Würzburg

Querida Germania

Was das nachsynodale Schreiben von Papst Franziskus der Kirche in Deutschland zu sagen hat.

Synodaler Weg und Amazonasschreiben
Quo vadis, Germania? Der Papst hat mit dem Amazonasschreiben Grenzen gesetzt. Eucharistiefeier bei der ersten Versammlung des Synodalen Weges. Foto: Andreas Arnold (dpa)

Mit „Querida amazonia“ hat Papst Franziskus primär den konkreten Raum der Kirche Südamerikas im Blick. Aber dieses Schreiben auf der lehramtlichen Ebene einer päpstlichen „Exhortatio“ betrifft implizit auch die deutsche Kirche. Die wenigen Nummern des nachsynodalen Schreibens, die sich der Amtstheologie widmen (vor allem Nr. 87ff u. Nr. 99ff) treffen den Nerv jener Debattenlage, für die der sogenannte Synodale Weg mit seinen bekannten Themen insgesamt steht.

Von daher müssen die entsprechenden Aussagen von „Querida amazonia“ auch im Licht jenes bemerkenswerten Vorgangs gelesen werden, den der Brief des Papstes im Vorfeld des Synodalen Weges „an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ darstellt. In ihm drückte er seine Sorge um die Befindlichkeit des deutschen Katholizismus aus, den er auf dem Weg in eine Nationalkirche sieht, die sich von der weltkirchlichen Einheit loslöst. Dieses Schreiben wurde zur Kenntnis genommen, blieb aber letztlich folgenlos. Die Debatten um sexuellen Missbrauch, Zölibat, Macht in der Kirche und ein mögliches Weiheamt für Frauen folgten einer eigenen theologischen Regie. Man ging entschlossen den deutschen Weg, von dem, so die entsprechenden Protagonisten aus Episkopat und Theologie, die gesamte Weltkirche lernen sollte. Es konnte darum auch nicht mehr erstaunen, wenn schließlich auch öffentlich zu hören war, man müsse diesen Weg in die Zukunft der Kirche entschieden gehen, selbst um den Preis einer Kirchenspaltung. Dann würde eine ekklesiologische Avantgarde die Bewahrer eben hinter sich lassen, um endlich in einer gesellschaftskompatiblen und (macht-)theologisch abgerüsteten Kirche des Volkes anzukommen, der genügend Priester und vielleicht auch Priesterinnen zur Verfügung stehen.

Instrumentalisiert Deutschland die Synode?

Allen, die sich dafür stark machen, dürfen ehrenhafte Absichten unterstellt werden, auch wenn die Ziele theologisch fragwürdig sind. Und fragwürdig sind auch die entsprechenden Mittel. Nicht selten war von den entsprechenden Meinungsführern in der Theologenschaft zu hören, die Amazonassynode sei nun endlich der ekklesiologische Hebel hinein in die Themen, die eine zeitgemäße Kirche brauche. So bleibt zu fragen, ob die Synode nicht zu Unrecht für deutsche Befindlichkeiten instrumentalisiert wurde. Dies könnte auch für das sensible Thema des kirchlichen Missbrauchs gelten. Erst jüngst kam die Frage auf, ob die Fakten der MHG-Studie nicht vorschnell zu amtstheologischen Gegenargumenten umstilisiert wurden. In alledem artikuliert sich ein vehementer antihierarchischer Affekt in der Kirche. Der aber zeigt, dass es dabei eigentlich nur um eine komplementäre Machtfrage geht, die mit dem männlich-zölibatären Amt auch die lebendige Tradition des Glaubens und die in ihr wirksamen dogmatischen Momente nicht nur in Frage stellt, sondern als schlichtweg irrelevant für die Kirche erachtet. Man will den alten Ballast einer relativierbaren Tradition, die es, so wird behauptet, als solche nie gab und die nur dogmatisch konstruiert sei, abwerfen. Dies, um in der Gesellschaft anzukommen, damit die Menschen diese Kirche wieder akzeptabel finden können, weil sie in ihr den religiösen Raum ihres eigenen Selbstverständnisses vorfinden.

Kirchliches Priestertum hat gesamtbiblische Normativität

Dieser Form von Theologie hat Franziskus nun mit dem Gewicht seiner kirchlichen Autorität eine entschiedene Absage erteilt. Inmitten dieses Durcheinanders hat er das theologische Apriori offengelegt, von dem sich amtstheologische Überlegungen künftig bestimmen lassen müssen und hinter das nicht mehr zurückgegangen werden kann. Dies war nötig, weil nicht nur Kirchenpolitiker aus den Reihen der Theologie und auch manche Bischöfe mit oft unterbelichteten Aussagen (neben dem Kardinal aus München ist hier vor allem Bischof Bode zu nennen) den Eindruck erweckten, es sei eine theologisch neue und andere Zeit in der Kirche angebrochen. Mit seinen amtstheologischen Einlassungen affirmiert der Papst nun, dass das katholische Amtspriestertum seiner theologischen Substanz nach nicht willkürlich zur Disposition steht. Es kann theologisch nicht beliebig nach  funktionalen oder gesellschaftskonformen Prämissen umgebaut werden.

Dies scheint für den Papst auch beim priesterlichen Zölibat zu gelten, auch wenn er sich dazu nicht dezidiert äußert. Er hätte den Vorschlag der Weihe von verheirateten Männern (viri probati) aufgreifen können. Dies hat er nicht getan. Insofern hat Franziskus dann doch das zölibatäre Priestertum des männlichen Weiheamtes als das amtstheologische Zentrum benannt. Diese päpstliche Bekräftigung untermauern ernsthafte theologiegeschichtliche und exegetische Einsichten, die zeigen, dass das kirchliche Priestertum eine gesamtbiblische Normativität bei sich hat, die ihm starkes Gewicht gibt. Vielleicht ist es ja trotz aller Irritationen eine glückliche Koinzidenz, dass die Aussagen von Franziskus im Aufsatz aus der Hand Benedikts XVI. eine starke theologische Stütze finden, für deren Publikation man Kardinal Sarah danken darf (vgl. dazu ebenfalls: Marc Kardinal Ouellet: Freunde des Bräutigams. Für ein erneuertes Verständnis des Priestertums, Einsiedeln u. ö. 2019).

Kirche entspricht nicht der gegenwärtigen demokratischen Gesellschaft

Papst Franziskus macht hinsichtlich der Idee eines Weiheamtes von Frauen gerade auf jenen gefährlichen Aspekt aufmerksam, den ich oben als die komplementäre Machtfrage markiert habe: das Thema Macht – nur unter umgekehrten Vorzeichen. Auf einer anderen, höheren Ebene betont der Papst, dass Frauen selbstverständlich ihr Platz in der Kirche bis hinauf in höchste Kompetenzen zukommen muss. Das Weiheamt gehört nicht dazu, dies aber nicht aus soziologischen, sondern einzig aus theologischen Gründen. Weil die Kirche etwas anderes ist als die gegenwärtige demokratische Gesellschaft. Wenn Franziskus in diesem Zusammenhang die mögliche Weihe von Frauen mit der Gefahr ihrer „Klerikalisierung“ in Verbindung bringt, so ist dies Aussage gerade nicht „peinlich“, wie Paul Zulehner in seinem Blog meint. Denn der Papst bringt theologisch auf dem Punkt, worum es bei allen Rollen und Sendungen in der Kirche geht: dass eine legitime und authentische Aufgabe dort nicht mit einer Position von Macht verknüpft ist, weil sie Dienst im Glauben sein soll.
Das eben ist der Grund, warum der Papst den pervertierten Amtsstil des Klerikalismus bei Vertretern des männlichen Weiheamtes immer wieder aufs schärfste brandmarkt. Denn Macht ist in ihrer politischen Konnotation gerade keine taugliche Kategorie für christologische Kompetenzen in der Kirche, die ihre Logik allein in der Vollmacht des hingegebenen Herrn hat. Diese müssen von daher gefasst und gelebt werden. Und, so der Papst, viele Frauen in der Kirche sind auf ihre Weise längst höchst kirchenstiftend im Volk Gottes tätig und darin unersetzbar. Ein großes Kompliment, das Franziskus allen Frauen in der geschwisterlichen Kirche macht!

Mit seinen knappen amtstheologischen Aussagen hat Franziskus die unhintergehbare theologische Mitte auch für den gegenwärtigen Diskurs in Deutschland wieder offengelegt und sichtbar gemacht. Man kann nicht mehr daran vorbei argumentieren. Dies konstatieren auch die meisten der Theologen, die sich für die andere Position stark gemacht haben, so auch der Dogmatiker Michael Seewald aus Münster. Zwar zeigen andere Äußerungen und Kommentare bereits, dass man längst nach Wegen sucht, die päpstlichen Aussagen wieder zu unterlaufen. Trotzdem – oder gerade deshalb! – sind diese wenigen Sätze des Papstes geeignet, in eine aufgeregt und nebulös gewordene deutsche katholische Theologie wieder Ruhe und Orientierung, Maß und Ziel zu bringen.

Die Zeitzeichen im Licht des Evangeliums deuten

Es ist zu hoffen, dass die Theologie in Deutschland ihn in seiner gesamtkirchlichen Autorität noch hören kann. Denn ihr Auftrag ist nicht, die Kirche an die Welt anzugleichen und die Theologie von den Zeichen der Zeit her zu interpretieren. Es ist genau umgekehrt. Das Konzil spricht davon, die Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums zu deuten. Denn die Kirche lebt aus einer Glaubenseinsicht, die weit mehr und anderes ist, als sich eine liberale Ekklesiologie zurechtlegt: Sie wird auch amtstheologisch nur authentisch aus einer Einsicht in die Gestalt des Christlichen, die sich im lebendigen Glauben dem Verstehen erschließt. Der einzige, doch höchst anspruchsvolle Auftrag kirchlicher Theologie ist es, diese Gestalt des Christlichen vor und in der Welt auszulegen und zu leben.

Insofern sind die Aussagen des Papstes zu Recht auch eine erneute Kritik an einem missbräuchlichen, männlich-machtpolitischen Amtstil. Jenseits von Machismus und Genderismus in der Kirche verweist der Papst so auf einen „dritten Weg“ in der Logik christlichen Dienens aus dem Glauben, in dem jeder und  jede jenseits von soziologischen Geschlechterkonstrukten „das Ihre“ und „das Seine“ tun kann und soll. Dies ist etwas völlig anderes als eine theologische Kirchenpolitik mit Vorzeichen, die einer Kirche in der Spur des Evangeliums wesensfremd sind und dann auf falsche Wege führen. Um es abschließend mit Henri de Lubac zu sagen: „Das Bündnis zwischen kritischem und religiösem Geist ist stets ein Unterpfand christlicher Erneuerung.“ (Krise zum Heil, 67). Auch eine solche Theologie gibt es.

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