Würzburg

Leitartikel: Der Vernunft eine Gasse

Ausstieg aus dem Shutdown braucht Pioniere. Warum die Kirche mit öffentlichen Eucharistiefeiern nicht zu zögern braucht.

Kirchen setzen zu Ostern auf Alternativangebote
Offene Kirchentüren wären gerade jetzt eine Einladung an alle, die Ostern im Normalfall ohne Gott geplant hätten. Im Bild: Eine Frau von der Kirchengemeinde der St. Antoniuskirche in Hörstel hängt ein ausgedrucktes Selfie in eine leere Kirchenbank. Foto: Guido Kirchner (dpa)

Der Vorschlag des Bonner Staatsrechtlers Christian Hillgruber, eine begrenzte Zahl von Gläubigen je nach Größe der Kirchengebäude zu öffentlichen Gottesdiensten zuzulassen, berührt zwei vernünftige Überlegungen zum Umgang mit dem Totalverbot von Gottesdiensten: Zum einen die Frage, ob die so genannten Schutzmaßnahmen gegen die Pandemie verfassungskonform sind, zum anderen die realistische Einschätzung der Kirchenkreisen zu Gebote stehenden organisatorischen Möglichkeiten. Dass in Politik und Wirtschaft die ersten Wortmeldungen für einen Ausstieg aus dem Shutdown laut werden, darf auch vorsichtige Kirchenvertreter zum Nachdenken ermutigen.

Für Totalverbote fehlt die wissenschaftlich seriöse Begründung

Nichts hat der Institution Kirche in den letzten Wochen schwerer geschadet als der Eindruck, manche Diözesen schlössen Gotteshäuser in vorauseilendem Gehorsam. Hinzu kommt, dass für das Totalverbot öffentlicher Gottesdienste nach wie vor die wissenschaftlich seriöse Begründung fehlt. Ein derart radikaler Einschnitt bleibt unverständlich, solange die Aussagen der Virologen einander widersprechen. Die katholische Kirche muss selbstverständlich Maßnahmen zum Schutz vor einer Infektion treffen, aber das schließt nicht aus, eine angemessene Besucherführung in Gotteshäusern zu organisieren und Eucharistie, im Zweifelsfall auch als Freiluftmesse, unter Sicherheitsauflagen zu feiern.

Vielmehr hat die Corona-Krise binnenkirchliche Mangelerscheinungen zum Vorschein gebracht, die sich in der Verkündigung schon vor Ausbruch der Pandemie bemerkbar machten. Die Beichtpraxis ist nicht nur eine Schwachstelle unter den einfachen Gläubigen, sondern auch unter Priestern und Hauptamtlichen.

Zeit dramatischer Verwirrung

Wieviele Bischöfe können derzeit auf einen Klerus zählen, dem die tägliche Zelebration der heiligen Messe wirklich Quelle und Höhepunkt seines Lebens bedeutet? Wieviel Arbeitszeit müssen Geistliche in die praktische Umsetzung der Schutzmaßnahmen und in die Sozialarbeit investieren? Was können sie guten Gewissens an engagierte haupt- und ehrenamtlicher Laien delegieren? Die Coronakrise könnte als Zeit dramatischer Verwirrung in die Kirchengeschichte eingehen. Während Ärzte und Krankenschwestern der Öffentlichkeit mit heroischer Opferbereitschaft ihre Berufung vorlebten, begnügte sich die Kirche mit einem sakramentalem Notfalldienst, verteilte mancher Geistliche Schokoosterhasen und fantasierten Laien über klerusfreie Liturgien. Ringt sich die katholische Community zu einer klaren Unterscheidung zwischen Seelsorge und Apostolat durch, kann der Ausstieg aus dem Shutdown zum Segen werden.

Denn die Osterzeit 2020 bietet eine missionarische Chance, von der noch vor acht Wochen niemand zu träumen wagte. Wer nicht verreisen und keinen Besuch empfangen darf, sehnt sich nach Wochen des Eingesperrtseins nun nach Ausflügen für die Seele. Offene Kirchentüren wären gerade jetzt eine Einladung an alle, die Ostern im Normalfall ohne Gott geplant hätten. Und die neu gewonnene Lust an Livestreamliturgien soll da, wo sie sich in den vergangenen Wochen bewährt hat, niemandem genommen werden. Professionelle kirchliche Medienarbeit stand noch nie im Widerspruch zur ordentlichen Seelsorge, sondern dient der Verkündigung. Das eine tun oder das andere zu lassen – wäre ein Ansatz für den langen Weg zurück zur Normalität.

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