Würzburg

Leitartikel: Eine Oase inmitten der Wüste

Nur scheinbar paradox: In Wahrheit lechzt die Welt nach der Verkündigung des "Evangeliums des Lebens".

Huacachina-Oase in der peruanischen Ica-Wüste
Wo alles einen Preis bekommt und nichts mehr einen Wert darstellt, da entfaltet die zeitlos revolutionäre Zusage der unverbrüchlichen Liebe Gottes geradezu mühelos die Anziehungskraft einer Oase in der Wüstenlandschaft. Im Bild: die Huacachina-Oase in der peruanischen Ica-Wüste. Foto: fotolia.de

Vermutlich hat keine andere Kontroverse der katholischen Kirche in Deutschland ihren Akteuren so tiefe Wunden zugefügt, wie das mehr als vier Jahre dauernde Tauziehen um den von Johannes Paul II. gewünschten Umstieg in der Schwangerenberatung. Einige der damaligen Protagonisten erfreuen sich – so dürfen Christen hoffen – längst gemeinsam mit dem heiligen Papst der Anschauung Gottes. Andere stellen ihre Narben auch zwei Jahrzehnte später noch zur Schau. Das ist natürlich nicht verboten. Eine Pflicht dazu existiert allerdings auch nicht.

"Es gibt Dringlicheres, als sich mit einem
Verein zu beschäftigen, der die Peinlichkeit
besitzt, die öffentliche Wertschätzung jener
anzumahnen, denen er den Gehorsam verweigert"

Natürlich verdunkelt es auch zwanzig Jahre nach dem Umstieg der katholischen Kirche in der Schwangerenberatung das Zeugnis der Kirche, dass ein von katholischen Laien gegründeter Verein weiterhin meint, jene Beratungsscheine ausstellen zu sollen, die der Staat zum Schlüssel gemacht hat, der das Tor für eine straffreie vorgeburtliche Kindstötung aufschließt. Natürlich ist der offene Ungehorsam, den manche nach wie vor mit reichlich Pathos zu inszenieren verstehen, ein bleibendes Ärgernis, das viele Katholiken zu Recht erzürnt.

Dass all dies in der Absicht geschieht, Frauen und Paaren in Schwangerschaftskonflikten beizustehen und ihnen zu helfen, auch ein unerwartetes Kind anzunehmen, rechtfertigt ein solches Vorgehen nicht, gehört aber zu einer fairen Beurteilung hinzu. Vor allem aber gilt: Es gibt Dringlicheres, als sich mit einem Verein zu beschäftigen, der die Peinlichkeit besitzt, die öffentliche Wertschätzung jener anzumahnen, denen er den Gehorsam verweigert. Wer sich in der Luther-Pose – „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ – gefällt, der sollte wenigstens den Anstand besitzen, auf den Applaus derer verzichten zu wollen, die er damit brüskiert.

Echte Annahme ist zu einem knappen Gut geworden

Wichtiger wäre es, zu erkennen, dass die Welt in Wahrheit nach der Verkündigung des „Evangeliums des Lebens“ lechzt. Natürlich war und ist die frohe Botschaft, dass jeder Mensch ein von Gott um seiner selbst willen geliebtes Geschöpf – mehr noch – ein einzigartiges und unersetzbares Abbild eines Gottes ist, der selbst Person ist, zu allen Zeiten aktuell. Aber vermutlich war die Sehnsucht danach selten einmal augenfälliger als derzeit. Denn in Zeiten, in denen junge Menschen sich selbst wie bloße Produkte gnadenlos vermarkten, in sozialen Netzwerken wie Facebook um Aufmerksamkeit buhlen oder auf Twitter, Instagram und Youtube um Anerkennung und „likes“ betteln, ist echte Annahme zu einem knappen Gut geworden. In Zeiten, in denen das freiwillige Streben nach dem Guten dem Zwang zu einer seelenlosen Perfektion weicht, in der Tugenden durch soft skills ersetzt werden und es den Anschein hat, als müssten Menschen sich gegenseitiges Wohlwollen, Zuneigung, Freundschaft und Liebe pausenlos erarbeiten, sind viele Herzen ausgetrocknet. Wo alles einen Preis bekommt und nichts mehr einen Wert darstellt, wo jeder den anderen unaufhörlich nutzen muss, um von ihnen nicht ins Abseits gestellt zu werden, da entfaltet die zeitlos revolutionäre Zusage der unverbrüchlichen Liebe Gottes geradezu mühelos die Anziehungskraft einer Oase in einer Wüstenlandschaft.

Atomisierung der Gesellschaft schreitet scheinbar unaufhaltsam fort

Es stimmt schon: Die Atomisierung der Gesellschaft schreitet scheinbar unaufhaltsam fort. In ihr wird Solidarität zur Mangelware. Aber gerade hier sind Christen gefordert. Thomas Hobbes' „bellum omnium contra omnes“, der „Krieg aller gegen alle“, den manche gar herbeizusehnen scheinen, ist kein Naturgesetz, dem Christen sich beugen müssten. Eine Revitalisierung der geistig-moralischen Kräfte, die es Menschen ermöglichen, in ihren Mitmenschen anstatt Widersacher und Konkurrenten ihre von Gott genauso geliebten Geschwister zu erblicken, ist möglich. Die Beherrschung und Kultivierung der angeborenen Triebe, einschließlich des Geschlechtstriebs, ist erlern- und lebbar. Dem Egoismus und der „Kultur des Todes“ können Christen die Selbsthingabe und eine „Kultur des Lebens“ entgegensetzen.

Die Wiederentdeckung und Verbreitung des von Papst Johannes Paul II. vertretenen Personalismus sowie seiner „Theologie des Leibes“, ist dabei gewiss nur ein Weg, neben vielen anderen. Aber immerhin ein vor den Augen der Welt erprobter, der dem heiligmäßigen Vorleben wahrer Gottes- und Menschenliebe zumindest nicht abträglich war.

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