Trier

Primat der Evangelisierung

Antworten aus der Theologie Joseph Ratzingers auf den Brief von Papst Franziskus an die deutschen Katholiken.

Ölbild mit Darstellung von Papst Benedikt XVI.
Porträt von Papst Benedikt XVI. in der deutschen Botschaft in Rom. Foto: Romano Siciliani (KNA)

Er klingt ein wenig sperrig, bringt aber die zentrale Ausrichtung jeder kirchlichen Aktivität auf den Punkt. Die Rede ist vom „Primat der Evangelisierung“. In seinem jüngsten Schreiben an die Kirche in Deutschland hat Papst Franziskus die Evangelisierung erneut als unersetzbare Maßgabe für eine geistliche Erneuerung der Kirche vor Augen gestellt. Alle Gläubigen sind vom Herrn der Kirche gesandt, das Evangelium zu bezeugen, jene beinahe unfassbare, doch zugleich alles durchdringende und frohmachende Botschaft von der Rettung des Menschen aus Sünde und Tod. Sie ist uns im Heil der Menschwerdung, des Sterbens und Auferstehens des Sohnes Gottes eröffnet und wird uns jeden Tag in Wort, Sakrament und Caritas wirkmächtig geschenkt.

Der Begriff „Evangelisierung“ wird heute allerdings häufig hinterfragt. So wird behauptet, er passe nicht mehr in eine Welt des religiösen Dialogs, da er einen zu überwindenden Missionsanspruch der Kirche kennzeichne. Aber stimmt das? Es darf gefragt werden: Verweigert sich nicht vielmehr derjenige, der so denkt, dem Auftrag Jesu an seine Jünger, in die Welt zu gehen, das Evangelium zu verkünden und ihm die Menschen in der freien Annahme des Glaubens und der Taufe zuzuführen? Auftrag und Infragestellung fordern daher eine Klärung des Begriffs. Dazu leisten einige Hinweise aus der Theologie von Joseph Ratzinger/ Papst Benedikt XVI. eine gute Hilfestellung.

Christus ist die Botschaft in Person

„Evangelium“ und „evangelisieren“ gehören für Joseph Ratzinger eng zusammen und erhalten vom Wirken Jesu Christi her ihren charakteristischen Sinn. Die Botschaft, die er mitbringt, ist die Kunde „vom gegenwärtigen, in unserer Rufweite lebenden Gott“. Mit Jesus Christus ist diese Botschaft aber nicht einfach als Übermittlung von lebensrelevanten Informationen zu uns gekommen. Er selbst ist die Botschaft in Person, das Evangelium vom nahen Gott, der für das Heil des Menschen nicht gekommen ist, „um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Markus 10, 45). Diese personale Kundgabe des göttlichen Heilswillens ruft den Menschen zum Glauben und zeigt an, „dass der erste Schritt, mit dem man zum Glauben kommt, eine Gabe Gottes und ein Akt der Gnade ist, die wirkt und den Menschen bis ins Innerste verwandelt“.

Benedikt XVI. hat dafür oft auf das Beispiel der Lydia in Philippi verwiesen, deren Herz Gott für die Verkündigung des Paulus öffnete (Apostelgeschichte 16, 14). Hier wird ersichtlich, dass eine Kenntnis allein von Glaubensinhalten nicht genügt, wenn sich das Herz als „das echte Heiligtum des Menschen“ durch Gottes Gnade nicht öffnen lässt, um „in die Tiefe zu sehen und zu verstehen, dass das, was verkündet wurde, das Wort Gottes ist“, ja, Jesus Christus selbst ist! Der Glaube bezeichnet folglich die höchst persönliche, weil zutiefst vertrauende Übereignung an die Botschaft des Evangeliums, die in Jesus Christus vernommen und empfangen wird.

Unaufgebbar ist der persönliche Glaubensakt für Joseph Ratzinger jedoch hineingestellt in den Glauben der Kirche als „Wegweisung zu dem, was gilt“. Der Maßstab der Evangelisierung liegt folglich in dem, „was die Gesamtkirche, die Kirche aller Zeiten gemeinsam bezeugt“. Der Glaubensakt ist nicht trennbar vom Glaubensinhalt, der durch das kirchliche Glaubensbekenntnis authentisch bezeugt und durch das kirchliche Lehramt bewahrt bleibt. Der persönliche Glaubensvollzug fordert daher die wachsende Kenntnis dessen, was der Glaube in seinem Inneren aussagt und ausmacht. Dafür sind heute mehr denn je die Katechese und der Katechismus als Lernort und Lerninstrument unverzichtbar. Evangelisierung umschließt in diesem Sinne zuerst die Selbstevangelisierung im Glaubensakt als Christusfreundschaft und die persönliche Glaubensschule als beständiger Einstieg in die Zusammenhänge der Glaubensinhalte.

Das Innere nach außen tragen

Doch bereits das Hineingestelltsein des persönlichen Glaubens in den Glauben der Kirche führt nach Joseph Ratzinger zur entscheidenden zweiten Dimension des Begriffs „evangelisieren“: „Evangelisieren heißt die Menschen mit Jesus bekanntmachen, […] bedeutet, die Menschen in die Lebensgemeinschaft mit ihm hineinführen, in die Jüngergemeinschaft als Gemeinde, die mit ihm auf dem Wege ist“. Davon wird der Freund Christi nicht lassen wollen, wenn er in ihm den Erlöser und Heiland, das Licht und die Wahrheit des Lebens gefunden hat.

Edith Stein sagt einmal: „Je gesammelter ein Mensch im Innersten seiner Seele lebt, umso stärker ist seine Ausstrahlung, die von ihm ausgeht und andere in seinen Bann zieht.“ In Gebet und Liturgie verwurzelt, bezeugt der Jünger Christi Gottes Liebe und Wahrheit. Das Zeugnis und die Verkündigung gelangen zu ihrer Frucht, denn „nur wenn der andere entflammt wird durch die Flamme unserer Liebe, wächst die Evangelisierung, die Gegenwart des Evangeliums, das nicht mehr nur Wort ist, sondern gelebte Wirklichkeit“. Glaubensverkündigung und tätige Liebe tragen folglich von jeher einen Impuls nach außen, einen Aspekt des Zeugnisses, den wir „Evangelisierung“ nennen können, in sich.

So wächst der Glaube und vermag im Anderen, im Einfachen und Armen, initiiert zu werden, „wenn er als Erfahrung einer empfangenen Liebe gelebt und als Erfahrung von Gnade und Freude vermittelt wird […]. Er öffnet nämlich Herz und Sinn der Zuhörer, damit sie die Einladung des Herrn, seinem Wort zuzustimmen und seine Jünger zu werden, annehmen.“ Für Joseph Ratzinger ist es daher zugleich von zentraler Bedeutung, den dialogischen Charakter der Evangelisierung zu bestimmen. In Anerkenntnis der missionarischen Sendung der Kirche verläuft Evangelisierung für ihn nicht als Einbahnstraße. Sie ist in der Begegnung von Menschen stets „Dialog, um dem Geheimnis der letzten Wahrheit auch aus der Perspektive des anderen näherzukommen“, das heißt, Dialog als Wandeln in der Wahrheit, die uns in Jesus Christus gegeben ist (Johannes 14, 6).

Reform durch die Berufung zur Heiligkeit

Für den emeritierten Papst vollzieht sich daher eine wahre Reform der Kirche nicht in den Endlosschleifen von Diskussionen und Strukturdebatten. Im Licht der Theologie des heiligen Bonaventura entfaltet sich für ihn die wahre Reform immer in der „ablatio“, also in der „Hinwegnahme des Uneigentlichen“, dessen, was das göttliche Abbild im Menschen verdeckt. Deshalb beginnt diese Reform im Herzen des Menschen, geschieht vor allem durch das Sakrament der Beichte, durch die geistliche Stärkung in Wort und Sakrament, in der täglichen Verwirklichung der Berufung zur Heiligkeit, die eben darin besteht, alle Erfordernisse des Alltags mit jener Liebe anzunehmen und zu erfüllen, die uns zuvor von Gott selbst, der die Liebe ist (vgl. 1 Johannes 4, 16), geschenkt ist.

Folglich sieht Joseph Ratzinger in den „kreativen Minderheiten“, in den „kleinen lebendigen Zellen“ jener Christen, die das Evangelium – und das heißt Christus – in ihr Leben aufnehmen und evangelisierend bezeugen, jene Samenkörner, aus der die fruchtbare Zukunft der Kirche hervorwachsen wird. Dazu gehören Ehen und Familien genauso wie lebendige Pfarreien und geistliche Gemeinschaften, in denen der Primat Gottes und der Glaube der ganzen Kirche präsent sind.

So lässt sich folgender Kerngedanke festhalten: Der göttliche Auftrag zur Evangelisierung lebt in seiner Umsetzung von der lebendigen Selbstvergewisserung des Glaubens in der Freundschaft mit Christus ebenso wie vom Dialog, um sich darin der Wahrheit in Christus auch „aus der Perspektive des Anderen“ zu nähern. Der Schülerkreis und der Neue Schülerkreis des emeritierten Papstes werden sich dieser Aufgabe anlässlich ihres römischen Jahrestreffens nun auch erstmals in einem öffentlichen Symposium annehmen. Das Thema gehört ohne Zweifel zum Innersten der Evangelisierung: „Die aktuellen Herausforderungen des kirchlichen Weiheamtes“. Denn auch und gerade der Priester erinnert an den Auftrag der Evangelisierung, wenn sichtbar wird, dass sein Dasein „nicht auf eigener Ermächtigung und nicht auf bloßer Zweckmäßigkeit oder Übereinkunft, sondern auf dem Hineingerufensein in den, der selbst der Ruf Gottes […] ist“, beruht. Der Priester „hat in der Sendung Jesu Christi und im Mitgesandtsein mit ihm seine eigentliche Achse“.

Der Verfasser ist Professor für Kirchenrecht an der Theologischen Fakultät Trier und Vorsitzender des Neuen Schülerkreises Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. e.V. Nähere Informationen zum Symposium „Aktuelle Herausforderungen des kirchlichen Weiheamtes“ am 28. September 2019 in Rom unter www.ratzinger-papst-benedikt-stiftung.de