Pamplona

Pilgerstopp: Stille auf dem Jakobsweg

Die Corona-Krise macht auch vor dem Pilgerleben nicht Halt: Der Jakobsweg ist kurz vor dem Saisonbeginn verwaist – eine Momentaufnahme und die möglichen Konsequenzen.

Ausgestorbener Jakobsweg
Wie ausgestorben wirkt der sonst so quirlige Jakobsweg. Impressionen aus Pamplona. Foto: Drouve

Es ist täglich dieselbe Zahl, die derzeit auf der Webseite des Pilgerbüros der spanischen Wallfahrtsstadt Santiago de Compostela unter „Pilgerankünfte gestern“ erscheint: die Null. Diese „Null“ der Ankömmlinge mag in den Zeiten des Jakobswegbooms vor vielen Jahren vielleicht mal als Ausnahme an einem Wintertag vorgekommen sein – nun ist sie von trauriger Dauer. Durch die Corona-Pandemie ist mit dem Zusammenbruch des öffentlichen Lebens in Spanien auch der Betrieb auf dem Jakobsweg komplett zum Erliegen gekommen. Zumindest vorläufig.

Eine Lockerung soll Ende April kommen

Die Zeit ist stehengeblieben. So wie das Datum auf dem Stempel am Eingang zur Kathedrale von Pamplona, der größten Stadt am Jakobsweg. Der Stempel, den Jakobspilger stets selber in ihre Pilgerausweise drücken konnten, zeigt unverändert den 14. März. Das war ein Samstag, kurz vor der Ausrufung des Alarmzustands. Mittlerweile ist der mit einer drastischen Ausgangssperre verbundene Alarmzustand von der Regierung zweimal verlängert worden. Derzeit ist für den 26. April eine Aufhebung oder eine Lockerung vorgesehen. Das wären dann insgesamt sechs Wochen Albtraum.

Den Jakobsweg einmal verwaist zu sehen – das ist ein Bild, das selbst Berufspessimisten vor dem Hintergrund des ungebremsten Booms niemals für möglich gehalten hätten. Und das, nachdem das Pilgerbüro von Santiago de Compostela zu Jahresbeginn noch einen neuen Rekord für 2019 vermeldet hatte. 347 578 eingetroffene Pilgerinnen und Pilger erhielten dort im Vorjahr ihr Diplom. Das waren nachweislich so viele wie niemals zuvor. Zwar wurden im Mittelalter, als der Jakobsweg erstmals boomte, keine Statistiken erstellt, doch eine Zahl wie diese dürfte damals nie erreicht worden sein.

Alles ließ an ein weiteres Rekordjahr denken

Der Auftakt des Zulaufs in diesem Jahr knüpfte nahtlos an und ließ an ein weiteres Rekordjahr denken. Im normalerweise schwächsten Monat Januar wurden bereits 1 999 Ankömmlinge registriert, einige Hundert mehr als im Jahr zuvor. Dann kam Corona und damit der Einbruch, die Katastrophe. Spaniens Pilgerherbergen haben Mitte März die Schotten dichtmachen müssen. Dazu zählte auch die Herberge „Casa Paderborn“, die in Pamplona von ehrenamtlichen Herbergsleitern – spanisch: „Hospitaleros“ – der deutschen Jakobusfreunde Paderborn unterhalten wird. Die Wochen und Tage vor der Schließung ließen Unheilvolles erahnen. Heino von Groote, der Vorsitzende des Paderborner Freundeskreises der Jakobuspilger, blickt zurück: „Unser Verein und die Hospitaleros haben sich bereits im Januar und Februar Gedanken gemacht, was wir in der ,Casa Paderborn‘ gegen eine Ausbreitung des Virus tun könnten.

Zunächst wurden verschärfte Hygienemaßnahmen umgesetzt: Umarmen und Handschütteln wurde verboten, mehr Desinfektionsmittelspender, Flächendesinfektionen. Später wurden die Pilger nur noch einzeln in Zimmern untergebracht, ausgenommen Gruppen, die sowieso engen Kontakt hatten.“
Visionär war die Vorahnung von Pilgern, wie sie Simone Felden aus dem Herbergsbetreuerteam Mitte der zweiten Märzwoche notierte, schon jetzt ein Zeitdokument: „Heute haben sich die ersten Pilger aus unserer Casa Rückflüge von Pamplona nach Frankfurt gebucht. Sie haben Angst, dass sie hier in ein paar Tagen nicht mehr wegkommen.“ Kurz darauf kam der Aufruf einer internationalen Pilgerbruderschaft, die Pilger mögen den Weg unverzüglich abbrechen – und am selben Nachmittag die behördliche Anordnung der Schließung der Herberge.

Zu diesem Zeitpunkt befand sich ein englisches Ehepaar drinnen, das zwei Stunden zuvor eingetroffen war und nach Absprache mit der Stadtverwaltung die Möglichkeit gehabt hätte, die darauffolgende Nacht zu bleiben. Doch die beiden ließen sogleich ein Taxi rufen und „wollten mit dem Bus über Paris nach England kommen“, erinnert sich Simone Felden. Inmitten der angespannten Lage blieb das Team allerdings gefordert, denn es trafen weitere Pilger ein. Denen half man „teilweise draußen vor der Türe“, um ein Hotelzimmer zu bekommen. Und, so Felden: „Eine ältere Amerikanerin war echt fertig mit den Nerven. Ich habe ihr ein Zimmer besorgt, und sie hat vor Freude geweint und mir als Dank ihre Walking-Stöcke geschenkt.“

Wann es weitergeht, kann niemand absehen

Wie es auf dem Jakobsweg und mit den Pilgerunterkünften weitergeht, kann niemand abschätzen. Heino von Groote hält sich mit Prognosen für die Wiedereröffnung der Herberge „Casa Paderborn“ zurück. Die Planungen für die Einsätze der Teams sind zusammengebrochen, man werde bei Bedarf „reagieren“. Ob der Betrieb im Sommer, im Herbst „oder in diesem Jahr gar nicht wieder aufgenommen wird“, vermag er nicht zu sagen.

Unter den Besitzern privater Herbergen, wie anderweitig unter Geschäftsleuten, grassiert große Sorge. Javier Rodríguez, der mit zwei Kollegen in der Altstadt von Pamplona die 45 Plätze starke Herberge „Plaza Catedral“ führt, gibt sich nicht der Illusion hin, dass der Schalter kurzfristig zurück auf die Normalität umgelegt werden kann. Das „Desaster“ werde „nicht Wochen, sondern Monate“ anhalten, da ist er sich sicher. Und selbst danach werde in der Herberge nicht von heute auf morgen wieder Betrieb herrschen: „Dann kommt erst mal keiner.“ Es brauche Zeit, „um wieder aufzustehen“, so der 55-Jährige. Erleichtert zeigt er sich darüber, dass staatliche Hilfen fließen sollen.

Alle Reservierungen sind storniert

In Santiago de Compostela hatten Augusto Castiñeira Paredes und Aranzazu Imaz, das Besitzerpaar der 60 Plätze umfassenden Herberge „Acuario“, alles für die neue Saison vorbereitet. Öffnen wollten sie, wie immer, Ende März. Den Winter hatten sie für Umbauten genutzt, den Austausch aller Matratzen, hatten von ihren Ersparnissen gelebt. Nun sind alle Reservierungen storniert. Vorsichtig optimistisch wagt Castiñeira Paredes einen Ausblick: „Ab Anfang Juni, denke ich, werden die ersten Pilger wieder gehen und hier in Santiago de Compostela im Juli eintreffen.“ Dann rechnet der 58-Jährige aufs Neue mit einem Boom, denn: „Sobald sich die Lage beruhigt hat, werden besonders viele Leute spirituellen Trost suchen.“ Das Ganze sei vielen ans Herz gegangen. „Nach all diesem Leiden“ gebe „es nichts Besseres, als den Jakobsweg zu gehen.“ In Zukunft, glaubt Castiñeira Paredes, kämen gewiss mehr Pilger „mit einem Gelübde“ im Gedankengepäck.

Bis der Jakobsweg wieder anläuft, spendet ein Jakobusgebet Trost und Hoffnung. Dies hat der Erzbischof von Santiago de Compostela, Julián Barrio Barrio, auf die Webseite der Erzdiözese gestellt. Es richtet sich mit zeitgemäßen Worten an den heiligen Apostel. „Du, als Freund des Herrn“, heißt es dort, „verwende dich bei Ihm für uns, damit wir uns von dieser Pandemie befreit sehen.“

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