Vatikanstadt

Migration, Islam und Menschenrechte

Die Schwerpunkte der dreizehn Kirchenmänner, die der Papst in den Kardinalsstand erhebt.

Matteo Maria Zuppi
Erzbischof Matteo Zuppi ist durch sein Engagement für die Gemeinschaft Sant'Egidio bekannt. Foto: KNA

Will man die am Sonntag von Papst Franziskus verlesene Liste der neuen Kardinäle inhaltlich gewichten, bieten sich die drei Stichworte Migration, Dialog mit dem Islam und Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit an. Es war ein ungewöhnliches Gebet des Angelus vor den Gläubigen auf dem Petersplatz: Für 25 Minuten hatte ein defekter Aufzug Franziskus und seine Begleitung festgehalten, der Papst trat mit sieben Minuten Verspätung an das Mikrophon in der „terza loggia“. Und am Ende dann die Überraschung: Am 5. Oktober, einen Tag, bevor im Vatikan die Amazonas-Synode beginnt, wird Franziskus dreizehn Kirchenmännern den roten Purpur verleihen, sieben davon sind Ordensleute und drei von ihnen Jesuiten. Und ebenfalls drei erhalten die Kardinalswürde ehrenhalber, sie haben die Altersgrenze von achtzig Jahren überschritten und werden an einem Konklave der Zukunft nicht mehr teilnehmen können.

Europäische Bischofssitze wie Mailand oder Paris gingen leer aus

Einigermaßen zwingend war allenfalls die Ernennung von Bischof Miguel Ayuso Guixot, der in Nachfolge des verstorbenen Kardinals Jean-Louis Tauran den Rat für den Interreligiösen Dialog leitet. Ansonsten konnte der Papst seine Schwerpunkte setzen. Europäische Bischofssitze wie Mailand und Paris, die traditionell mit der Kardinalswürde verbunden waren, gingen leer aus. Auch die Kirche Irlands stellt weiterhin keinen Kardinal mehr – der Sitz des Primas in der nordirischen Erzdiözese Armagh mit Erzbischof Eamon Martin an der Spitze hätte sich angeboten.

Einmal mehr geht Franziskus an die Peripherie

Stattdessen ging Franziskus wieder einmal verstärkt an die „Peripherie“ und berief Erzbischöfe, von denen die meisten – auch im gegenwärtigen Kardinalskollegium – weitgehend unbekannt sind. Für eine kommende Papstwahl hat das Folgen. Die Kardinäle, die ins kommende Konklave einziehen, werden kein erlesener Club mehr sein, in dem man sich – abgesehen von ein paar „Exoten“ – ganz gut kennt. Die fortschreitende Universalität des „roten Senats“ hat auch eine wachsende Anonymität zur Folge. Früher konnte man „Lager“ oder „Fraktionen“ im Kollegium der Kardinäle ausmachen und die Konstellation bei einem Konklave ungefähr abschätzen. Davon kann heute kaum noch die Rede sein.

Bischof Ayuso Guixot ist Spanier. Der 67 Jahre alte Comboni-Missionar lehrte Arabistik und Islamwissenschaft in Khartoum und Kairo und wurde 2012 von Benedikt XVI. zum Sekretär des Rats für den Interreligiösen Dialog ernannt. Zusammen mit Kardinal Tauran hat er die Erklärung von Abu Dhabi über die brüderlichen Beziehungen zwischen Christen und Muslimen vorbereitet, die Franziskus im Februar mit dem Großimam der Azhar von Kairo unterzeichnet hat.

Ein weiterer Kurienbischof, der die Kardinalswürde erhalten wird, ist der 53 Jahre alte Portugiese José Tolentino Calaca de Mendonca, seit September vergangenen Jahres Archivar und Bibliothekar der Heiligen Römischen Kirche. Seinen Vorgänger Jean-Louis Brugues OP hat Franziskus nicht zum Kardinal ernannt. Aber der vergleichsweise junge Portugiese, von Haus aus Bibelwissenschaftler, ein bekannter Dichter und früher Vizerektor der Katholischen Universität Portugals, muss Franziskus gefallen haben, als er im vergangenen Jahr die Fastenexerzitien für die römische Kurie zum Thema „Lobrede auf den Durst“ gehalten hat.

Eine Überraschung ist die Berufung des dritten Kurienprälats

Eine Überraschung ist die Berufung des dritten Kurienprälats: Der kanadische Jesuit Michael Czerny tschechoslowakischer Abstammung ist seit 2017 Untersekretär des Dikasteriums für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen und führt dort die Sektion für die Migranten, deren offizieller Leiter Papst Franziskus selber ist. Ob sich der Jesuit vor dem Konsistorium zum Bischof weihen lässt, ist offen. Franziskus könnte ihn davon dispensieren. An der Amazonas-Synode wird der 73 Jahre alte Czerny als Sondersekretär teilnehmen.

Sympathisant der LGBT-Förderer in der Kirche

Zwei Kardinalshüte gehen an europäische Bischofssitze: Der 63-jährige Erzbischof von Bologna, Matteo Maria Zuppi, ist der Gemeinschaft Sant?Egidio besonders verbunden und erhebt immer wieder das Wort für eine humanere Migrationspolitik. Seine Kaplanszeit absolvierte er in der Kirche der Gemeinschaft Sant'Egidio, Santa Maria in Trastevere, und als – von Papst Benedikt ernannter – Weihbischof von Rom hielt er besonderen Kontakt zu dieser Gemeinschaft. Zuppi gilt als Sympathisant der LGBT-Förderer in der Kirche. Erfreut über diese Ernennung meldet sich jetzt auf Twitter immerhin der Homo-Lobbyist James Martin SJ aus den Vereinigten Staaten zu Wort, nannte Zuppi einen „großen Unterstützer der LGBT-Katholiken“ und wies auf das Vorwort hin, das dieser für die italienische Ausgabe von Martins Buch „Building a Bridge“ verfasst hat.

Auch der Erzbischof von Luxemburg, der 61 Jahre alte Jesuit Jean-Claude Hollerich, wird von Franziskus den Purpur empfangen. Er ist Vorsitzender der Comece, der Kommission der Bischöfe bei der Europäischen Union.

Land mit den meisten muslimischen Gemeinschaften

Weitere, in Zukunft papstwahlberechtigte Kardinäle aus nichteuropäischen Ländern werden zwei Erzbischöfe sein, die sich in muslimischer Umgebung bewähren müssen: der 69 Jahre alte Leiter der Erzdiözese Jakarta, Ignatius Suharyo Hardjoatmodjo, und der zwei Jahre jüngere Cristobal Lopez Romero, ein spanischer Salesianerpater, der von der marokkanischen Hauptstadt Rabat aus für etwa 20 000 Katholiken unter insgesamt knapp 30 Millionen meist muslimischen Einwohnern verantwortlich ist.

Hardjoatmodjo lebt in einem Land, in dem mit 262 Millionen Einwohnern weltweit die meisten muslimischen Gemeinschaften leben. 3,1 Prozent der Gesamtbevölkerung sind Katholiken. Seine Erzdiözese hat ein Projekt initiiert, das die Katholiken für die Bedürfnisse von Flüchtlingen, vor allem aus Bangladesh, Myanmar und von dort besonders die muslimischen Rohingya sensibilisieren will. Lopez Romero war im März Gastgeber für Franziskus während dessen Marokko-Besuchs, bei dem der Papst den Dialog mit dem Islam beschwor.

Drei der neuen Kardinäle bereits über 80 Jahre alt

Ebenfalls der Erzbischof von Havanna auf Kuba, der 71 Jahre alte Juan Garcia Rodriguez, wird am 5. Oktober die Kardinalswürde empfangen, wie auch der ein Jahr ältere Alvaro Ramazzini (72), Bischof von Huehuetenango in Guatemala, der als engagierter Verfechter der Menschenrechte gilt und für seinen Kampf gegen Drogenkriminalität, Ausbeutung und Umweltzerstörung durch Bergbau-Großprojekte 2005 den österreichischen Konrad-Lorenz-Preis und 2011 den amerikanischen „Pacem in Terris Peace and Freedom Award“ erhielt. Ein weiterer der Neuernannten, der 59 Jahre alte Vorsitzende der Kongolesischen Bischofskonferenz, Erzbischof Fridolin Ambongo Besungu von Kinshasa, sagte vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag über die Aktivitäten lokaler Warlords aus.

Zu den drei über 80 Jahre alten neuen Kardinälen gehören Michael Louis Fitzgerald, einst Leiter des Päpstlichen Rats für den Interreligiösen Dialog und von Benedikt XVI. 2006 als Nuntius nach Kairo geschickt, sodann Sigitas Tamkevicius, von 1996 bis 2015 Erzbischof im litauischen Kaunas, der Jahre in sowjetischen Gulags verbrachte hatte, sowie Eugenio Dal Corso (80), einst italienischstämmiger Bischof von Benguela in Angola und Mitglied der Ordensgemeinschaft der Armen Diener der Göttlichen Vorsehung.