Würzburg

Mehr Hilfe war nie

Vor 20 Jahren beschlossen die Bischöfe die Neuordnung der katholischen Schwangerenberatung.

Karl Lehmann
Der damalige Mainzer Bischof und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann, im März 2000 vor Pressevertretern. Foto: Wolfgang Radtke

Vor 20 Jahren, genauer am 23. November 1999, beschloss der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz auf seiner Sitzung in Würzburg „im Laufe des Jahres 2000 (...) eine Neuordnung der katholischen Beratung im Sinn der Weisung des Papstes“ durchzuführen. Dieser Beschluss zog zwar noch nicht den endgültigen Schlussstrich unter den jahrelangen Konflikt, der zweifellos zu den unerfreulichsten der jüngeren Kirchengeschichte in Deutschland zählt und viele Kräfte band. Aber er läutete doch gewissermaßen den Anfang von dessen Ende ein.

Der Schein ist eine "Lizenz zum Töten"

Seit dem 1. Januar 2001 werden in den Schwangerenberatungsstellen von Caritas und dem Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) keine Scheine mehr ausgestellt, die nach dem Willen des Gesetzgebers nicht bloß dokumentieren, dass eine Beratung stattgefunden hat, sondern zugleich zu einer straffreien Abtreibung berechtigen. Die Vorlage des Scheins ermöglicht es jeder Schwangeren, einen rechtlich wirksamen Vertrag mit einem Arzt über die vorgeburtliche Tötung ihres noch ungeborenen Kindes abzuschließen. Niemand ist befugt, die Schwangere oder den Arzt daran zu hindern, diesen Vertrag zu vollziehen, noch die Vertragspartner anschließend dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Deshalb ist der Schein, der in den staatlich anerkannten Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen von Pro Familia, der Arbeiterwohlfahrt oder auch des Vereins „Donum Vitae“, weiterhin ausgestellt wird, denn auch tatsächlich eine „Lizenz zum Töten“, wie es Erzbischof Johannes Dyba (1929–2000), der nicht nur Theologe, sondern auch promovierter Jurist war, einst so treffend wie provokant formulierte.

Zahlreiche Bundesländer streichen öffentliche Fördermittel

Papst Johannes Paul II. und die Scheinberatung
Nach Ansicht von Papst Johannes Paul II. verdunkelte die Scheinberatung das Zeugnis der Kirche. Foto: KNA-Bild (KNA)

Durch den Ausstieg aus der „Scheinberatung“, die nach Ansicht von Papst Johannes Paul II. das „Zeugnis der Kirche“ verdunkelt hatte, gingen die Beratungsstellen von Caritas und SkF der staatlichen Anerkennung als „Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen“ verlustig. In der Folge strichen zahlreiche deutsche Bundesländer ihnen zunächst die öffentlichen Fördermittel oder reduzierten diese zumindest erheblich, wobei die Kirche die abhandengekommenen Mittel aus eigenen Töpfen ersetzte. Nachdem das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig im Jahr 2004 entschieden hatte, dass „auch Beratungsstellen, die die allgemeine Beratung nach § 2 des Schwangerschaftskonfliktgesetzes (SchKG) erbringen, ohne sich an der Schwangerschaftskonfliktberatung zu beteiligen und den Beratungsschein auszustellen“, einen „Anspruch auf öffentliche Förderung“ haben, erhalten auch die Beratungsstellen von Caritas und SkF wieder öffentliche Fördergelder. In ihrer höchstrichterlichen Entscheidung (Az.: BVerwG 3 C 48.03) verfügten die Leipziger Richter nicht nur, dass der hier anzusetzende Fördersatz der Gleiche sein müsse „wie bei den Konfliktberatungsstellen“, bei denen der Staat „80 Prozent der notwendigen Personal- und Sachkosten“ übernimmt, sondern hielten auch fest: „Es kann nicht bezweifelt werden, dass gerade auch die Beratung nach § 2 SchKG uneingeschränkt dem Lebensschutz verpflichtet ist und dazu Wesentliches beiträgt.“

2018 mehr als 113.000 Ratsuchende bei Caritas und SKF

Dass die von der katholischen Kirche getragenen Schwangerenberatungsstellen keine Scheine mehr ausstellen, die Schwangere die Durchführung einer straffreien vorgeburtlichen Kindstötung ermöglichen, bedeutet allerdings nicht, dass sie generell von Frauen gemieden würden, die sich mit dem Gedanken an eine Abtreibung tragen. Umgekehrt gilt: Nicht jede Schwangere, die sich an eine staatlich anerkannte Schwangerenkonfliktberatung wendet, will als Erstes oder Einziges den Schein.

Wie die Pressesprecherin des Deutschen Caritasverbandes, Mathilde Langendorf, der „Tagespost“ auf Anfrage sagte, wandten sich im vergangenen Jahr mehr als 113 000 Ratsuchende an die Schwangerenberatungsstellen von Caritas und SKF. Knapp 600 von ihnen hätten dabei eine Beratung in einem „existenziellen Schwangerschaftskonflikt gesucht“, wohlwissend, dass in den katholischen Schwangerenberatungsstellen keine Scheine ausgestellt würden.

Häufig multiple Problemlagen und Belastungen

Unter Beratungen im „existenziellen Schwangerschaftskonflikt“ werden, gesetzlich definiert, „Beratungen bis zur 12. Schwangerschaftswoche verstanden, in denen die Frau die Frage erörtert, ob sie sich in der Lage sieht, die Schwangerschaft fortzusetzen“. Gesetzliche Grundlage hierzu ist der § 219 Strafgesetzbuch und die §§ 5–8 SchKG.

Über drei Viertel der Ratsuchenden kämen in Verbindung mit einer Schwangerschaft in eine der 274 Beratungsstellen von Caritas und SkF – „häufig mit multiplen Problemlagen und Belastungen“, erklärt Langendorf und verweist darauf, dass ein Schwangerschaftskonflikt „nicht unbedingt“ mit der 12. Schwangerschaftswoche enden müsse.

Eine Erfahrung, die auch andere machen. Denn Caritas und SkF sind zwar die größten, aber keinesfalls die einzigen Anbieter, die Frauen eine Beratung und Hilfe offerieren, ohne ihnen hinterher einen Beratungsschein auszustellen, der sie qua Gesetz zu einer straffreien Abtreibung ermächtigt. Der 2009 gegründete Verein 1000plus etwa hat mit seinem auf dem christlichen Menschenbild basierenden Beratungskonzept Pro Femina im vergangenen Jahr eigenen Angaben zufolge 16 204 Frauen beraten. Von diesen hätten sich 13 681 in einem existentiellen Schwangerschaftskonflikt befunden. Bei 2 523 weiteren Beratungsfällen habe es sich um sogenannte „Sozialberatungen“ gehandelt. Diese Frauen hätten sich bereits für ihr Kind entschieden, jedoch Beratung und Hilfe gewünscht.

Mehr als 1.600 Beratungen am Hilfetelefon

Rund 25 Prozent der Frauen, die sich 2018 in einem existenziellen Schwangerschaftskonflikt an 1000plus/Pro Femina wandten, hätten sich zuvor an eine staatlich anerkannte Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle gewandt und über einen Beratungsschein verfügt. Da dies von den Beraterinnen aber nicht abgefragt werde und diese dies nur dann erführen, wenn die Frauen ihnen dies von sich aus mitteilten, müsse hier von einer deutlichen höheren Zahl ausgegangen werden.

Das von dem Verein VitaL betriebene, rund um die Uhr besetzte Hilfetelefon, hat eigenen Angaben zufolge im vergangenen Jahr mehr als 1.600 Frauen beraten. 420 von ihnen hätten sich in einem existenziellen Schwangerschaftskonflikt befunden. 39 weitere hätten sich mit Gedanken an eine Abtreibung nach der 12. Schwangerschaftswoche getragen. In 730 Fällen hätten sich Frauen mit der Bitte um Beratung und Hilfe an die VitaL-Beraterinnen gewandt, ohne eine Abtreibung zu erwägen.

Wie 1000plus/Pro Femina, fragt auch VitaL nicht ab, ob die ratsuchende Frau sich zuvor in einer staatlich anerkannten Schwangerenkonfliktberatung habe beraten lassen und bereits einen Schein besitze. Aber Frauen, die das von sich aus mitteilten, beklagten häufig, dass sie dort keine Informationen zu den Hilfsangeboten erhalten hätten, über die die VitaL-Beraterinnen sie aufklären.

Jahrelanges Tauziehen um den Umstieg in der Schwangerenberatung

Interessant sind auch die Gründe, die Frauen eine Abtreibung erwägen lassen. Während bei Caritas und SkF finanzielle Probleme (über 80 Prozent) den mit Abstand am meisten genannten Grund darstellt, gaben die von 1000plus/Pro Femina und VitaL Beratenen am häufigsten Partnerschaftsprobleme an.

Das jahrelange Tauziehen um den von Papst Johannes Paul II. gewünschten Umstieg in der Schwangerenberatung, die heftige Gegenwehr von Teilen der Kirche und der lange Zeit ungewisse Ausgang des Konflikts kann nicht schöngeredet werden. Das gilt auch für den am 24. September gegründeten Verein „Donum Vitae“, der nach Aussagen seiner Gründer das „katholische Element“ in der Konfliktberatung sicherstellen sollte, und ein bleibendes Ärgernis ist. Denn wie der Osnabrücker Sozialwissenschaftler Manfred Spieker vermerkt, verteidige „,Donum Vitae‘ nicht mehr die katholische Lehre bezüglich des Lebensrechts Ungeborener gegenüber dem Gesetzgeber, sondern die deutsche Gesetzgebung gegenüber Rom“.

Bischöfe haben in allen Diözesen Hilfsfonds eingerichtet

Andererseits haben die Bischöfe in den zurückliegenden Jahren in allen Diözesen Bischöfliche Hilfsfonds zur Unterstützung von schwangeren Frauen und Familien in Notsituationen eingerichtet, haben Caritas und SkF ihre Beratungsangebote ausgeweitet. Hinzugekommen sind von Laien getragene und aus Spenden finanzierte Beratungsangebote, die ebenfalls erfolgreich arbeiten, regelmäßig evaluiert werden und die plurale Beratungslandschaft um zusätzliche Angebote ergänzen. 20 Jahre nach dem Ausstieg der katholischen Kirche aus der Scheinberatung und ihrer Befreiung aus der Geiselhaft eines Staates, der sich beharrlich weigert, das Leben ungeborener Kinder wirksam zu schützen, lässt sich wenigstens feststellen: Mehr Hilfsangebote für unerwartet Schwangere gab es in Deutschland noch nie. Und in vielen Fällen retten sie tatsächlich Leben – obwohl oder eben auch gerade, weil sie keine Scheine ausstellen, die eine straffreie Abtreibung ermöglichen.

Die gesetzliche Grundlage für die Beratung von Frauen vor, während oder nach einer Schwangerschaft bilden der § 219 Strafgesetzbuch (StGB) und das „Gesetz zur Vermeidung und Bewältigung von Schwangerschaftskonflikten (Schwangerschaftskonfliktgesetz – SchKG)

Beratung hat dem Schutz ungeborenen Lebens zu dienen

Nach § 219 StGB Absatz 1 hat die Beratung „dem Schutz des ungeborenen Lebens“ zu dienen und sich „von dem Bemühen leiten zu lassen, die Frau zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen und ihr Perspektiven für ein Leben mit dem Kind zu eröffnen; sie soll helfen, eine verantwortliche und gewissenhafte Entscheidung zu treffen. Dabei muss der Frau bewusst sein, dass das Ungeborene in jedem Stadium der Schwangerschaft auch ihr gegenüber ein eigenes Recht auf Leben hat und dass deshalb nach der Rechtsordnung ein Schwangerschaftsabbruch nur in Ausnahmesituationen in Betracht kommen kann, wenn der Frau durch das Austragen des Kindes eine Belastung erwächst, die so schwer und außergewöhnlich ist, dass sie die zumutbare Opfergrenze übersteigt. Die Beratung soll durch Rat und Hilfe dazu beitragen, die in Zusammenhang mit der Schwangerschaft bestehende Konfliktlage zu bewältigen und einer Notlage abzuhelfen. Das Nähere regelt das Schwangerschaftskonfliktgesetz. (...)“

Das SchKG unterscheidet zwei Formen der Beratung von Schwangeren. Eine allgemeine nach § 2 (ohne Schein) und eine Konfliktberatung nach §§ 5–7, an deren Ende der Schwangeren auch der Beratungsschein auszuhändigen ist, der zur Durchführung einer straflosen Abtreibung ermächtigt. § 3 verpflichtet die Länder, „ein ausreichendes Angebot wohnortnaher Beratungsstellen für die Beratung nach § 2“ sicherzustellen. Laut § 4 haben sie dafür zu sorgen, dass den Beratungsstellen „für je 40 000 Einwohner mindestens eine Beraterin oder ein Berater vollzeitbeschäftigt oder eine entsprechende Zahl von Teilzeitbeschäftigten zur Verfügung steht“. Sie müssen auch die Beratungsstellen „freier Träger“ fördern. Denn: „Die Ratsuchenden sollen zwischen Beratungsstellen unterschiedlicher weltanschaulicher Ausrichtung auswählen können.“ Auch diese Beratungsstellen haben „Anspruch auf eine angemessene öffentliche Förderung der Personal- und Sachkosten“.

§ 5 schreibt vor, die Schwangerschaftskonfliktberatung „ergebnisoffen zu führen“. Sie gehe „von der Verantwortung der Frau aus“, solle „ermutigen und Verständnis wecken, nicht belehren oder bevormunden“ und dem „Schutz des ungeborenen Lebens“ dienen. Allerdings schließe der „Beratungscharakter aus“, „dass die Gesprächs- und Mitwirkungsbereitschaft der schwangeren Frau erzwungen wird“.

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