Vatikanstadt

Papstschreiben: Verkehrung der Fronten

Mit "Querida Amazonia" schlägt Papst Franziskus eine Brücke zu konservativen Katholiken und enttäuscht jene, die sich von ihm eine Kehrtwende erhofft hatten.

Papst Franziskus im Vatikan.
Franziskus hat sich bei Kardinal Müller für dessen Kommentar handschriftlich bedankt. Das ausgleichende Wort - das "mir gefallen hat", schrieb der Papst. Foto: Evandro Inetti (ZUMA Wire)

Der heftige Widerspruch des Amazonas-Bischofs Erwin Kräutler gegen die "kirchliche Vision" von Papst Franziskus in der Exhortation "Querida Amazonia" und der versöhnliche Kommentar von Kardinal Gerhard Müller zu dem Schreiben zeigt plötzlich eine ungeahnte Verkehrung der Fronten. Kräutler, zugleich einer der Protagonisten des Netzwerks REPAM, sieht bei der vierten Vision, in der es für ihn auch um die "viri probati" und die Frauenweihe hätte gehen müssen, "einen Bruch". "Viele Leute und ich auch sind da perplex und verstehen nicht, warum diese Maßnahme vom Papstschreiben nicht aufgegriffen wird", erklärte er gegenüber dem Onlineportal "kath.ch". Die Bitte von Franziskus an die Bischöfe Lateinamerikas und der ganzen Welt um mehr Missionare lehnt Kräutler ab: "Ich glaube nämlich, dass Amazonien nur durch Leute gerettet werden kann, die dort leben und die von dort sind."

Auch dass Franziskus die Frauenweihe nicht einmal anspricht, ist für ihn "ein strategischer Fehler". Ganz anders Kardinal Müller: "Querida Amazonia" sei "ein pastorales Schreiben von prophetischer Kraft", es könne "die versöhnende Wirkung haben, auch innerkirchliche Parteibildungen, ideologische Fixierungen und die Gefahr einer inneren Emigration oder offenen Widerstands abzubauen" (DT vom 14. Februar).

Franziskus bedankt sich bei Kardinal Müller

Franziskus hat sich bei dem ehemaligen Präfekten der Glaubenskongregation für dessen Kommentar handschriftlich bedankt. Das ausgleichende Wort - das "mir gefallen hat", wie der Papst schrieb   muss Balsam auf der Seele von Franziskus gewesen sein. Wer sich von dem postsynodalen Schreiben eine Lockerung des Zölibats und Wege zur Frauenweihe erhofft hatte, läuft seit Tagen Sturm gegen das vorläufige Schlusswort des Papstes hinter einer Debatte, in der es gar nicht mehr um die ernsten seelsorglichen und existenziellen Nöte des Amazonasbeckens ging, sondern um eine Kirche, die sich bei Sakramentenspendung und in der Ämterfrage von ihrer Tradition verabschiedet.

Da hat der zarte Faden, der zwischen dem Papst und dem entlassenen Präfekten der Glaubenskongregation jetzt wieder besteht, eine gewisse Signalwirkung.
Franziskus zeigte sich vergangene Wochen gegenüber einer Gruppe amerikanischer Bischöfe bestürzt darüber, dass viele "Querida Amazonia" nur durch die Zölibats-Brille lesen   als sei das das Thema der Synode gewesen. Und die so unterschiedlichen Reaktionen von Kardinal Müller und Bischof Kräutler sind kein Einzelfall. Theologen und Kirchenfunktionäre in Deutschland, die sich von dem Amazonas-Schreiben Rückenwind für den Synodalen Weg erhofft hatten, sind enttäuscht. Kritiker von Papst Franziskus, die ihm bisher Verunsicherung, Vernachlässigung der Lehre und jesuitische Unschärfe vorgeworfen haben, sind erleichtert.

Franziskus hat sich als Pontifex erwiesen

Der Papst aus Lateinamerika hat sich jetzt wirklich als Pontifex erwiesen und eine Brücke zu konservativen Katholiken geschlagen, die beachtenswert ist: Bisher hieß es immer, Franziskus sei ein Instrument in den Händen von Leuten, für die, wie etwa für Kardinal Cl udio Hummes, die strenge Zölibatsverpflichtung ein Relikt aus alten Zeiten und das Nein der katholischen Kirche zur Frauenweihe nur der Nachweis einer vormodernen Verteilung der Geschlechterrollen ist. Auch Kurienkardinal Michael Czerny SJ und der Papst-Vertraute Antonio Spadaro SJ eiern zwischen einer vorsichtigen Würdigung von "Querida Amazonia" und der Versicherung, das Schreiben sei nur eine Station in einem Prozess, der jetzt weitergeht.

Konservative Katholiken sollten ihren Blick auf Franziskus korrigieren oder wieder öffnen. Bergoglio hat ihnen gerade mit "Querida Amazonia" gezeigt, dass er kein Handlager des "Clubs von Sankt Gallen" ist. Keiner weiß, wie es mit diesem Pontifikat weitergeht. Aber Franziskus gegenüber sollte sich jetzt sprungbereite Feindseligkeit in sprungbereites Vertrauen wandeln.

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