Los Angeles

Leitartikel: Ein Mann fürs Grobe

Die amerikanische Bischofskonferenz geht vor den Präsidentschaftswahlen auf Nummer sicher: Erstmals wird ein Latino Vorsitzender.

Neuer Vorsitzender der US-Bischofskonferenz
Jose Horacio Gomez Velasco, Erzbischof von Los Angeles, und neuer Vorsitzender der US-Bischofskonferenz. Foto: Paul Haring (KNA)

Der neue Vorsitzende der US-Bischöfe verkörpert ein typisches Migrantenschicksal: Auf ihn warten Arbeiten, an denen sich andere nicht die Finger schmutzig machen wollen. Erzbischof José H. Gómez von Los Angeles beginnt seine Amtszeit zwar mit einer satten Mehrheit bischöflicher Stimmen, doch zugleich mit schweren Altlasten seiner Vorgänger und einer öffentlichen Rüge. Wie ein saurer Regen ereilte die Vollversammlung die Mahnung des Nuntius, das Lehramt von Papst Franziskus solle besser vermittelt werden. Mehr Anstrengungen forderte der Vertreter des Heiligen Stuhls insbesondere gegen Rassismus und für Migranten. Letzteres entbehrt nicht einer unfreiwilligen Ironie, steht doch mit Erzbischof Gómez erstmals ein Latino an der Spitze des größten amerikanischen Bistums, dem just der argentinische Papst die dem Erzbischof von Los Angeles qua Amt traditionellerweise zustehende Kardinalswürde bisher vorenthalten hat – zum Erstaunen vieler Lateinamerikaner.

Offen bleibt, ob der Vatikan Defizite im Engagement der Bischöfe sieht

In einer für das gegenwärtige Pontifikat bezeichnenden Unschärfe blieb offen, ob der Heilige Stuhl Defizite im Engagement der Bischöfe auf dem politischen Feld, in der Migrantenseelsorge oder auf beiden Gebieten sieht. Erwartet der Vatikan mehr Wortmeldungen zum gegenwärtigen Beratungsthema Nummer eins des Obersten Gerichtshofs – dem von Präsident Trump verworfenen Dreamer-Programm, das Kinder illegaler Einwanderer vor der Abschiebung schützt? Sorgt sich der Heilige Vater angesichts des Exodus der Latinos aus der katholischen Kirche um deren Neuevangelisierung?

In die Freude über die historische Wahl des Sohnes mexikanischer Einwanderer an die Spitze der Bischöfe mischt sich Ernüchterung angesichts der Statistiken: Im Oktober bekannten sich erstmals weniger als die Hälfte der in den Vereinigten Staaten lebenden Latinos zum katholischen Glauben, während die Zahl der Religionsfernen unter ihnen deutlich von 15 auf 23 Prozent anstieg. Als die größte Hypothek der Kirche für die Neuevangelisierung in Nordamerika erweist sich nach wie vor die Missbrauchskrise, von der sich viele Diözesen noch nicht erholt haben. Die Kirche hat sich dabei als Experimentierfeld für nicht immer geglückte Wege erwiesen. So war die Laisierung des tief in den Missbrauchsskandal verstrickten ehemaligen Erzbischofs von Washington zwar eine Genugtuung für viele, entpuppte sich aber als Theaterdonner. Der nach wie vor umtriebige Herr Carrick kann sich im Laienstand nach Auffassung mancher Beobachter freier entfalten als im Klerikerstand unter episkopaler Aufsicht.

Prüfsteine für die Präsidentschaftswahlen 2020 formulieren

Vor den amerikanischen Bischöfen liegt nun die heikle Aufgabe, für die Präsidentschaftswahlen 2020 Prüfsteine für die Gläubigen zu formulieren, ohne die polarisierte katholische Community weiter zu spalten. Eine undankbarere Aufgabe ist kaum denkbar. Die Irritationen zwischen Gottes eigenem Land und dem Vatikan dürften zunehmen, solange der Vatikan versucht, Keulenschläge wie die Enthüllungen des vormaligen Nuntius Viganó auszusitzen. In keiner Ortskirche hat das gegenwärtige Pontifikat stärkere Abwehrreaktionen hervorgerufen als in den Vereinigten Staaten. Dass der scheidende Vorsitzende der Bischofskonferenz in seiner Abschiedsrede den Mitbrüdern den fortgesetzten Kampf zur Verteidigung der ungeborenen Kinder auftrug, mochte manchen verunsicherten Katholiken bestärken. Zudem haben die Bischöfe mit der Wahl des neuen Vorsitzenden und seines Stellvertreters die Weichen im Sinne der lehramtlichen Kontinuität gestellt. Während sich der vom Opus Dei geprägte Erzbischof Gómez trotz klarer katholischer Position in Lebensschutzfragen mit seinem Engagement für Migranten politisch unangreifbar gemacht hat, vermittelt sein ebenfalls dem wertkonservativen Flügel angehörender Vize Erzbischof Allen H. Vigneron von Detroit Katholiken durch pointierte Wortmeldungen Heimat in der Kirche. Ob der bereits 71-Jährige Vigneron Gómez in drei Jahren ablöst, ist jedoch ungewiss.

Der Eindruck, das Lehramt von Papst Franziskus folge inzwischen einer anderen Agenda als frühere Pontifikate, steht allerdings nach der Rede des Nuntius im Raum.

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