Hannover

Missbrauchsstudie: Ein Skandal, der keiner ist

Der Kriminologe Christian Pfeiffer hat die Missbrauchsstudie wieder in den Fokus des Mediengeschehens gerückt. Der Vorwurf: die Kirche hat Aufklärungsarbeit behindert. Tatsächlich unterschlägt Pfeiffer in seiner Anklage wichtige Details.

Kriminologe Christian Pfeiffer
Dass es Christian Pfeiffer in der Vergangenheit nicht immer so genau nahm, wenn es ihm mediale Aufmerksamkeit brachte, hat den Boden für Angriffe gegen seine Person bereitet. Foto: Hauke-Christian Dittrich (dpa)

War die Untersuchung zum Missbrauch in der katholischen Kirche nur eine große „Show“? So behauptet es Christian Pfeiffer, Ex-Justizminister von Niedersachsen und ehemaliger Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN). „Das Forschungsprojekt war für Kardinal Marx die Chance, vor großem Fernsehpublikum seine Scham zu artikulieren“, sagt der Kriminologe. Daten aus den Personalakten seien „von der Kirche selbst erhoben wurden und nicht von unabhängigen Wissenschaftlern“. Kardinal Reinhard Marx habe alles unternommen, um eine neutrale Forschung zu behindern.

Pfeiffer warf der Kirche vor, Akten vernichtet zu haben

2011 beschloss die Deutsche Bischofskonferenz, Pfeiffer und das KFN an der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle zu beteiligen. 2013 kam es jedoch zum Bruch. Pfeiffer warf der Kirche vor, Akten vernichtet zu haben. Die Bischofskonferenz sah das Vertrauensverhältnis als zerrüttet an und kündigte den Vertrag. Pfeiffer wehrte sich damit, die Verantwortlichen wollten die Missbrauchsstudie zensieren.

„Die Bischofskonferenz hatte uns damals im Vertrag Forschungsfreiheit garantiert“, blickt Pfeiffer auf die damalige Zusammenarbeit zurück. „Aber im Auftrag von Marx hat dann eine Münchner Anwaltskanzlei für die Bischofskonferenz einen neuen Vertragsentwurf erarbeitet, der Zensur bedeutet hätte. Diesen Machtanspruch der Kirche konnten wir nicht akzeptieren.“

Pfeiffers Rückmeldung löste in den Medien ein großes Echo aus, nicht zuletzt, weil er den Rücktritt von Kardinal Marx vom Vorsitz der Bischofskonferenz forderte. Die Botschaft lautete: kein einziger der 1670 beschuldigten Kleriker sei strafrechtlich verfolgt worden. „Es war doch von vornherein klar, dass die Ermittlungen fast durchweg eingestellt werden müssen“, so Pfeiffer. „Die Staatsanwaltschaften hatten schon wegen der Verjährungsfristen kaum eine Chance, noch irgendwelche dieser alten Fälle zur Anklage zu bringen.“

Pfeiffers Glaubwürdigkeit ist nicht ungetrübt

Der Medienrummel verwundert. Denn Pfeiffers Glaubwürdigkeit ist nicht ungetrübt. Der „Stern“ bedachte ihn 2010 mit dem Titel eines „Quartals-Talkers“. Die Frankfurter Rundschau zitierte Stimmen, die Pfeiffers eigentliches Spezialgebiet als das Abgreifen von „lukrativen staatlichen Geldquellen für Forschungsprojekte“ bezeichneten. Dass es Pfeiffer in der Vergangenheit nicht immer so genau nahm, wenn es ihm mediale Aufmerksamkeit brachte, hat den Boden für solche Angriffe bereitet. Exemplarisch steht dafür der Fall Sebnitz. Im Jahr 2000 stützte Pfeiffer die These, dass der sechsjährige Joseph Kantelberg-Abdullah in einem sächsischen Freibad von Rechtsradikalen ermordet worden sei. Erst nachdem sich die mediale Empörungswelle gelegt hatte, stellte sich heraus, dass der Junge ertrunken war.

In ähnlicher Weise sind Pfeiffers Behauptungen mit Vorsicht zu genießen. Bereits die Zahl der rund 1670 Geistlichen insinuiert, dass diese durchweg Täter seien. Es handelt sich dabei jedoch um Beschuldigte. Nicht immer erhärtet sich ein Vorwurf in der Ermittlungspraxis. Einige Akte, die nach Kirchenrecht als unsittlich gelten, werden nach deutschem Strafrecht nicht verfolgt.

So ist zu erklären, dass beim Fallbeispiel in Bayern eine ganze Reihe von Fällen nicht genügend Anhaltspunkte für eine Straftat gaben oder zurückgewiesen wurden. Nach Medienberichten waren von den 321 beschuldigten Geistlichen in den sieben bayerischen Bistümern waren 124 bei Ermittlungsbeginn bereits tot. Auch die Behauptung, „kein einziger“ Geistlicher sei strafrechtlich verfolgt worden, ist falsch. Die Generalstaatsanwaltschaft München gab Auskunft, dass Beschuldigte nicht belangt wurden, die bereits abgeurteilt worden seien. Die deutschlandweite MHG Studie hat 243 Strafakten von 249 Klerikern ausgewertet. 77 von ihnen wurden verurteilt. Die Prozesse fanden vor 2018 statt.

Die Kirche hat das Informationsmonopol

Dass die Kirche das Informationsmonopol behielt, statt die Akten externen Forschern anzuvertrauen, entspricht den Normen des Datenschutzes. Die Weitergabe von Informationen von Arbeitnehmern durch Arbeitgeber an Dritte ist gesetzlich geregelt. Das gilt für Unternehmen ebenso wie für die Kirche. Eine richterliche Anordnung, die eine solche Akteneinsicht verfügt hätte, liegt bis heute nicht vor. Der „Zensurvertrag“, der die freie Forschung eindämmen sollte, war demnach eine überarbeitete Vorlage, die deutschem Recht entsprach – das erfuhr die Tagespost aus informierten Kreisen.

Auch der Vorwurf der Aktenvernichtung entpuppt sich als ist problematisch. Tatsächlich hat die MHG-Studie eine Vernichtung von Akten in zwei Bistümern bestätigt. Ob aber diese Vernichtung wirklich im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen steht, ist ungeklärt. Auch den Spekulationen, dass die Kirche bewusst die Aufarbeitung verzögert habe, um eine Verjährung der Straftaten zu erreichen, treten die Bistümer entgegen: das Gros der Fälle sei erst ab 2010 bekannt geworden, so beispielsweise durch den Weber-Bericht über den Missbrauch bei den Domspatzen.

Wie beim Weber-Bericht zeichnet sich in der MHG-Studie ein Schwerpunkt des sexuellen Missbrauchs für den Zeitraum von 1950 bis 1980 ab. Pfeiffer dürfte darum gewusst haben, dass es sich um Verjährungsfälle handelt. Das anberaumte Projekt hatte demnach eher eine historische, als eine juristische Dimension, das heißt: trockene Archivarbeit. Aber die verkauft sich bekanntlich schlechter als ein Skandal, der in Wirklichkeit keiner ist.

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