Warschau

Porträt der Woche: Erzbischof Marek Jedraszewski

Ein Hirte des Widerspruchs: der polnische Erzbischof Marek Jedraszewski, der seit Anfang 2017 auf Karol Wojtylas Stuhl in Krakau sitzt.

Erzbischof Marek Jedraszewski
Erzbischof Marek Jedraszewski warnte gegenüber einem polnischen Privatsender vor den totalitären Gefahren der neuen Ökologie-Bewegung rund um Greta Thunberg. Foto: IN

„Zeichen des Widerspruchs. Besinnung auf Christus“ – unter diesem Titel wurden die Exerzitien veröffentlicht, die Kardinal Karol Wojtyla für Papst Paul VI. Mitte der 1970er Jahre in Rom hielt. Ein Zeichen des Widerspruchs ist auch der polnische Erzbischof Marek Jedraszewski, der seit Anfang 2017 auf Wojtylas Stuhl in Krakau sitzt. Ein Zeichen, das man sehen und hören kann – auch über die Landesgrenzen hinaus. Denn, egal ob Jedraszewski, der 1949 in Posen zur Welt kam, vor der In-Vitro-Fertilisation, Halloween oder der LGBT-Bewegung warnt, stets tut er dies in einer rhetorischen Deutlichkeit, die für Aufsehen sorgt. Von manchen Gegnern aber auch als rüpelhaft und verletzend empfunden wird.

"Sehr gefährliches Phänomen" des Ökologismus

Weihnachten 2019 war es wieder soweit: Erzbischof Jedraszewski warnte gegenüber einem polnischen Privatsender vor den totalitären Gefahren der neuen Ökologie-Bewegung rund um Greta Thunberg und bezeichnete die Schwedin, die heute 17 Jahre alt wird, als eine Art „Orakel“. Die Welt und die „gesamte christliche Tradition“ sei durch das „sehr gefährliche Phänomen“ des „Ökologismus“ in Frage gestellt; ein „Bruch“ auf Grundlage der alten kommunistischen Gleichheitsidee („zurück zu Engels“) werde angestrebt.

Einige Reaktionen fielen voraussehbar laut und kritisch aus, etwa von liberalen Politikern. Doch es gab auch Verständnis und Solidarität. Einige linke Journalisten sehen Jedraszewski durchaus auf Linie mit dem Papst: Ökologie Ja, Ökologismus Nein. 15 Bischöfe unterstützen Jedraszewskis Thesen sogar in einem öffentlichen Brief; auch die große polnische Kuriengestalt, Kardinal Zenon Grocholewski, stellt sich auf seine Seite.

Aufkeimendem Totalitarismus entschieden entgegentreten

Was an Jedraszewski jenseits der rhetorischen Kampffelder erstaunt, ist jedoch vor allem die Tatsache, dass er während seiner wissenschaftlichen Tätigkeit vor der Bischofsernennung als ausgewiesener Experte von Emmanuel Levinas galt, eines Denkers also, der – darin Wojtyla und Jozef Tischner ähnlich – die Philosophie des Dialogs vertrat. Steht ein solches Expertentum nicht im Widerspruch zum recht schneidenden Ton, den Jedraszewski heute als Hirte des Widerspruchs pflegt? Wer den Erzbischof persönlich kennt, weiß, dass ihn besonders das Schicksal der polnischen Priester, die in Dachau ermordet wurden, bewegt und bei seinem Dienst motiviert. Nicht nur aus der historischen Distanz, sondern in enger priesterlicher Verbundenheit. Jedraszewski scheint es sich zum Ziel gesetzt zu haben, jedem aufkeimenden Totalitarismus entschieden entgegenzutreten, damit sich das Grauen von damals nicht wiederholt.

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