Washington

Quelle der Überlieferung

In Washington wird einer der seltensten und am besten erhaltenen Pentateuch-Texte ausgestellt.

Schmuckseite aus dem Kodex Leningradensis
Der Kodex Leningradensis geht ebenso wie der Washingtoner Pentateuch auf das Wirken der jüdischen Familie Ben-Ascher zurück und ist eine wichtige Quelle für die Überlieferung der Heiligen Schrift. Foto: IN

Dieses Werk ist ein Fenster in eine Ära, vor einem Jahrtausend, die als Grundlage dafür dient, wie wir die Bibel heute verstehen und darüber diskutieren.“ Mit diesen Worten preist der Chefkurator des „Museum of the Bible“ in Washington einen nun öffentlich ausgestellten Bibelkodex, der die sogenannten fünf Bücher Mose, den Pentateuch umfasst. „Der Washingtoner Pentateuch überlebt als einer der seltensten und am besten erhaltenen Texte, der als Grundlage für viele moderne Bibeln dient“, erklärt Herschel Hepler, der die Ausstellung „Ein Zaun um die Tora“, deren einziges Ausstellungsstück dieses Manuskript ist, kuratiert hat.

Für unbekannte Summe von jüdischem Bibelsammler erstanden

Das Museum hat den Washingtoner Pentateuch für eine unbekannte Summe von einem jüdischen Bibelsammler aus London erstanden. Zuvor führte der Weg des Manuskriptes über Tiberias in Israel unter anderem in die Krim, nach Moskau und schließlich in das 2017 von dem evangelikalen Unternehmer Steve Green gegründete Museum of the Bible. Eine der Wegstationen ist in einer Widmung am Ende des Kodexes festgehalten: 1835 schenkte eine jüdische Gemeinde in der heutigen Ukraine das wertvolle Buch dem orthodoxen Erzbischof von Cherson.

Die besondere Bedeutung liegt nach Herschel Hepler jedoch nicht nur in der Geschichte des Kodex, sondern vor allem in seinem Inhalt: „Dieses bemerkenswerte Buch enthält den sogenannten masoretischen Text: den maßgeblichen Text der Hebräischen Bibel in der jüdischen und westlichen christlichen Tradition.“ Zwar entstanden die hebräischen und aramäischen Schriften des Alten Testaments bereits vor der Geburt Jesu und Paulus bezeichnete sie bereits als „Heilige Schrift“. Aber heutige Übersetzungen des Alten Testaments haben als Grundlage den erst aus dem Jahr 1009 stammenden Kodex Leningradensis.

Schriftliche Sicherung der mündlichen Tradition

Dieser gehört ebenso wie der Washingtoner Pentateuch zu den wenigen erhaltenen, im 10. und 11. Jahrhundert entstandenen Kodizes, die auf das Wirken der jüdischen Familie Ben-Ascher zurückgehen. Sie wirkte über mehrere Generationen in der Stadt Tiberias in Galiläa. Sie und andere Familien sicherten ab dem 7. Jahrhundert den bis dahin nur aus Konsonanten bestehenden Text der Jüdischen Bibel. Bereits zur Zeit Jesu war die Alltagssprache nicht mehr Hebräisch, sondern Aramäisch und die Art und Weise des Lesens und Vortragens der hebräischen, heiligen Schriften wurde von Generation zu Generation mündlich tradiert. Tradition heißt auf Hebräisch „Masora“ und das System der Familie Ben-Ascher setzte sich zur schriftlichen Sicherung dieser Tradition durch – sie, die den Textbestand auf diese Weise gesichert haben, nennt man die Masoreten.

Wenn beim Lesen nur Konsonanten vorgegeben sind, ergeben sich verschiedene Lesemöglichkeiten, je nachdem, welche Vokale man mündlich einsetzt. Daher wurde ab dem 7. Jahrhundert mit Hilfe hinzugefügter Punkte und Striche eine Vokalisation eingefügt, ohne den Buchstabenbestand zu verändern. Auch wurde eine Art Interpunktion eingefügt, um den Sinn der Syntax festzuschreiben. Doch die Arbeit der Masoreten war noch umfassender und sie können als erste Textkritiker der Bibel angesehen werden. Am Seitenrand vermerkten sie, wenn ein Wort trotz der gegebenen Konsonanten anders gelesen werden müsse. Und sie sicherten den Text gegen weitere Abschreibfehler, indem sie besondere oder einzigartige Worte markierten. Zum Zwecke der Textsicherung teilten sie den Text auch in Abschnitte und Verse ein. Die Masoreten entwickelten verschiedene Systeme zu Absicherung des Textes und seiner Aussprache – durchgesetzt hat sich am Ende das System der Familie Ben-Ascher, wie es heute in allen hebräischen Bibeln abgedruckt ist.

Kodex im 11. Jahrhundert entstanden

Aus der Arbeit dieser Familie stammt auch der Washingtoner Pentateuch. Die Handschrift und kalligrafische Eigenheiten zeigen, dass dieser Kodex vermutlich vom gleichen Schreiber wie der Kairoer Prophetenkodex stammt. Gemäß einem beigefügten Kolophon stammte dieser von Mosche Ben-Ascher und wurde 895 geschrieben. Forschungen an der Hebräischen Universität in Jerusalem legen jedoch nahe, dass dieser Kodex erst im 11. Jahrhundert entstanden ist, und somit wahrscheinlich eine Abschrift des von der Hand Mosche Ben-Ascher stammenden Manuskriptes ist. Von Mosche Ben-Ascher oder einem seiner Schüler stammt auch der Washingtoner Pentateuch.

Er besteht aus 247 Folios und ist dimensional der größte erhaltene hebräische Bibelkodex aus dieser Zeit. Er misst 39,5 mal 35,5 Zentimeter. Dass in dieser Zeit Hebräische Bibeln in der Form eines Kodex erschienen, ist von einschneidender Bedeutung. Im jüdischen Religionsgesetz, wie es im Talmud diskutiert und fixiert wurde, wird vorgeschrieben, dass die für den Gottesdienst zu verwendenden Bibeltexte gemäß alter Tradition auf Schriftrollen und als reiner Konsonantenbestand geschrieben werden müssen. Die Form des Kodex, mehrfach gefaltete Blätter, die zusammengebunden und deren Faltlinien danach geschnitten werden, hatte sich bereits seit dem vierten Jahrhundert als die meistgebrauchte Buchform durchgesetzt. In dieser Zeit entstand auch der Codex Sinaiticus, der die älteste vollständig erhaltene Abschrift des Neuen Testaments enthält.

Buchform anfänglich als heidnisch und christlich abgelehnt

In der jüdischen Tradition wurde die Buchform des Kodex anfänglich jedoch als heidnisch und christlich abgelehnt und gewann erst durch den islamischen Einfluss an Bedeutung. Durch diese Form und die abgesicherten masoretischen Texte veränderte sich der Umgang mit dem heiligen Text, wie der Harvard-Professor für Jüdische Studien David Stern zur Eröffnung der Ausstellung des Washingtoner Pentateuch erklärte: „Solange wie die Torah nur in monumentalen Buchrollen niedergeschrieben war, kannten ihre Studierenden sie vor allem durch Auswendiglernen, indem sie sie vorgetragen gehört haben – sei es in der Synagoge oder im Lehrhaus. Durch die Einführung des Kodex hat sich dies geändert. Studierende fingen an, die Bibel mit ihren eigenen Augen zu lesen. Und sie begannen den Text als einen visuell gelernten Text zu studieren – und nicht mehr nur oral.“

Die Masoreten beeinflussten so entscheidend aber nicht nur das jüdische Lernen der Bibel, sondern sie schafften auch die Grundlage für die meisten heutigen Übersetzungen des christlichen Alten Testaments. Wie die Textfunde in Qumran am Toten Meer gezeigt haben, gab es in der Zeit des dritten Jahrhunderts vor Christus bis zum ersten Jahrhundert nach Christus von den gleichen biblischen Schriften verschiedene Textvarianten, die parallel nebeneinander existierten. Eine dieser Texttraditionen floss in die antike Übersetzung der alttestamentlichen Schriften ins Griechische, die Septuaginta. Sie wurde zu der Heiligen Schrift der ersten Christen, der sie das Neue Testament anfügten. Die dominierende Texttradition zur Zeit Jesu war jedoch diejenige, die die Masoreten Jahrhunderte später begannen, textkritisch abzusichern. Auf ihre Arbeit stützen sich heutige, auch christliche Übersetzungen der hebräischen Schriften des Alten Testaments – und der Washingtoner Pentateuch ist hierfür ein wichtiger Zeuge.

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