Würzburg

Leitartikel: Gott ist der große Abwesende

Der Synodale Weg wird zu keinem kirchlichen Aufbruch in Deutschland führen. Denn seine Diagnose ist falsch. Die Therapie kann deswegen nicht richtig sein.

Synodaler Weg stellt falsche Diagnose
Der biblische Gott aber, der alle Kategorien des Menschenverstandes sprengt, der das Leben des Einzelnen wie der Gemeinschaft revolutionieren will, er ist gebannt in Papieren von Pastoralkommissionen und aseptischen Wörtern zum Sonntag. Foto: Harald Oppitz (KNA)

Der Synodale Weg beginnt zu diskutieren. Damit wird die Kirche in Deutschland in den nächsten beiden Jahren ununterbrochen das tun können, was sie am liebsten macht und unbestritten am besten kann: sich mit sich selbst beschäftigen. Herrliche Zeiten für Pastoralfunktionäre brechen an. Strukturfragen, welche Lehren aus dem Missbrauch zu ziehen sind oder nicht, Geschlechtergerechtigkeit, zeitgemäße Sexualmoral: All dies wird endlos hin und her gewendet werden. Es wird große Zustimmung zur Reformagenda geben und scharfen Widerspruch. Am Ende wird alles von jedem gesagt sein – und nichts gelöst. Um nicht missverstanden zu werden: Besinnung tut immer gut. Und in einem sich rapide entchristlichenden Land haben Bischöfe und Laien eigentlich genug zu besprechen.

Selbstsäkularisierung der Kirche behindert den Aufbruch

Doch die kollektive Nachdenklichkeit des Synodalen Wegs wird zur Gesundung der Kirche in Deutschland nicht viel beitragen. Vielmehr wird das Problem verschärft werden, weil die Diagnose falsch ist und folglich auch die Therapie. Das Mantra: In der Missbrauchskrise hat die Kirche systemisch versagt. Erst durch eine radikale Änderung in Struktur und Lehre werden wir wieder glaubwürdig, geht doch an der Wirklichkeit vorbei. Schon lange vor der Missbrauchskrise liefen der Kirche die Leute weg. Bei den Protestanten ist es nicht anders. Nicht der Missbrauch und der Umgang mit ihm ist es, der den Aufbruch behindert, sondern die Selbstsäkularisierung der Kirche inmitten einer hypersäkularen Gesellschaft. Feuer wird hier mit Benzin gelöscht. Das kann nicht gutgehen. Oder glaubt ernsthaft jemand, die Glaubwürdigkeit der Predigt von Tod und Auferstehung Jesu Christi hinge an der geschlechtergerechten Lösung der Frage der Frauenordination?

Wie wäre es, wenn die mit tausend Staatsverträgen, Konkordaten, Kirchensteuereinnahmen abgesicherte Kirche beginnen würde, anstelle von weltkirchlich unstrittigen Strukturfragen von Gott zu sprechen? Für viele Zeitgenossen ist die Rede von Gott – und wäre er der beste und harmloseste Freund des Menschen – nah an der Pathologie gebaut. Einen imaginären Freund brauchen sie nicht. Die Kirche steht diesem Empfängerproblem hilflos gegenüber, verweist händeringend auf ihren Nutzen für die Gesellschaft: Kitas, Caritas, Flüchtlingshilfe. Das Betteln um gesellschaftliche Anerkennung wird die Kirche aber nicht retten.

Endlich an Gott denken und begeistert von Ihm sprechen

Rettung nahte, wenn die Kirche aufhören würde, sich selbst zu bespiegeln und anfinge, endlich an Gott zu denken und begeistert von Ihm zu sprechen. Wer dieser Tage die Reden auf manchen bischöflichen Neujahrsempfängen hörte, muss sich aber wundern: Gott ist der große Abwesende. Stattdessen pastorales Diesunddas, Eintreten für Demokratie, Klima und gesellschaftlichen Zusammenhalt gegen Populismus. Die Kirche will nützlich sein. Die Politik dankt es mit Schulterklopfen und freundlichen Blicken. Der biblische Gott aber, der alle Kategorien des Menschenverstandes sprengt, der das Leben des Einzelnen wie der Gemeinschaft revolutionieren will, er ist gebannt in Papieren von Pastoralkommissionen und aseptischen Wörtern zum Sonntag. Die Kirche der Zukunft muss Brücke zur Transzendenz sein, Ort der Gotteserfahrung. Schluss deshalb mit überpädagogisierten Gottesdiensten, müder Katechese und Predigt. Der institutionelle Scheinriese Kirche ist in der Diesseitigkeit gefangen. Zeit, ihn daraus zu befreien.

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