Würzburg

Leitartikel: In der Welt, nicht von der Welt

Wie versteht die Kirche sich selber, und wie hält sie es mit ihrer Umwelt? Wie sehr darf sie in dieser Welt aufgehen, sei es am Amazonas, sei es in Deutschland?

Bischofssynode im Vatikan über Amazonas-Region
Das nichtbindende Abschlussdokument der Synodenväter enthält Sprengkraft. Es ist jetzt am Papst, die Lunte auszutreten, ehe die weltkirchliche Einheit ernsthaft beschädigt wird. Im Bild: Ein Mädchen aus dem Amazonas-Gebiet überreicht Papst Franziskus während der Abschluss-Messe d... Foto: Alessandra Tarantino (AP)

Die Amazonassynode ist zuende – und hinterlässt eine ratlose Kirche. Zölibat, Frauenweihe, Leitung durch Laien: Das nichtbindende Abschlussdokument der Synodenväter enthält – mag es im Wording auch zurückhaltend daherkommen – Sprengkraft in all diesen Fragen. Es ist jetzt am Papst, die Lunte auszutreten, ehe die weltkirchliche Einheit ernsthaft beschädigt wird.

Nur Symptome einer tieferen Krise

So berechtigt die Besorgnis angesichts dieser Einzelfragen auch ist: Sie sind nur Symptome einer tieferen Krise. Eine grundsätzlichere Frage tritt hervor: Wie versteht die Kirche sich selber, und wie hält sie es mit ihrer Umwelt – und damit ist nicht die Biosphäre gemeint. Wie sehr darf sie in dieser Welt aufgehen, sei es am Amazonas, sei es in Deutschland? Mit den Pachamama-Figuren wurde deutlich, dass es kirchlicherseits offenbar ein Problem von Welt-Verhältnis und richtiger Inkulturation gibt. Der unbedingte Wille zu kultureller und ökologischer Sensibilität dem Amazonas gegenüber irritierte den dogmatischen Kompass. Auf deutsche Verhältnisse übertragen heißt das: Inwieweit muss die Kirche sich etwa in Fragen der Frauenweihe ihrer auf Geschlechtergerechtigkeit bedachten Umwelt anpassen?

Die Kirche ist in der Welt, aber nicht von der Welt: Diese Formel muss die Kirche zu jeder Zeit neu ausbalancieren. Entscheidend für eine glückende Inkulturation des Glaubens ist zunächst: Die Kirche und jedes ihrer Glieder muss glauben, dass sie Mutter und Lehrmeisterin der Völker ist, um eine Enzyklika des heiligen Johannes XXIII. zu zitieren. Sie ist nicht von der Welt heißt eben, dass sie ihren Ursprung in Gott hat. Sie ist Empfängerin und Trägerin Seiner Selbstoffenbarung – und hat damit auch die Wahrheit über den gefallenen und erneuerten Menschen geschenkt bekommen. Wenn der Kirche dieses Selbstbewusstsein, das nicht im Triumphalismus ihrer sündigen und begrenzten Glieder resultieren darf, fehlt, wird ihr Weltverhältnis schief. Auf dem Weg zur NGO mit schlechtem Gewissen ist es dann nicht mehr weit.

Kirche lernt und profitiert auch von der Welt

Das In der Welt-Sein der Kirche wiederum kann nur ein kritisches sein. Damit ist eben nicht gesagt, dass die Kirche besserwisserisch alles verdammt, was um sie herum geschieht. Die Kirche erkennt das Wirken und die Spuren Gottes auch im Vor- oder Nicht-Christlichen. Gerade der Katholizismus mit seiner Synthese von Natur und Gnade, Vernunft und Glaube, hat damit gar kein Problem. In diesem Sinne lernt und profitiert die Kirche auch von der Welt. Die dogmatische Lehrentwicklung wäre ohne die der griechischen Philosophie entliehenen Begrifflichkeiten anders verlaufen.

Entscheidend ist aber der Primat des definierten Glaubens als kritisches Maß der Inkulturation. Benedikt XVI. sagte 2009 mit Blick auf die Slawenapostel Kyrill und Method: „Jedes Volk muss die offenbarte Botschaft in die eigenen Kultur einsenken und dessen Heil bringende Wahrheit in der Sprache zum Ausdruck bringen, die die seine ist. Dies setzt eine sehr anspruchsvolle ,Übersetzung‘ voraus, da sie es erfordert, die angemessenen Begriffe auszumachen, um den Reichtum des offenbarten Wortes neu vorzuleben, ohne es zu verraten.“

Sowohl die Amazonassynode wie der „Synodale Weg“ lassen aber Zweifel aufkommen, ob alle zu dieser Übersetzung in der Lage und vorher überhaupt willens sind. Anpassung an die Welt ist zweifellos immer der einfachere Weg.