Trumau/Würzburg

"Nicht links oder rechts, sondern katholisch"

"Das "International Catholic Legislators Network" will nur eine Bühne sein, auf der katholische Politiker aus aller Welt Freundschaften schließen und Pläne schmieden.

Christiaan Alting von Geusau im Gespräch mit Kardinal Schönborn
Christiaan Alting von Geusau gründete und leitet das internationale katholische Politiker-Netzwerk, das unter der Patronanz von Kardinal Schönborn (rechts im Bild), Lord David Alton und Patriarch Boutros Rai steht. Foto: ITI

Was haben Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán oder der Stabschef des Weißen Hauses, Mick Mulvaney, mit christlichen Patriarchen aus Syrien und dem Libanon zu besprechen? Und warum wählen sie – wie vor wenigen Tagen geschehen – dafür als Bühne ein Treffen des „International Catholic Legislators Network“ (ICLN) im Marienerscheinungsort Fatima? Geheimnisumwittert ist das ICLN durchaus, und die spärlichen Informationen, die über ihre bisher zehn jährlichen Treffen an die Öffentlichkeit sickerten, verstärken mitunter diesen Ruf.

Gegenüber der „Tagespost“ klärt der Gründer des ICLN, Christiaan Alting von Geusau, auf: Das Netzwerk katholischer Politiker wurde auf Anregung des britischen Oberhausmitglieds Lord David Alton initiiert, nachdem der Wiener Kardinal Christoph Schönborn 2008 in einem Sitzungszimmer des Parlaments in London vor einem sehr kleinen Kreis katholischer Parlamentarier über die Rolle des katholischen Staatsmannes gesprochen hatte. „Einige klagten damals, dass sie meist alleine stehen. Sie wünschten viel mehr Interaktion zwischen den Hirten und den katholischen Politikern“, erinnert sich Alting von Geusau, der Schönborns Vortrag organisiert hatte. Also reiste er zwei Jahre lang durch Europa und die USA, um katholische Politiker zu befragen. „Die Antwort war stets: Warum hat niemand vorher daran gedacht?“ 2010 wurde das ICLN gegründet. Kardinal Schönborn, Lord Alton und der maronitische Patriarch Boutros al-Rai fungieren seither als dessen Patrone.

Eine Geheimgesellschaft, die im Verborgenen unsichtbare Fäden knüpft und eine politische Agenda betreibt, ist das Netzwerk jedoch nicht. „Es geht um die Glaubensbildung der Politiker, um gute Informationen und Bildung auf den Gebieten von Philosophie, Theologie, Recht und Wirtschaft“, erklärt der Leiter des ICLN im Gespräch mit dieser Zeitung. Viele Politiker seien aufgrund mangelnder Bildung den großen Fragen unserer Zeit nicht gewachsen.

„Hinter positiven Entwicklungen in der Weltpolitik stehen oft Freundschaft und Vertrauen.“ So habe beim Fall des Eisernen Vorhangs und beim Zusammenbruch des Ostblocks das von Freundschaft getragene Vertrauen zwischen Papst Johannes Paul II. und US-Präsident Ronald Reagan eine große Rolle gespielt. „Sie haben einander vertraut. Diese Freundschaft war für mich eine Inspiration.“

Vereint im Glauben an Jesus Christus

Das Netzwerk selbst ist nicht politisch tätig, identifiziert sich nicht mit den politischen Initiativen seiner Teilnehmer und versteht sich als strikt überparteilich. „An unseren Treffen nehmen Politiker aus allen Parteien teil. Wir bestehen auf Überparteilichkeit. Aus den USA kommen sowohl Demokraten wie Republikaner und Unabhängige“, sagt Christiaan Alting von Geusau.

Eine klare Identifikation wird an anderer Stelle erwartet: „Die Auswahl ist sehr präzise: Wir laden niemanden ein, den wir nicht durchgecheckt haben. Vereinen soll alle der gemeinsame Glaube an Jesus Christus.“ Das ICLN betont die Identifikation mit der Lehre der katholischen Kirche, jenseits dessen aber wird leidenschaftlich und mitunter auch kontrovers debattiert. Gezielt werden auch Nicht-Katholiken eingeladen, „wenn sie unsere Prinzipien unterschreiben“.

Alting von Geusau, der selbst weder Politiker noch Kirchenvertreter ist, sondern das „Internationale Theologische Institut“ (ITI) im niederösterreichischen Trumau leitet, unterstreicht: „Wir hatten von Anfang an auch orthodoxe, calvinistische und lutherische Teilnehmer. Katholisch nennt sich das Netzwerk, weil es im Bildungskonzept die Lehre der katholischen Kirche als Ausgangspunkt nimmt. Was Ehe, Familie und Religionsfreiheit betrifft, gibt es eine ganz bewusste Identifikation mit der Lehre der katholischen Kirche.“

Vor jeder Einladung werde überprüft, ob der betreffende Politiker das Leben von der Empfängnis an schützen will, die Ehe zwischen Mann und Frau zu stärken und die Freiheit von Gewissen und Religion zu verteidigen bereit ist. Alting von Geusau erklärt: „Einer der wichtigsten Gründe, weshalb Katholiken in der Politik oft so ineffizient sind, ist, dass wir untereinander keine Einheit haben. Wir wollten von Anfang an vermeiden, dass Katholiken untereinander eine Debatte darüber führen, ob Abtreibung akzeptabel ist. Wir stehen zur Lehre der Kirche. So können wir sofort Diskussionen auf viel höherem Niveau starten.“

Nicht-Katholiken würden sich nicht als Gäste fühlen, sondern gingen ganz selbstverständlich zu allen Messen und zum Rosenkranz mit. „Sie spüren diese Gemeinschaft in Christus“, sagt der Leiter des ICLN. Vor wenigen Tagen, beim zehnten Jahrestreffen in Fatima, seien alle Politiker täglich zur Messe, zur Anbetung und zum Rosenkranz gekommen. „Die Kombination von Freundschaft, gemeinsamer Feier des Glaubens und Bildung führt dazu, dass es tiefer im Glauben verankerte, besser gebildete und gut vernetzte Politiker in der Welt gibt.“ Insgesamt sind Europäer und Amerikaner unter den Teilnehmern nicht mehr die Mehrheit; ein Drittel stammt bereits aus Afrika, viele aus Lateinamerika und Asien.

Konkrete Früchte von Freundschaft und Vertrauen

In Fatima stand die Familie im Mittelpunkt der Beratungen. Experten aus Afrika, Amerika und Europa sprachen über die Lage der Familien und die Auswirkungen der heutigen Krise auf die Kultur. „Wir setzen keine Agenda, sondern sind nur Brückenbauer. Das hat sich in den letzten zehn Jahren als effizient erwiesen“, sagt Alting von Geusau. „Wir bauen die Bühne, auf der sich die Leute treffen – um unabhängig weiterzugehen.“ Als Beispiel nennt er die Resolutionen, in denen 2017 viele Parlamente – das Europäische Parlament ebenso wie der US-Kongress und das britische Unterhaus – die Massaker des IS an Christen und Jesiden als Genozid anerkannten. Diese Welle sei eine „direkte Frucht unseres Treffens 2016 in Frascati“ gewesen. „Dort trafen Patriarchen und Politiker einander, und die Bischöfe gaben Zeugnis von der furchtbaren Verfolgung.“ Was konkret vereinbart wurde, habe das ICLN nicht koordiniert.

„Wir sind nicht rechts oder links, sondern katholisch“, so der ICLN-Gründer. Dass das zehnte Treffen in Fatima stattfand, deutet er als „Einladung der Muttergottes“. Fatima sei der politischste aller Marienwallfahrtsorte und Beleg dafür, dass die Muttergottes sich in der Weltgeschichte konkret zu Wort meldet. „Die Atmosphäre der freien Rede und des freundschaftlichen Austauschs verdankt sich der Tatsache, dass es weder Presseaussendungen noch Journalisten gibt, und dass seitens des ICLN nicht bekannt gegeben wird, wer teilnimmt“, begründet Alting von Geusau, was andere als Geheimhaltung interpretieren.