Vatikanstadt

Leitartikel: Verwandlung, nicht Bestätigung der Welt

Hört dem Papst eigentlich jemand zu, wenn er zur Neuevangelisierung ruft? Oder haben wir es uns in der „Finsternis des Sinnes für Gott“ längst bequem gemacht?

Weihnachtsfeier mit Papst Franziskus
Nicht die Kirche braucht die vom Papst neuerlich angemahnte Neuevangelisierung, sondern die Gesellschaft. Im Bild: Papst Franziskushält bei der Christmette an Heiligabend im Petersdom. Foto: Alessandra Tarantino (AP)

Eine schonungslose Analyse: „Wir haben keine christliche Leitkultur, es gibt keine mehr“, sagte Papst Franziskus in seiner traditionellen Ansprache an die römische Kurie. Wo andere sich wohlig in der Illusion wiegen, das Christentum sei doch der Humus, in dem die säkularistische Kultur mit ihren netten kommerziellen und bürgerlichen Segnungen wurzle, zieht der Papst nüchtern Bilanz: „Das Christentum ist keine dominante Größe mehr.“ Der Glaube stelle „keine selbstverständliche Voraussetzung des allgemeinen Lebens mehr dar“.

Europa verdankt seine Identität der Christianisierung

Treffliche Mahnworte an uns: Europa ist jener Erdteil, der wie kein anderer seine Identität der Christianisierung verdankt. Wo Europa sich von der Verwurzelung im christlichen Glauben losreißt, wird es zum Opfer zeitgeistiger Stürme, die es mal hierhin, mal dorthin wehen. Auf die totalitären Fieberschübe des 20. Jahrhunderts folgt derzeit eine politische und gesellschaftliche Hysterisierung, die fürchten lässt, dass sich unser post-christliches Europa nun auch noch von den späten Früchten seiner christlichen Tradition losreißt: von der Selbstverpflichtung zur Vernunft und einem nüchternen Rationalismus. Unsere Gesellschaft schüttelt sich weder vor Lust noch vor Lachen, sondern vor Angst. Ja, Zukunftsangst scheint – Jahrzehnte nach dem zivilen Abschied von christlicher Moral – geradezu zum moralischen Imperativ zu werden.

Nicht die Kirche braucht darum die vom Papst neuerlich angemahnte Neuevangelisierung, sondern die Gesellschaft. Die Kirche könnte auch in Afrika, Südamerika und Südostasien überwintern – und dabei des Abendlands nostalgisch gedenken, wie sie des einst christlichen Nordafrikas gedachte. Die Gesellschaft, unsere nicht mehr in Herz und Hirn, doch in Mark und Bein christlich geprägte Gesellschaft jedoch schwingt haltlos von einer Ideologie zur anderen, und damit von einer Katastrophe zur nächsten.

Christliche Leitkultur neu aufrichten

Die verloren gegangene christliche Leitkultur gereinigt und adaptiert neuerlich aufzurichten, wäre die genuine Berufung christlicher Laien. Aus christlichem Geist den „Aufbau der zeitlichen Ordnung“, also von Wirtschaft und Wissenschaft, Kunst und Kultur, Familie und Arbeitswelt, Politik und Recht voranzutreiben, ist die Aufgabe der Laien, wie das Zweite Vatikanum lehrt. Und nicht etwa, in den Sakristeien herumzulungern, um dort den Priestern auf die Nerven zu gehen. Neuevangelisierung geschieht nicht, wenn möglichst viele Laien möglichst nahe an den Altar herandrängen, sondern wenn sie „von christlicher Liebe gedrängt“ (wie das Konzil formuliert) die Gesellschaft formen. Ja, formen: Nicht die Bestätigung, sondern die Verwandlung der Welt ist das Ziel der Evangelisierung.

Das aber können Laien nur leisten, wenn ihnen Bischöfe und Klerus geistlich den Rücken freihalten: Inkulturation als reibungsfreies Abtauchen in vorgefundener Kultur zu deuten, ist am Amazonas ebenso falsch wie an Tiber, Isar oder Donau. Inkulturation ist ein Ernstnehmen der Kulturen, um alles Wahre, Gute und Schöne, das sich hierin zeigt, freizulegen und zu veredeln – und alles Irrige, Menschen- und Gottwidrige abzuwaschen und wegzuspülen. Die Kulturen zu bekehren und zu taufen ist die Berufung des Missionars: im prä-christlichen China wie im post-christlichen Europa. Erst- wie Neuevangelisierung werden jedoch verhindert, wenn sich Christen – aus Feigheit, Bequemlichkeit oder Opportunismus – wie ein Chamäleon der Oberflächenfarbe ihrer Umgebung anpassen.

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