Mit Zölibats-Kritik ins Amt

Der designierte Oberhirte von Kärnten Josef Marketz beansprucht ein „Recht auf Privatsphäre“.

Kärntens neu ernannter Bischof Josef Marketz
Als großer Engel will Josef Marketz nicht auftreten. Foto: Pressestelle/Eggenberger

Bepp, Beppi, Beppo, Sepp oder Josef würden die Leute zu ihm sagen. Josef sei ihm am liebsten, meinte der bisherige Kärntner Caritas-Direktor auf die Frage einer Journalistin, wie er nach seiner Ernennung zum Diözesanbischof von Gurk-Klagenfurt angeredet werden wolle. Ein Gutteil der Kärntner dürfte mit Josef Marketz, der am 2. Februar die Bischofsweihe empfangen soll, längst per Du sein. Fürstbischöfliches Gehabe wird dem nahbaren neuen Kärntner Oberhirten wohl keiner vorwerfen.

Er legt Wert darauf, Menschen, die auf der Straße leben müssen, persönlich zu kennen. Marketz will auch nicht ins Bischofshaus einziehen, sondern in seiner Wohnung bleiben, wie die meisten Leute morgens zur Arbeit gehen, und am Abend müde nach Hause.

Eine zündende Begegnung mit Mutter Teresa

Im Gespräch mit der „Tagespost“ gibt er Einblick in seine Berufungsgeschichte. Er war als junger Mann aus dem Priesterseminar ausgetreten und trampte „mit zwei Hosen und zwei T-Shirts“ durch Indien, als er Mutter Teresa begegnete. „Am Ende der Messe sagte sie zu den Schwestern: ,Ihr habt Jesus in der Hostie angebetet – und jetzt geht hinaus! Dem gleichen Christus, den Ihr in der Hostie seht, begegnet Ihr auch in jedem Menschen.‘ Das hat sich mir eingeprägt.“

Später unterhielt er sich mit der Heiligen aus Kalkutta bei einer Autofahrt: „Irgendwann sagte sie: ,Du reist so lange in Indien herum. Hast Du nicht gesehen, wie viele Menschen Deine Hilfe brauchen? Warum bist Du nicht stehen geblieben und hast geholfen?‘ Das hat mir so einen Stich versetzt, dass ich nichts mehr darauf antworten konnte. Ich bin so schnell wie möglich nach Hause gefahren und habe meinen Bischof gefragt, ob ich wieder ins Priesterseminar eintreten kann.“ Als er bei Exerzitien von einem Missionar in Ecuador hörte, dachte er an die Begegnung mit Mutter Teresa: „Was ich in Indien nicht getan habe, will ich jetzt tun. Ich gehe nach Ecuador und bleibe ein Jahr dort in einer Pfarrei.“ Der Bischof erlaubte es nach der Diakonenweihe.

"Für einen neuen Stil bin ich selber
verantwortlich. Eine Aufarbeitung kann
ich vielleicht in die Wege leiten,
aber nicht sehr viel dazu beitragen"
Josef Marketz, neu ernannter Bischof von Kärnten

Als das Gurker Domkapitel ab 2. Juli 2018 mit dem früheren Kärntner Bischof Alois Schwarz – nun Bischof von St. Pölten – abrechnete, hielt Josef Marketz still: Weder rückte er zur Verteidigung von Schwarz aus, noch stimmte er in die Kritik des Domkapitels an dessen Lebensstil und Amtsführung ein. Bei seiner Antrittspressekonferenz am Freitag in Klagenfurt lobte Marketz auf eine Frage dieser Zeitung: Schwarz sei ein „guter Prediger“ mit einem „Herz für die Menschen“. Im „Tagespost“-Interview sagte Marketz zur Frage, ob es nicht doch eine Aufarbeitung der Ära Schwarz brauche: „Für einen neuen Stil bin ich selber verantwortlich. Eine Aufarbeitung kann ich vielleicht in die Wege leiten, aber nicht sehr viel dazu beitragen. Der Erfolg steht nicht in meiner Macht. Die Versöhnung, die ich mir wünsche, ist nicht in meiner Hand.“

Ob Schwarz sich bei den Menschen, die er als Hirte enttäuschte, entschuldigen solle? „Es würde sicher guttun. Er wollte ja nicht Menschen beleidigen, aber er muss sich bewusst werden oder sich sagen lassen, dass es so war. Das muss ich aber ihm überlassen.“ Vage blieb Marketz auf die Frage, welche Konsequenzen der Vatikan aus dem Visitationsbericht ziehen sollte, den der Salzburger Erzbischof Franz Lackner im März als Apostolischer Visitator über das zurückliegende Jahrzehnt in der Diözese Gurk-Klagenfurt nach Rom sandte: „Das ist in deren Verantwortung. Ich hoffe, dass etwas kommt.“

Verheiratete Diakone zu Priestern weihen

Konkreter wird der neu ernannte Kärntner Oberhirte bei anderen Fragen: In der Pressekonferenz am Freitag in Klagenfurt sprach er sich auf eine Frage dieser Zeitung dafür aus, „verheiratete Diakone zu Priestern zu weihen“. Da höre er auf den Rat des Pastoraltheologen Paul Zulehner, der sein Doktorvater war. Im Interview mit der „Kleinen Zeitung“ ging Marketz weiter und sprach sich für die Abschaffung des Zölibats aus: „Nicht so sehr, weil jeder Mann unbedingt eine Frau neben sich braucht. Doch ich sehe die Vereinsamung vieler alter Priester.“ Die kirchenamtliche Nachrichtenagentur „Kathpress“ zitierte den neuen Kärntner Bischof auch mit Zustimmung zur Weihe von Frauen: „Wenn eine sagt, sie möchte Priesterin werden, dann kann ich nur mit ihr zusammen hoffen, dass das möglich wird.“ Es brauche dafür aber „ein bisschen Geduld“.

Die in Kärnten auflagenstarke „Kleine Zeitung“ konfrontierte den neuen Bischof mit einer persönlicheren Frage: Weil das Domkapitel Bischof Schwarz vorwarf, „aufgrund seiner Lebensführung … für Priester im Zusammenhang mit der Zölibatsverpflichtung erpressbar“ gewesen zu sein, wollte die Zeitung wissen, ob Marketz für sich ähnliche Vorwürfe ausschließe. Die Antwort klingt nicht wie ein Dementi: „Ausschließen kann ich nichts. Ich bin 64 Jahre alt, lebe schon ziemlich lange und habe Zuneigung von vielen Menschen, auch von Frauen, erfahren. Jeder Mensch hat ein Recht auf Privatsphäre.“ Immerhin: „Für die Jetztzeit kann ich eine Erpressbarkeit ausschließen.“ Er wolle „nicht als großer Engel hier auftreten“. Nachsatz: „Aber ich habe ein gutes Gewissen.“

Slowenische Volksgruppe freut sich über Ernennung

Der Präfekt der Bischofskongregation, so erzählte Marketz am Freitag, habe ihm in Rom gesagt: „Wir haben Sie nicht gekannt, aber gefunden.“ Er selbst habe sich lange gegen den Gedanken gewehrt, dass ihm das Bischofsamt anvertraut werden könnte. Ein Grund für seine Zustimmung sei gewesen, dass er das „zentrale Anliegen“ von Papst Franziskus teile: Den Blick nicht von denen abzuwenden, „die am Rande unserer Gesellschaft in vielfältiger physischer und psychischer Armut leben“. Er wolle das Evangelium „dem heutigen Menschen als Lebensdeutung auf zeitgemäße Art und Weise als Angebot und Einladung anbieten“.

Freude über Marketz' Ernennung herrscht bei der slowenischen Volksgruppe Kärntens, der der neue Bischof entstammt. Mit dem Burgenland-Kroaten Ägidius Zsifkovics, der Bischof von Eisenstadt ist, und dem Kärntner Slowenen Josef Marketz gehören damit zwei von neun österreichischen Diözesanbischöfen einer anerkannten Volksgruppe an. „Das ist ja sympathisch“, sagt Marketz im „Tagespost“-Interview. Es sei gut, dass die Grenzen gefallen sind, „dass wir so locker reisen können“. Er selbst kenne Südosteuropa gut und wolle die Kärntner Partnerschaft mit der Erzdiözese Sarajewo weiter pflegen. Auch politisch hat sich Marketz Gedanken gemacht: „Es wäre mir ein Anliegen, dass die, die sich das so sehr wünschen, bald in die Europäische Union aufgenommen werden. Das muss man einem Macron verstehbar machen: Da hat Österreich eine Aufgabe.“

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