Vatikanstadt

Leitartikel: Papa Emeritus auf der Goldwaage

Das PR-Desaster um die Beteiligung Benedikts an Sarahs Buch überlagert den Inhalt völlig. Eines ist sein Text nicht: die Wortmeldung eines Gegenpapstes.

Debatte um Benedikt-Beitrag in Zölibats-Buch
Aufkommendes Gerede von Papst und Gegenpapst ist pures Gift für das Petrusamt und die ganze Kirche. Foto: fotolia.de

Ein Altpapst, der seinen Nachfolger auf Kurs zwingen will; ein reaktionärer Kurienkardinal, der einen greisen Mann instrumentalisiert; erzkonservative Kreise, die einen Gegenpapst aufbauen wollen: Nimmt man den internationalen Medientenor der vergangenen Tage beim Wort, muss man glauben, spätmittelalterliche, seit dem Konzil von Konstanz überwunden geglaubte Verhältnisse kehrten in der katholischen Kirche wieder, Palastintrigen inklusive. Nur dass statt Dolchen heute Bücher und Stellungnahmen gezückt werden.

Ernster, trockener theologischer Traktat

Allein, nichts davon ist der Fall. Wer jedenfalls den Text liest, den der Papa Emeritus für ein Buch Kardinal Sarahs beigesteuert hat, wird sich verwundert die Augen reiben. Er liest dann nämlich einen ernsten, ja trockenen theologischen Traktat, der sich an wenigen Stellen mit dem Verhältnis von Weihepriestertum und Zölibat befasst – vor allem in historischer Perspektive. Geifernde Angriffe auf den regierenden Papst finden sich darin jedenfalls genauso wenig wie Stellungnahmen zu aktuellen innerkirchlichen Debatten. Gepfefferter oder  – wohlwollender gesagt – prophetischer sind Vor- und Nachwort Kardinal Sarahs. Der Papa Emeritus hat seine Unterschrift unter diese Texte zurückgezogen – oder nie gegeben. Jedenfalls macht er sie sich nicht zu eigen.

Und allein hier ist der Ansatzpunkt für Kritik. Das desaströse Verwirrspiel um die Art von Benedikts Beteiligung an Kardinal Sarahs Buch überlagert Inhalt und Intention völlig. Wort steht hier gegen Wort.

Der Schlüssel zur Auflösung dieses peinlichen Widerspruchs ist dabei nicht in mangelnder Integrität irgendeines der Beteiligten zu suchen, sondern dürfte in Missverständnissen liegen, wo es keine hätte geben dürfen. Das Wort eines emeritierten Papstes wird eben anders als das eines emeritierten Professors immer politisch gelesen und muss den Test auf der Goldwaage bestehen. Benedikts Kritiker im deutschsprachigen Raum überbieten sich derweil an interessengeleiteter Treue zum regierenden Papst. Ausgerechnet jene, die meinen, Johannes Pauls Entscheidung zum Frauenpriestertum sei ein bloßer Diskussionsbeitrag gewesen, fordern jetzt vorauseilenden Gehorsam in Sachen „viri probati“. Sie wollen um jeden Preis erreichen, dass Benedikt ins Schweigen gezwungen und sein Lehramt gleich mit entsorgt wird.

Kirche erneuert sich nicht durch disziplinäre Rabatte

Mit dem angeblichen Erweis der Illoyalität Benedikts und Kardinal Sarahs gegenüber Papst Franziskus sollen zudem die Teile der Weltkirche erledigt werden, die nicht glauben, dass Debatten über den Zölibat die Antwort auf die Fragen der Zeit sind – weder am Amazonas noch in Deutschland. Schließlich erneuert sich die Kirche nicht durch disziplinäre Rabatte, sondern durch ein Mehr an liebender Hingabe.

Es sind ernste Momente im Leben der katholischen Kirche. Aufkommendes Gerede von Papst und Gegenpapst ist pures Gift für das Petrusamt und die ganze Kirche. Ja, es gibt nur einen Papst. Der heißt seit März 2013 Franziskus. Daran zu zweifeln ist der Papa Emeritus Benedikt sicher der letzte. Aus der Tiefe seines Herzens.

Jeder, der es gut mit der katholischen Kirche und ihrem höchsten Amt meint, wird ihm darin folgen – und für den derzeitigen Nachfolger des heiligen Petrus beten, dass er in der für das Leben der katholischen Weltkirche zentralen Zölibatsfrage eine weise Entscheidung trifft.

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