Würzburg

Leitartikel: Es geht nicht um die „Botschaft Jesu“

Der Kirche ist wegen Corona der Stecker gezogen. Jetzt zeigt sich, ob sie einen geistlichen Glutkern hat, der die Gläubigen auch über Distanz hin zu wärmen vermag.

Coronavirus: Kirche im Stillstand
Ein sich ansonsten laut und ruhelos in tausend Richtungen reckender kirchlicher Apparat kommt wegen Corona und der staatlichen Verordnungen hierzu zum Stillstand. Foto: - (YNA)

Der Kirche ist der Stecker gezogen. Ein sich ansonsten laut und ruhelos in tausend Richtungen reckender kirchlicher Apparat kommt wegen Corona und der staatlichen Verordnungen hierzu zum Stillstand. Das Programm von katholischen Akademien und Dekanatsbildungswerken verstummt. Bischöfliche Pressestellen stellen ihre Produktion ein. Mit dem kirchlichen Veranstaltungsrummel von Vorträgen, – Sinnvolles und weniger Sinnvolles darunter – ist es aus.

Was jetzt übrig bleibt, ist die Substanz

Was jetzt übrig bleibt, ist die Substanz. Von ihr müssen wir jetzt geistlich gesehen alle leben. Jetzt zeigt sich, ob die Kirche in ruheloser und besinnungsloser Geschäftigkeit unterwegs war, oder ob sie wirklich einen geistlichen Glutkern hat, der die Gläubigen in der Krise auch über die nun leider notwendige Distanz hin zu wärmen vermag. Bischöfen und Priestern, die von der Herde als echte Hirten angesehen werden sollen, muss jetzt mehr einfallen, als angesichts des präzedenzlosen Gottesdienstverbots um Verständnis für die staatlichen Hygienevorschriften zu werben, zu zwischenmenschlicher Solidarität aufzurufen und den Gläubigen ansonsten alles Gute zu wünschen. Es genügt auch nicht, die diözesanen Liturgiekommissionen in Gang zu setzen, um die hauskirchlich versammelten Gläubigen mit Vorlagen zu versorgen. Es braucht einen echten Gebetssturm, ein Zeugnis vor der Welt vom Vertrauen in den guten und allmächtigen Gott.

Der Papst macht es vor. Er wendet seinen Blick in kindlicher Frömmigkeit nach oben. Ein Pestkreuz aus dem 16. Jahrhundert und das Bildnis der Madonna waren kürzlich sein Pilgerziel im menschenleeren Rom. Hieran zeigt sich: Der Heilige Vater durchbricht die gläserne Decke der leider auch in kirchlichen Kreisen verbreiteten Jenseitsvergessenheit. Es geht eben nicht darum, was uns die „Botschaft Jesu“ heute lehren kann, welches ethische Beispiel uns für die Krise aus ihr erwächst. Zentral ist vielmehr das Vertrauen, dass Gott kann handeln, dass er Herr der Geschichte ist und unser an Ihn gerichtetes Gebet um Eingreifen nicht einfach nur ein anderes Wort für Autosuggestion und Beruhigung.

Was ein religiöses Verhältnis zur Wirklichkeit ausmacht

Um nicht missverstanden zu werden: Damit soll kein dümmlicher Gegensatz zwischen Religion und moderner Wissenschaft aufgebaut werden. Katholiken müssen wünschen, dass die staatlichen Maßnahmen, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, Erfolg haben, dass Erkrankten geholfen wird. Sie müssen hoffen, dass bald ein geeigneter Impstoff gefunden ist. Aber sie wissen doch, dass all dies nicht nur von Gesundheitsämtern und Laboren abhängt, sondern von Gott erbeten werden darf.

Natürlich, niemand darf krisenhafte Zustände wünschen oder aus ihnen billig Kapital schlagen wollen – und wäre es zu religiösen Zwecken. Aber für ein religiöses Verhältnis zur Wirklichkeit ist geschöpfliche Demut und die Einsicht in die eigene Endlichkeit und Begrenztheit doch die Voraussetzung. Allgemeiner Machbarkeitsglaube verträgt sich nicht mit dem Anspruch nicht nur des Christentums, dass der Mensch ein Wesen ist, dass sich jemand Größerem verdankt. Es wird sich zeigen, ob die gegenwärtige Krise jene fugenlose Diesseitsgläubigkeit des heutigen Menschen zu erschüttern vermag. Entscheidend dabei, dass auch einer Wohlstandskirche dieses Licht aufgeht.

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