Köln

Papstsekretär Mokrzycki: „Ein Visionär“

Papstsekretär Mokrzycki erinnert sich an Johannes Paul II.

Mieczyslaw Mokrzycki
Im November 2019 hatte die Bischofskonferenz der Ukraine den Vorschlag Mokrzyckis unterstützt, Papst Franziskus zu bitten, den heiligen Johannes Paul II. zum Schutzpatron der polnisch-ukrainischen Versöhnung auszurufen. Foto: KNA

Trotz der Signalfarben auf der Kopfbedeckung hatte man ihn wohl übersehen. Sichtlich belustigt steht er auf, dort irgendwo in Reihe drei oder vier, und winkt mit der einen Hand, während er mit der anderen kurz nach seinem Pileolus greift. „Ach, Sie sind noch hier, Exzellenz“, entfährt es der Rednerin, die wenige Sekunden davor noch ihr Bedauern darüber zum Ausdruck gebracht hatte, dass alle anwesenden Bischöfe die Veranstaltung wegen anderer Termine mittlerweile hätten verlassen müssen. Doch ihn, den letzten verbliebenen Bischof, scheint es nicht zu stören, dass man ihn mal wieder übersehen hatte. In der ersten Reihe wäre dies wohl nicht passiert. Doch jahrelang war genau das sein Job: im Hintergrund stehen. Und während nacheinander zwei Jahrhundertpäpste das Konzert der Kirche dirigierten, spielte er unter ihnen nur die Geige. Allerdings auch da nur die zweite.

"Es gibt Priester im Vatikan, die die diplomatische
Akademie absolviert haben, ich wusste nicht,
ob ich es schaffen würde, ich konnte nicht so viele Sprachen"
Mieczyslaw Mokrzycki, Erzbischof von Lemberg

Es ist an einem grauen Samstagnachmittag in Köln, der große Winterfrost scheint überstanden, der Frühling trotzdem noch in weiter Ferne. Unweit des Erzbischöflichen Palais atmet das Maternushaus den Aufbruchsgeist der postkonziliaren Bauwut und die langsam verblassende Hoffnung, dass es mit der Kirche in Deutschland immer weiter aufwärtsgehen wird. Hier, im Tagungszentrum des Erzbistums Köln, veranstaltet an diesem Samstag das Hilfswerk „Kirche in Not“ einen Begegnungstag und erinnert dabei nicht nur an seinen Gründer, den 2003 verstorbenen Pater Werenfried van Straaten, sondern auch an einen „Giganten der Kirche“, wie sie ihn nennen: an den heiligen Papst Johannes Paul II., der in diesem Jahr hundert Jahre alt geworden wäre. Mittendrin unter den Gästen damaliger zweiter Sekretär: der heutige Erzbischof von Lemberg, Mieczyslaw Mokrzycki.

„Ich war damals Student in Rom“, wird er an diesem Nachmittag auf dem Podium erzählen, „und hatte die Gelegenheit, hin und wieder bei der privaten heiligen Messe mit Johannes Paul II. dabei zu sein.“ 1996 wurde er schließlich gefragt, ob er nach Kardinal Stanislaw Dziwisz der zweite Sekretär des Papstes zu werden wolle. Für den jungen Priester eine große Herausforderung: „Ich hatte Angst davor, weil ich nicht vorbereitet war. Es gibt Priester im Vatikan, die die diplomatische Akademie absolviert haben, ich wusste nicht, ob ich es schaffen würde, ich konnte nicht so viele Sprachen.“

Zweiter Sekretär bis zum Tod Johannes Pauls II.

Er blieb sein zweiter Sekretär bis zum Tod Johannes Pauls II. und diente in dieser Position seinem Nachfolger Papst Benedikt XVI. weitere zwei Jahre hinter Georg Gänswein, bis Mokrzycki 2007 zum Weihbischof von Lemberg geweiht wurde. 2008 wurde er schließlich Erzbischof. Als er gefragt wird, was Johannes Paul II. für ein Chef gewesen sei, antwortet Mokrzycki: „Auf Viele wirkte er wie ein in sich gekehrter Mensch, aber wenn man neben ihm stand, fühlte man sich völlig frei. Er war sehr fordernd, sehr direkt und sehr menschlich.“ Der Papst sei immer „ein Mann des Gebetes“ gewesen, gar „ein großer Mystiker“. Der frühe Tod seiner Mutter habe den jungen Karol Woytila für den Rest seines Lebens geprägt.

Sie hätten fast immer zusammen gegessen, berichtet Erzbischof Mokrzycki. Als der Papst gegen Ende immer schwächer wurde, musste Mokrzycki fortan den Stuhl des Papstes näher an den Essenstisch heranschieben. Johannes Paul II., zwar seiner körperlichen Kräfte, nicht jedoch seines Humors beraubt, sagte bei einer dieser Gelegenheiten zu ihm: „Wenn du gefragt wirst, was du im Vatikan machst, sag ihnen, du schleppst den Papst immer zum Essen und holst ihn dort wieder ab.“

"Johannes Paul II. war ein Mann der Versöhnung.
Er ist ein Heiliger, und wir glauben an die Gemeinschaft
der Heiligen, und er wird für uns
um die notwendigen Gnaden bitten"

Der Lemberger Erzbischof beschreibt Johannes Paul II. als einen Visionär. Dass der Kommunismus zusammenbreche, davon war der Pontifex überzeugt. So sehr, erinnert sich Mokrzycki, dass er die Einwände des damaligen Berliner Erzbischofs Joachim Kardinal Meisner zurückwies. Der Pole hatte den Schlesier zum Erzbischof von Köln bestimmt, doch dieser wollte „seine“ Herde im geteilten Berlin nicht einfach so zurücklassen. „Du kannst ruhig gehen“, beruhigte der Pontifex Meisner, „der Kommunismus wird fallen.“ Im Februar 1989 wurde Meisner als Erzbischof von Köln eingeführt, acht Monate später fiel die Berliner Mauer.

Im November 2019 hatte die Bischofskonferenz der Ukraine den Vorschlag Mokrzyckis unterstützt, Papst Franziskus zu bitten, den heiligen Johannes Paul II. zum Schutzpatron der polnisch-ukrainischen Versöhnung auszurufen. Der Erzbischof von Lemberg sagte damals: „Johannes Paul II. war ein Mann der Versöhnung. Er ist ein Heiliger, und wir glauben an die Gemeinschaft der Heiligen, und er wird für uns um die notwendigen Gnaden bitten. Er genießt auch unter den Ukrainern großes Ansehen, besonders in der Westukraine.“

Durch den Konflikt mit Russland steht der Metropolit vor neuen Herausforderungen. „Die Medien sind nicht daran interessiert über den Krieg zu berichten“, beklagt Mokrzycki bei der Veranstaltung von „Kirche in Not“ in Köln. 300 000 Quadratkilometer Land seien verwüstet, seit Beginn des Krieges hätten über elf Millionen Menschen die Ukraine verlassen, „vor allem die gut ausgebildeten Leute“, so der Erzbischof. Diese fehlten auch in seiner Diözese.

Ans Aufgeben denkt er nicht

Doch ans Aufgeben denkt er nicht. Hilfswerke wie „Kirche in Not“ unterstützen den Erzbischof bei der Herkulesaufgabe, die verbliebenen Gläubigen zusammenzuhalten. Diese Aufgabe geht weit über Aufbauhilfe und finanzielle Unterstützung hinaus. Mokrzycki weiß: „Es ist die Aufgabe der Kirche, diesen Leuten zu zeigen: Die schlimmen Zeiten werden vergehen. Verliert nicht den Mut!“

Er überlegt einen Augenblick, in dem er sich vielleicht noch einmal an seine Zeit als Sekretär Johannes Pauls II. erinnert. Dann wiederholt Mokrzycki den Satz, den sein päpstlicher Landsmann einst so berühmt gemacht hat. Ein Satz, den er jedoch nicht ausschließlich an die leidenden Schäfchen seiner ukrainischen Diözese adressiert, sondern auch an all jene Besucher hier im Saal des Maternushauses in Köln, wo es nach Gulaschsuppe und Filterkaffee duftet und sich momentan niemand so recht eine Vorstellung davon machen will, jemals aus dieser Gemütlichkeit herausgerissen zu werden. Erzbischof Mieczys³aw Mokrzycki sagt diesen Satz mit Überzeugung, im Hinblick auf die Gegenwart, aber auch auf die Zukunft: „Habt keine Angst!“

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