Vatikanstadt

"Pius XII. ist ein Heiliger"

Vatikan: Die Unterlagen werden es beweisen.

Pius XII.: Was von der Archivöffnung zu erwarten ist
Penible Aufzeichnungen von Unterredungen, für die Eugenio Pacelli bereits in seiner Berliner Zeit als Nuntius bekannt war, dürften mit den neuen Forschungsmöglichkeiten in den nächsten Jahren das Bild des "schweigenden" Papstes einmal mehr sprechen lassen. Foto: Katharina Ebel

"Ich fürchte einen Menschen, der nur ein Buch gelesen hat", so zitiert Kurienbischof Sergio Pagano, Präfekt des Apostolischen Archivs, Thomas von Aquin, um die mangelnde Quellenkenntnis der lautstarken Kritiker des vorerst letzten Piuspontifikats zu kritisieren. Die Vorstellung der bevorstehenden Öffnung der Archive aus dem Pontifikat Pius  XII. vor einer Woche in Rom, die mit der Anwesenheit von Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin und dem Archivar und Bibliothekar der Heiligen Römischen Kirche, Kardinal Jos  Tolentino de Mondonca, höchste Aufmerksamkeit erhielt, weitet die Perspektive auf eine vielschichtige und von gewaltigen Umbrüchen geprägte Regierungszeit.

Während man dank einer Vielzahl von Archiven, die bereits geöffnet sind, die Grundzüge der päpstlichen Politik analysieren konnte, erwartet man nun detaillierte Erkenntnisse von den inneren Abläufen im Vatikan, den Prioritäten, die Pacelli und seine Mitarbeiter aufgrund ihrer Informationslage setzten. Penible Aufzeichnungen von Unterredungen, für die Eugenio Pacelli bereits in seiner Berliner Zeit als Nuntius bekannt war, dürften mit den neuen Forschungsmöglichkeiten in den nächsten Jahren das Bild des "schweigenden" Papstes einmal mehr sprechen lassen.

Caritatives Engagement Pacellis dürfte deutlich werden

Neben einer Vorschau auf weitere Details der großen Themen der Diplomatie, die Alejandro Dieguez und Giovanni Coco vom Apostolischen Archiv des Vatikans in ihren Vorträgen illustrierten, dürfte auch das caritative Engagement Pacellis in der Kriegs- und Nachkriegszeit bis hin zur Förderung von Frauen in der Wissenschaft, denen er im Vatikan beispielsweise als Archivarinnen oder Archäologinnen in der Dombauhütte der Petersbasilika Betätigungsfelder eröffnete, deutlich werden.  

So sind außerhalb des deutsch- und englischsprachigen Raums die Erwartungen an neue Erkenntnisse aufgrund der Archivöffnung nicht nur auf den Papst und die Shoa gerichtet. Die ausschließlich italienisch besetzte Expertenriege erwartete bei der Tagung auf anderen Gebieten weit mehr Neues, so hinsichtlich der inneritalienischen Rolle des letzten Papstes aus dem schwarzen Adel Roms in der Epoche des Faschismus oder des Verhältnisses der Kirche zur Regierung General Francos in Spanien, über Pacellis Politik gegenüber dem Kommunismus und dem Ende der päpstlichen Diplomatie in Osteuropa, oder seine Stellung zur europäischen Einigung und der Westbindung Italiens. Theologisch und kirchenpolitisch bedeutende Facetten dürften wieder neu in den Blick treten, so die Dogmatisierung der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel 1950 oder die weitgehend unbekannte, aber intensive Vorbereitung eines neuen Konzils in den Jahren 1948 bis 1952.

Allein die angeführte Bestandsübersicht von 200.000 Archivalien, deren Gegenstände von politischen Fragen über die Liturgie bis hin zur Organisation des Heiligen Jahres 1950 reichen, lassen erahnen, mit welcher Fülle an Archivmaterial die Historiker konfrontiert sein werden, um sich der Person Pius XII. und seinem Umfeld zu nähern.

Pauschalurteile verbieten sich

Dass sich damit Pauschalurteile aufgrund einseitiger Quellenkenntnis verbieten, darauf legt der Präfekt des Apostolischen Archivs - des vormaligen "Geheimarchivs" - großen Wert. Den Verdacht, man wolle "vertuschen", wies Pagano von sich, er erwartet vielmehr, dass mit dem Anspruch der Objektivität das Bild Pacellis auch in der säkularen Öffentlichkeit korrigiert wird.

Die Nachricht, dass der Vatikan die Akten aus dem Pontifikat von Pius XII. nun der wissenschaftlichen Öffentlichkeit freigibt, hat jedoch nördlich der Alpen erneut wieder eine alte Debatte um das "Schweigen" des Papstes zur Shoa losgetreten, die nicht zuletzt auch die Deutsche Bischofskonferenz aufgegriffen hat. Denn gerade in Deutschland wird dem Vatikan unter Pius XII. und seinem "Geheimarchiv" seit dem umstrittenen Theaterstück "Der Stellvertreter" großes Misstrauen entgegengebracht. Die schwarze Legende von "Hitlers Papst" (vgl. John Cornwall) pflegen dabei nicht nur in die Popularwissenschaften.
So forderte der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf erst unlängst im Vorfeld der römischen Vorstellung der Archive bereits das Einfrieren des Seligsprechungsprozesses bis zu einer "gründlichen Aufarbeitung", worin ihm der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, sekundierte.

In Rom beurteilt man die Situation anders

In Rom beurteilt man derweil die Situation anders. Pagano erklärt sich in seinen Schlussworten anlässlich der römischen Tagung davon überzeugt, dass es sich bei Pius XII. "definitiv um einen heiligen Mann" handelt. Gegen die kritischen Töne aus Deutschland wendet die mit der Archivarbeit im "Geheimarchiv" bestens vertraute Historikerin Alexandra von Teuffenbach ein, dass man bislang für Seligsprechungsprozesse auch ohne Beschränkungen recherchieren durfte und bei einem solch sorgfältigen Vorgehen hinsichtlich der Bewertung Pacellis keine umstürzenden Erkenntnisse zu erwarten sind. Der Pius-Experte Michael Hesemann ("Der Papst, der Hitler trotzte: Die Wahrheit über Pius XII."), der ab 2. März als einer der ersten Zugang zu den Archivbeständen erhalten wird, wendet sich ebenso gegen das Einfrieren des Seligsprechungsprozesses. Vielmehr sei nun "der letzte Vorwand beseitigt, die Seligsprechung eines der heiligmäßigsten Päpste der Kirchengeschichte noch länger aufzuschieben". Schließlich könne das eindeutige Bild, das man aus den bereits veröffentlichten 5 500 Dokumenten habe, durch neue Dokumente nur bestätigt, nie aber entkräftet werden. "Darum braucht der Papst ganz gewiss nicht darauf zu warten, dass auch noch der letzte Pius-Gegner die 15 Millionen Seiten Archivmaterials durchgearbeitet hat!", so Hesemann.

 

Um welche Archive geht es?

Das frühere "Vatikanische Geheimarchiv", das Apostolische Archiv, gibt neben den Archiven der Glaubenskongregation, des Staatssekretariats, der Missionskongregation, der Ostkirchenkongregation, der Pönitentiarie und der Dombauhütte von Sankt Peter die Akten aus dem Pontifikat von Pius XII. (2. März 1939 bis 9. Oktober 1958) frei.

Wie groß sind die zu erwartenden Bestände?

Pater Peter Gumpel S.J., Relator im Seligsprechungsprozess für Pius XII., geht von 16 Millionen Seiten Material aus dem Pontifikat aus. Kurienbischof Sergio Pagano, Präfekt des Apostolischen Archivs, spricht von rund 200 000 dokumentierten Archivalien in seinen Beständen.

Wie erhalten Forscher Zugang zu den Beständen?

Historiker können sich um den Zugang bewerben. Im Apostolischen Archivs gibt es maximal sechzig Arbeitsplätze. Zuvor müssen sie sich online registrieren und eine Arbeitsmöglichkeit beantragen. Der Zugang gilt für maximal drei Monate; danach muss ein neuer Antrag gestellt werden. Ähnliches gilt für die anderen vatikanischen Archive.

Welche Historiker erhalten als Erste Zugang?

Das Apostolische Archiv wird vorerst zehn Forschern aus den Vereinigten Staaten, darunter zwei vom Holocaust Memorial Museum in Washington, sieben aus Israel, 14 aus Deutschland, 16 aus Italien, zwanzig aus Osteuropa sowie weiteren aus Frankreich, Spanien und Lateinamerika Zugang zu den Beständen gewähren.

Zu welchen Themen werden Erkenntnisse erwartet?

Es geht um den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust, die deutsche Besatzung Italiens, die Atombombenabwürfe in Japan, die Gründung von NATO und den Warschauer Pakt, den Kalten Krieg, das Ende der Kolonialzeit in Asien und Afrika, den Indochinakrieg, die beginnende europäische Einigung, theologische Entscheidungen wie die Förderung der Liturgischen Bewegung oder die Beweggründe für die letzte Antimodernismus-Enzyklika "Humani generis", dem Dogma von der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel 1950 und der Entstehungsgeschichte von "Divinu afflante Spiritu" zur historisch-kritischen Methode in der katholischen Exegese.

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