Vatikanstadt

Protagonist einer erstarrten Kirche

Für Papst Franziskus ist eine Kirche ohne Volk ein Widerspruch in sich, aber auch ein Widerspruch, den er selber nicht auflösen kann.

Papst Franziskus und die Corona-Krise
Bild eines einsamen Hirten: Papst Franziskus segnet den nahezu menschenleeren Petersplatz. Foto: - (Vatikan Media)

Es sei eine Zeit der Stille, so Papst Franziskus am Dienstag zu Beginn seiner Predigt in Santa Marta Marta, der 38. morgendlichen Messe, die er nun seit Ausbruch der Corona-Krise über Live-Stream für seine virtuelle Gemeinde feiert. „Möge diese Stille, die in unseren Gewohnheiten ein wenig neu ist, uns lehren, zuzuhören, und uns in unserer Fähigkeit zum Zuhören wachsen lassen.“

Aufleben des kirchlichen Lebens nach dem 4. Mai?

Auf seine Weise ist Franziskus zu einem Protagonisten einer erstarrten Kirche geworden, die die Gläubigen auf ihre eigenen vier Wände zurückgeworfen hat. Es gibt Gespräche zwischen der italienischen Regierung und der Bischofskonferenz des Landes, ein gewisses Aufleben des kirchlichen Lebens nach dem 4. Mai wieder zuzulassen. Aber der abgeriegelte Petersplatz und die verschlossene Vatikanbasilika sind ein Symbol dafür geworden, dass sich das eingeschränkte Leben, das die Epidemie Italien auferlegt hat, woanders abspielt als in kirchlichen Räumen: in den Familien und den Supermärkten, in den Kliniken und Pflegeheimen, in den Medien, die bis in die Werbung hinein nun ganz auf Corona-Themen umgestiegen sind.

Dass das auf Dauer nicht so weitergehen kann, ist auch Papst Franziskus klar. Ob es stimmt, was er bei der Frühmesse am vergangenen Freitag sagte? „Vor Ostern, als die Nachricht kam, dass ich Ostern im leeren Petersdom feiern würde, schrieb mir ein Bischof – ein guter Bischof: ein guter – und schimpfte mich aus. ,Aber wie jetzt, der Petersdom ist so groß, warum stellen Sie da nicht mindestens dreißig Leute auf, damit die Leute zu sehen sind? Es besteht keine Gefahr...‘. Ich dachte: ,Aber, was geht dem durch den Kopf, dass er mir das sagt?‘. Das hatte ich im Moment nicht verstanden. Aber da er ein guter Bischof ist, der dem Volk sehr nahe steht, wird er mir etwas sagen wollen. Wenn ich ihn sehen werde, werde ich ihn fragen... Dann habe ich verstanden. Er sagte zu mir: ,Achten Sie darauf, die Kirche nicht zu virtualisieren, nicht die Sakramente zu virtualisieren, nicht das Volk Gottes zu virtualisieren‘.“

Eine Vertrautheit ohne Gemeinschaft ist gefährlich

Genau das, für das Papst Franziskus selber steht, seitdem er am stillsten Osterfest seit Menschengedenken in einem menschenleeren Petersdom die Feiern des Leidens und der Auferstehung des Herrn geleitet hat, ist ihm nicht ganz geheuer. In seiner Predigt am Freitag der Osterwoche bezeichnete er es sogar als „gefährlich“: Die Vertrautheit der Christen mit dem Herrn sei immer gemeinschaftlich. „Ja, sie ist intim, sie ist persönlich, aber in der Gemeinschaft.
Eine Vertrautheit ohne Gemeinschaft, eine Vertrautheit ohne Brot, eine Vertrautheit ohne die Kirche, ohne das Volk, ohne die Sakramente ist gefährlich. Sie kann zu einer Vertrautheit – sagen wir mal – gnostischer Art werden, eine Vertrautheit nur für mich allein, losgelöst vom Volk Gottes. Die Vertrautheit der Apostel mit dem Herrn war immer gemeinschaftlich, immer am Tisch, ein Zeichen der Gemeinschaft.“

Für einen Papst, für den „das Volk“ eine mystische Kategorie ist, muss eine Kirche, in der die Tatsache, ein Volk zu sein, nicht mehr physisch zu erleben ist, tatsächlich eine Gefahr sein. Wahrscheinlich hat Franziskus dem italienischen Ministerpräsidenten Giuseppe Conte Recht gegeben, als dieser ihm in der Privataudienz vom 30. März im Einzelnen darüber informierte, dass Italien für den gesamten Monat April mitsamt der Osterzeit ein völliger Lockdown bevorsteht, der auch das kirchliche Leben zum Stillstand bringt. Auf gut peronistische Weise gab Franziskus aber auch dem „guten Bischof“ Recht, der ihn vor der Gefahr einer virtualisierten Kirche warnte. Ein Widerspruch, den auch der Papst nicht auflösen kann.

Finanzielle Krise unbekannten Ausmaßes

Unterdessen schlittert auch der Vatikan, dessen Haushalt im vergangenen Jahr endgültig rote Zahlen zu verzeichnen hatte, in eine finanzielle Krise bisher unbekannten Ausmaßes. Die einzig sichere Einnahmequelle waren nach den zuletzt wegbrechenden Spenden wegen der Missbrauchskrise die Vatikanischen Museen, die mit ihren Eintrittsgeldern eine willkommene Geldspritze für den vatikanischen Haushalt darstellten. Auch das Volk, das früher täglich in die Kunstsammlungen der Päpste drängte, kann sich derzeit wenn, dann nur virtuell an den Kunstschätzen des Vatikans erfreuen.

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