus von Tokio nach Rom weiß man, dass es in den wirtschaftlichen Angelegenheiten des Vatikans einen handfesten Skandal gegeben hat. Das zumindest gab der Papst zu verstehen, als er auf die Frage einer mitfliegenden Journalistin unumwunden zugab, dass die vatikanische Staatsanwaltschaft eine Untersuchung aufgenommen habe, weil „hässliche Dinge“ bei der Verwaltung von Spendengeldern geschehen seien: „Da ist passiert, was passiert ist: ein Skandal. Die haben Dinge getan, die nicht sauber wirken“, sagte Franziskus bei der „fliegenden Pressekonferenz“. „Aber die Anzeige ist diesmal nicht von außen gekommen, es war der interne Revisor, der gesagt hat, da stimmt etwas nicht. Ich habe ihn gefragt: Sind Sie sicher? Ja, hat er geantwortet, und dann hat er gefragt, was er tun solle. Ich: Dafür ist die vatikanische Justiz da. Gehen Sie und zeigen Sie das bei der vatikanischen Staatsanwaltschaft an. Und in dieser Hinsicht war ich zufrieden; man sieht, dass die vatikanische Verwaltung jetzt die Ressourcen hat, um die hässlichen Dinge zu klären, die intern passieren.“ Es habe „Fälle von Korruption“ gegeben – und Geldsummen, die nicht gut verwaltet worden seien.

Geldsummen, die nicht gut verwaltet wurden

Dass im Vatikan alles, was mit den Finanzen zu tun hat, ein vermintes Gelände ist, weiß man schon lange. Man kann zurückgehen zu der Zeit in den Anfängen des Pontifikats von Papst Franziskus, als der australische Kardinal George Pell als Präfekt des neu geschaffenen Wirtschaftssekretariats begann, sich Einblicke in die Vermögensverhältnisse kurialer Organismen wie der Güter- und Vermögensverwaltung des Vatikans, der APSA, des Staatssekretariats oder der mit Immobilien reich gesegneten Kongregationen wie der „Propaganda Fide“ zu verschaffen. Es folgte 2015 der Prozess zu Vatileaks II, weil vertrauliche Dokumente aus der Expertenkommission COSEA, die die Finanzreform des Vatikans vorbereiten sollte, in die Hände von Journalisten gelangt waren. Zwei Bücher erschienen, „Avarizia“ (Geiz) von Emiliano Fittipaldi und „Via Crucis“ (Kreuzweg) von Gianluigi Nuzzi, die schlimmste Zustände in Sachen Geldwirtschaft im Vatikan zu enthüllen versuchten.

Man kann weitergehen zu der unsanften Entlassung des vatikanischen Wirtschaftsprüfers Libero Milone im Jahr 2017, die der damalige Substitut im Staatssekretariat, der heutige Kardinal Angelo Becciu, betrieben hat. Wenn Papst Franziskus jetzt im Flugzeug vom „internen Revisor“ sprach, dann war das nicht der Nachfolger Milones, den es immer noch nicht gibt, sondern ein Mann der zweiten Reihe aus dem Büro des Revisors namens Alessandro Cassinis Righini. Der Vatikan hat die Vorwürfe gegen Milone, den Becciu des Ausspähens privater Angelegenheiten von Kurienprälaten bezichtigte, inzwischen fallengelassen, aber rehabilitiert oder gar wieder eingestellt wurde Milone nicht.

2019 überschlagen sich die Ereignisse

In diesem Jahr haben sich die Dinge schließlich überschlagen. Die vatikanische Gendarmerie konfiszierte Anfang Oktober Computer im Staatssekretariat und in der für die Bekämpfung von Geldwäsche zuständigen Finanzaufsicht, der von Benedikt XVI. 2012 errichteten AIF. Fünf Mitarbeiter des Vatikans wurden vom Dienst suspendiert, unter ihnen der zweite Mann der AIF, Direktor Tommaso Di Ruzza. Der Journalist Fittipaldi veröffentlichte eine Titelgeschichte im italienischen Magazin „L’Espresso“ und sein Kollege Nuzzi ließ das nächste Buch folgen: „Giudizio universale“ (Das Jüngste Gericht). Bei beiden geht es um den bankrotten Vatikan, den Versuch, Löcher im Haushalt mit den Spenden des „Peterspfennigs“ zu stopfen, und ein gescheitertes Investment des vatikanischen Staatssekretariats in London, wo eine zweihundert Millionen schwere Immobilie dazu dienen sollte, Gelder des Vatikans gewinnbringend anzulegen. Diese Praxis des Vatikans, Spendengelder, auch die aus dem „Peterspfennig“, zur Wertmehrung in Anlageobjekte zu investieren, hat der Papst jedoch vor den Journalisten auf dem Rückflug von Tokio als „gute Verwaltung“ ausdrücklich verteidigt.

Dann die prominenten Opfer des jüngsten Finanzskandals: Der Chef der vatikanischen Gendarmerie, Domenico Giani, musste seinen Hut nehmen, weil der „Steckbrief“ von den fünf vom Dienst suspendierten Mitarbeitern des Vatikans in den Medien aufgetaucht war und als Vorverurteilung der Beschuldigten galt. Zuletzt der Wechsel an der Spitze der AIF. Nachdem der Vatikan vor der Ostasienreise von Franziskus überraschend bekanntgegeben hatte, dass das fünfjährige Mandat des bisherigen Präsidenten Rene Brülhart ausläuft, kam am Tag nach der Rückkehr des Papstes aus Japan die Ernennung des Nachfolgers. Es ist der Finanzexperte Carmelo Barbagallo, der lange Jahre in der Finanzaufsicht der Italienischen Zentralbank gearbeitet hat und zuletzt Berater der Nationalbank für die Bekämpfung von Geldwäsche war. Dass er ein „auslaufendes Mandat“ innehatte, hat der scheidende Präsident Brülhart allerdings bestritten. Gegenüber der Nachrichtenagentur „Reuters“ erklärte er, seine Anstellung sei nicht zeitlich befristet gewesen.

Zum tatsächlichen Skandal hält sich der Papst bedeckt

Auf der genannten „fliegenden Pressekonferenz“ zwischen Tokio und Rom hat Franziskus die Gründe angedeutet, warum er sich von Brülhart trennen wollte: Dieser habe über die „Egmont Group“, einen freiwilligen internationalen Zusammenschluss von Finanzaufsichtsbehörden, deren zweiter Mann Brülhart in der Vergangenheit war, Druck auf den Vatikan ausüben lassen, um die bei der Razzia beschlagnahmten Akten zurückzuerhalten. Überall im Vatikan „rauchende Colts“. Doch welche „Leiche“ da konkret im Keller liegt, also was der Skandal tatsächlich war, über den Franziskus im Flugzeug sprach – das weiß man nicht.

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