Posen

Nazi-Verbrechen nicht ausreichend aufgearbeitet

Erzbischof Stanislaw Gadecki, Vorsitzender der polnischen Bischöfe, über Erinnerung, Ideologien und vergessene Opfer Von Stefan Meetschen

Auschwitz-Prozess in Neubrandenburg
Ein Schild mit der Aufschrift "Halt!" am Eingang des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau in Oswiecim (Polen). Foto: Daniel Naupold (dpa)

Exzellenz, in diesem Jahr stehen in Polen viele Jubiläen an: die Gründung der Rzeczpospolita, der berühmten polnisch-litauischen Adelsrepublik, die ein fortschrittliches Gebilde der Toleranz, Religionsfreiheit und Demokratie war, vor 450 Jahren; der Warschauer Aufstand vor 75 Jahren und nun, am 1. September, der Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren. Wie erleben Sie diese Erinnerungsfeierlichkeiten?

Alle diese Jubiläen haben ihren eigenen Wert. Sie alle erinnern uns an unsere Geschichte. Sie erinnern uns daran, wer wir sind. Sie zu erleben ist keine Flucht in die Vergangenheit und irgendeine Form von Anachronismus. Das 450. Jubiläum von der Kirchenunion von Brest, also der Gründung der Rzeczpospolita erinnert uns daran, dass die friedliche Vereinigung der Nationen nicht nur möglich, sondern auch erreichbar war. Der 75. Jahrestag des Warschauer Aufstands erinnert uns daran, dass Freiheit ein unschätzbarer Wert ist. Wie auch immer man die Beweggründe, die dazu führten, bewerten mag, die Ungeheuerlichkeit der Opfer, die dieser Aufstand mit sich brachte – in Form von Hunderttausenden ermordeter Menschen sowie des Verrats der Alliierten – lässt sich nicht leugnen.

Dieser verzweifelte Aufstand, der die junge Generation von Polen ins Grab brachte, gab denjenigen Kraft, die überlebten, um während der Zeit der kommunistischen Herrschaft auf polnischem Boden, die ein Teil des atheistischen internationalen Sozialismus war, eine Distanz zur Macht zu bewahren und ihren Glauben nicht aufzugeben. Der 80. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs - der sich zuerst für Polen in der Stadt Wieluñ ereignete – ist eine Warnung vor der nationalistischen Variante des atheistischen Sozialismus, der sich nicht nur für Polen als katastrophal herausstellte (sechs Millionen Opfer, darunter drei Millionen von Polen jüdischer Nationalität), aber auch für die Sowjetunion, für die Bevölkerung anderer Kontinente und schließlich für die Deutschen selbst.

Zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs gehört ganz entscheidend das Morden der Nazis an polnischen Priestern und Gläubigen. Man wollte die Kirche als Bildungs- und Identitäts-Träger zerstören. Glauben Sie, dass diese Verbrechen ausreichend aufgearbeitet wurden? Wie lässt sich das Wissen darüber steigern? Auch international.

Erzbischof Stanislaw Gadecki
Stanislaw Gadecki ist Erzbischof von Posen und Vorsitzender der Polnischen Bischofskonferenz. Foto: PBK

In der Tat bestand die Absicht der Nazi-Gemeinschaft darin, den Polen den Kopf, das heißt, die Intelligenz, zu entziehen, damit es einfacher wäre, die anderen ideologisch zu kontrollieren. Die Auswirkungen davon betrafen auch die polnischen Bischöfe und Priester. Das Symbol für das Martyrium des polnischen Klerus bleibt für immer Dachau, wo ungefähr zweitausend Priester starben, nicht mitgerechnet die Priester, die in ihren Diözesen erschossen wurden.

Man darf jedoch nicht vergessen, dass der damalige deutsche Plan für den Osten vorsah, dass nach der Ermordung der Juden nur noch 20 Prozent der Polen überleben sollten und diese allein für physische Arbeiten vorgesehen waren. Diese Verbrechen sind nicht ausreichend aufgearbeitet worden. Der Beweis dafür ist die Tatsache, dass zum Beispiel die Menschen in den Vereinigten Staaten, wenn man mit ihnen über den Warschauer Aufstand spricht, nur an den Aufstand im Warschauer Ghetto denken. Wenn man von Opfern spricht, denken sie nur an die jüdischen Opfer, obwohl ja, man soll sich in erster Linie an sie erinnern.

Die polnischen Priester, deren Zahl nach dem Krieg reduziert war, haben nach der Rückkehr aus den Lagern vor allem an die Aufgaben gedacht, die auf dem Feld der Seelsorge in Polen anstanden. Sie feierten den Befreiungstag von Dachau immer in der polnischen Stadt Kalisz, wo der heilige Josef besonders verehrt wird. Ihm dankten sie für das Überleben in Dachau, es war die Erfüllung eines Gelübdes. Während der kommunistischen Herrschaft gab es kaum Möglichkeiten, des Überlebens zu gedenken. Gerade heute – da der Klerus im Zusammenhang mit der Genderideologie besonders rücksichtslos angegriffen wird – lohnt es sich, auch auf internationaler Ebene darauf hinzuweisen, welche Opfer die Geistlichen damals gebracht haben, um dem Evangelium treu zu bleiben.

Sie selbst sprechen sehr gut Deutsch und haben Erfahrungen als Seelsorger in Deutschland sammeln dürfen. Hand aufs Herz: Kann man das vergeben, was die Nazis den Menschen in Ihrer Heimat angetan haben? Wie erklären Sie sich diese Maschinerie des Bösen? War das typisch deutsch oder typisch ideologisch?

Man kann nicht nur vergeben, sondern – soweit wir Christen sind – muss man es tun. So wurde es auch während des Vatikanischen Konzils von den polnischen Bischöfen getan, und der Kirche in Polen brachte dies damals großes Leid ein. Jeder Atheismus, der den Schöpfer leugnet, leugnet zur gleichen Zeit auch die Schöpfung, also den Mensch. Eine Schöpfung ohne Schöpfer verkümmert. Deshalb muss man sich – nach der Opposition gegen den atheistischen Nationalsozialismus und Internationalsozialismus – auch der nächsten Ideologie – der Genderideologie – widersetzen, die aus derselben atheistischen Wurzel herauswächst. Diese Maschinerie des Bösen ist typisch ideologisch, das heißt, dass sie einen Teil als Ganzes zeigt und gleichzeitig den Schöpfer aus dem Sichtfeld entfernt. Typisch deutsch ist wohl, dass Deutschland eine sehr gut organisierte Nation ist, und wenn die Deutschen sich etwas widmen, dann versuchen sie, es perfekt zu machen.

Die Kirche hat beim Versöhnungsprozess zwischen Deutschland und Polen nach dem Krieg eine große Rolle gespielt. Warum waren die polnische Bischöfe mutiger als die deutschen Hirten, deren Antwort auf die Versöhnungsbitte von Kardinal Wyszynski nach Meinung von Experten eher schwach ausfiel?

Der Unterschied zwischen den polnischen und deutschen Bischöfen der damaligen Zeit liegt – glaube ich – bei den verschiedenen Perspektiven, in denen sie sich der gleichen Sache näherten. Die Polnischen Bischöfe waren inspiriert vom Konzil und den Anforderungen des Evangeliums. Sie glaubten, dass vom Konzil eine Stimme in Richtung Versöhnung ausgehen müsse. Die deutschen Bischöfe bewerteten die Angelegenheit wahrscheinlich eher politisch, angesichts der scharfen Reaktion der deutschen Vertriebenen. Dies ist wohl der Grund dafür, dass ihre Antwort verspätet und schwach war.

Was bedroht heute am stärksten den Frieden in Europa und in der Welt?

Die grundlegende Bedrohung liegt nicht außerhalb, sondern innerhalb der Natur des Menschen. Es ist Gier, wenn man sich nie mit dem zufrieden gibt, was man besitzt. Je eher man diese Gefahr, immer mehr haben zu wollen, versteht, umso schneller wird man in Europa und in der Welt zum Frieden kommen, auch im Kontext der Globalisierung.