Vatikanstadt

Pius XII.: Mit den Unterstellungen ist jetzt Schluss!

Mit der Öffnung der Vatikanarchive für die Zeit 1939 bis 1958 ist es nun möglich, ein sehr genaues Bild von Papst Pius XII. und der päpstlichen Kurie während des Zweiten Weltkriegs und auch während des Kalten Krieges zu zeichnen.

Debatte um Pius XII.
Mit der Archivöffnung ist es nun möglich, ein sehr genaues Bild von Papst Pius XII. und der päpstlichen Kurie während des Zweiten Weltkriegs und auch während des Kalten Krieges zu zeichnen. Foto: Wolfgang Radtke

In wenigen Tagen, am 2. März 2020, wird der Heilige Stuhl seine Archivalien aus der Zeit des Pontifikats Pius  XII. (1939-1958) vollständig Wissenschaftlern und Interessierten zugänglich machen. Der 2. März ist sinnfälliger Weise der Geburtstag von Pius XII. Und so markiert der 2. März 2020 hinsichtlich der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Pius XII. und seiner Zeit einen Neubeginn.

Zurückgreifend auf sowjetkommunistische Propaganda während des Zweiten Weltkriegs wurde Pius XII. als ein Staatsmann verunglimpft, der im Kampf gegen den Kommunismus den Schulterschluss mit Adolf Hitler gewagt habe und dafür Hitler bei der systematischen Ermordung der Juden in Europa habe gewähren lassen. Der Schriftsteller Rolf Hochhuth hat 1963 in seinem Theaterstück "Der Stellvertreter" dieses Narrativ übernommen und somit maßgeblich zur Verbreitung solcher Unwahrheiten beigetragen. Deswegen wurden auf Initiative Papst Pauls VI. von 1965 bis 1981 weit über 7.000 zentrale Dokumente des Heiligen Stuhls aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs publiziert. Doch weil die meisten Texte auf Italienisch und nur wenige auf Deutsch, Französisch oder Latein verfasst worden sind, hat diese Aktenedition nur bei wenigen Historikern die nötige Beachtung erhalten. Deswegen bemühten sich manche, diese Aktenedition als eine Auswahl zu verunglimpfen, die darauf abgezielt habe, den Papst und den Heiligen Stuhl in einem positiven Licht erscheinen zu lassen.

Genaues Bild von Papst Pius XII. zeichnen

Nur eine kleine Randnotiz: Zahlreiche westliche Staaten, darunter die Schweiz, die Vereinigten Staaten, Großbritannien, die Bundesrepublik Deutschland, Italien, Frankreich und so weiter haben ebenfalls ihre Kriegsakten längst publiziert. Keiner dieser Staaten ist jemals dem Verdacht ausgesetzt worden, man habe unter einseitig ideologischem Gesichtspunkt eine Aktenauswahl getroffen. Nur dem Vatikan hat man dieses bis in die jüngste Zeit hinein böswilliger Weise unterstellt.

Damit ist jetzt Schluss! Mit der Archivöffnung ist es nun möglich, ein sehr genaues Bild von Papst Pius XII. und der päpstlichen Kurie während des Zweiten Weltkriegs und auch während des Kalten Krieges zu zeichnen. Jetzt ist überprüfbar, inwieweit bisherige Publikationen tatsächlich ein realistisches Bild von einem Mann gezeichnet haben, der von vielen Katholiken als heiligmäßig verehrt wird, und wie nachhaltig der Einfluss der russischen Propaganda war. Viele Veröffentlichungen - nicht nur in Deutschland - dienten dem Zweck, Pius XII. zu verdammen oder zu verteidigen. Auch die Aktenöffnung wird nicht verhindern, dass der eine oder andere Schnellschuss in den nächsten Wochen publiziert wird, um irgendein Vorurteil der bisherigen Geschichtsschreibung zu belegen oder zu widerlegen.

Für den Historiker wird es zahlreiche Aufgaben und Themenfelder geben, von denen nur wenige benannt seien: 1. Schon bei der vom Vatikanischen Archiv organisierten Tagung am 21. Februar 2020 anlässlich der Bereitstellung der Akten Pius  XII. wurde deutlich, dass es nicht einen zentralen Aktenbestand gibt, auf den sich die Historiker konzentrieren könnten. Dem Archivbenutzer ist es auch schon für die päpstlichen Quellen vom 16. bis 20. Jahrhundert längst bekannt, dass unter dem Begriff vatikanische Archive (im Plural) sich die Archive verschiedener Kongregationen und Dikasterien verbergen, und einige Archive immer noch bei den zuständigen Behörden bewahrt werden. Bemerkenswerterweise sind es Archive, die für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs eine besondere Bedeutung erlangen, weil das internationale politische Agieren des Heiligen Stuhls viel stärker war als noch während des Ersten Weltkrieges und gar in den Jahrhunderten zuvor. Auch hinsichtlich seiner diplomatischen Tätigkeiten wird deutlich, dass Weltkirche im modernen Sinne als universale Kirche zwar längst theologisch formuliert war, aber erst unter Pius XII. zur kirchenpolitischen-politischen Realität wurde.

Anschauliches Beispiel: Das Archiv der "Propaganda Fide"

2. Ein anschauliches Beispiel ist das Archiv der "Propaganda Fide", der päpstlichen Missionskongregation. Wir stellen bei der Konsultation dieser Akten fest, dass Mission beim Heiligen Stuhl spätestens im Zweiten Weltkrieg nicht einfach die finanzielle Unterstützung von Missionspriestern oder Mönchen bedeutet hat. Die päpstliche Missionsarbeit war ein Vehikel für die diplomatische Zusammenarbeit mit den Staaten in den Missionsgebieten geworden. Japan, ein Land das auf italienischer und auf deutscher Seite im Krieg kämpfte, hatte nach dem Bombardement des amerikanischen Stützpunktes auf Pearl Harbor im Dezember 1941 diplomatische Beziehungen mit dem Heiligen Stuhl gesucht. Wir werden jetzt erst feststellen können, ob es nicht auch im Interesse des Papstes war, und auf ihm möglicherweise die Initiative zurückging, diplomatische Beziehungen mit Japan aufzunehmen   lange vor dem Überfall auf Pearl Harbor.

3. Zu den vorgeblich strittigen Themen gehörte der konstruierte und nie bewiesene Antikommunismus des Papstes. Abgesehen davon, dass man inzwischen auch vielen Menschen in Deutschland offenkundig erklären muss, dass Antikommunismus für einen freiheitsliebenden Menschen etwas Selbstverständliches sein sollte und unvereinbar ist mit einem parlamentarisch-demokratischen Rechtsstaat. Unsere bisherige Sicht auf die Ostpolitik Pius  XII. ist vor allem durch die "neue Ostpolitik" unter Papst Johannes XXIII. geprägt. Im Nachhinein also wurde für Pius XII. eine völlige Untätigkeit vor allem im sowjet-kommunistischen Machtbereich insinuiert. Die Akten werden uns eines Besseren belehren.

Es ist mehr als wahrscheinlich, dass der Papst stets eine konsequente Unterstützung insbesondere der Katholiken in Osteuropa betrieben hat und jede Möglichkeit gesucht hat, auch mit kommunistischen Machthabern ins Gespräch zu kommen. Dieses wäre übrigens eine Fortsetzung jener diplomatischen Bemühungen, die er schon als Apostolischer Nuntius in Deutschland verfolgt hat, als er zum Beispiel im Geheimen Jesuitenmissionare für Russland zu Bischöfen geweiht hat sowie mittels der deutschen Botschaft in Moskau wiederholt diplomatische Kontakte gesucht hatte.

Manches Aktenstück wird man vergeblich suchen

4. Bisher weigerten sich manche Autoren, den persönlichen Beitrag Pius  XII. an der Rettung von Juden, nicht nur in Rom während der deutschen Besetzungszeit (1943-1945), anzuerkennen. Nicht selten wurden Rettungsaktionen einzelnen Priestern wie Salvatorianer-Pater Pankratius Pfeiffer oder Hugh O Flaherty zugesprochen. Aber nur der Bischof von Rom konnte die Aufhebung der Klausur in über 200 Klöstern und päpstlichen Einrichtungen anordnen, um dort Juden und andere von den Nazis verfolgte Menschen zu verstecken. Es wird herauszuarbeiten sein, wie intensiv die ganze Kurie damit befasst war, und auf Grund welcher Kenntnisse und welche Kontakte hin der Papst seine Entscheidungen traf.

5. Vielleicht wird in den vatikanischen Archiven manches Aktenstück auch vergeblich gesucht werden. Alleine zwei Mal kam es zur Vernichtung von Papieren und Akten. Als die deutsche Wehrmacht 1943 die Stadt Rom besetzte, bestand die Gefahr, dass auch der Vatikan, so wie Hitler es vorgesehen hatte, okkupiert werden würde. Vorsorglich ließ Pius XII. Unterlagen vernichten, die andere Menschen hätten gefährden können, wenn diese in deutsche Hände geraten wären. Wir können davon ausgehen, dass möglicherweise auch Hilfsmaßnahmen für verfolgte Juden deswegen nicht nachgewiesen werden können. Schließlich hat Pasqualina Lehnert, die Haushälterin von Pius XII., unmittelbar nach seinem Tod am 9. Oktober 1958 Akten, die sich in seinem Arbeitszimmer befanden, eigenmächtig vernichtet. Es kann vermutet werden, dass Pius XII. diese bei sich verwahrt hatte, weil er ihnen eine besondere Bedeutung zumaß.
Dennoch gilt: Die Archivöffnung wird für die meisten Fragen, die von Historikern gestellt werden, eine eindeutige Klärung bringen. Es sollte dann aber von Gegnern wie Verehrern des Papstes gleichermaßen zugestanden werden, was der Papst gemacht oder unterlassen hat. Freilich tut uns historisches Handeln nie den Gefallen, "darauf zu schauen, dass es in den Augen der Nachwelt glaubwürdig erscheint", wie der Kirchenhistoriker und Jesuit Klaus Schatz schon 1986 mit Blick auf Pius XII. formulierte.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier .