Victoria

„Lawyer X“-Affäre: Entlastung für Kardinal Pell

Enthüllung von Polizei-Emails: Die Ermittlungen gegen den australischen Kardinal sollten offenbar von einem Skandal in den eigenen Reihen ablenken.

George Pell
2018 war Kardinal Pell wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt worden, im September 2019 hat er von seiner letzten Möglichkeit auf einen Freispruch Gebrauch gemacht und beim obersten australischen Gericht in Canberra einen Antrag auf Zulassung eines abermaligen Berufungsverfahrens... Foto: Erik Anderson (AAP)

Der ehemalige australische "Top-Cop" Simon Overland hat zugegeben, dass seine Beamten "wahrscheinlich" Rechtsbeugung begangen und auf jeden Fall "fucking unethical" gehandelt haben. Führende Beamte der Polizei von Victoria haben sich offenbar darüber ausgetauscht, wie Ermittlungen gegen Kardinal George Pell von einem eigenen Skandal historischen Ausmaßes ablenken konnten, der nun an als "Lawyer X"-Affäre die Öffentlichkeit und Justiz erschüttert.

Das belegen Emails aus dem Jahr 2014. Darin tauschen sich Victorias damaliger stellvertretender Polizeichef Graham Ashton und sein Pressesprecher Charlie Morton darüber aus, wie die Presse sich auf den Kardinal stürzen würde – statt auf einen Skandal aus den eigenen Reihen der Polizei. An die Öffentlichkeit gelangt ist diese Email jetzt dank Aussagen der Verantwortlichen vor einer "Royal Commission", einer eigens eingesetzten Untersuchungskommission mit richterlichen Befugnissen zum Fall "Lawyer X".

Ermittlungen begannen ohne konkreten Tatverdacht

Im Kern der Affäre geht es um die Juristin Nicola Gobbo, die als Rechtsanwältin führende Mafia-Bosse vor Gericht vertrat – und gleichzeitig jahrelang offenbar gegen Millionen Dollar der Polizei Victorias als Informantin und "Top-Spitzel" diente, im Kampf gegen zwei Gruppen der 'Ndrangheta und andere Banden organisierter Kriminalität. Nachdem ein Radio-Sender die Enthüllung eines der "größten Skandale überhaupt in der Geschichte Victorias", der dazu führen könnte, "dass Killer wieder auf freien Fuß kommen", angekündigt hatte und Nicola Gobbo öffentlich und namentlich identifizieren wollte, dies jedoch in letzter Minute verhindert wurde, kämpfte die Polizei jahrelang darum, den Fall nicht öffentlich werden zu lassen.

Fest steht inzwischen auch, dass im Jahr 2013 die Polizei von Victoria die "Operation Tethering" startete: Beamte begannen, offenbar ohne konkreten Tatverdacht, gegen Kardinal Pell zu ermitteln  – zumindest war weder Anzeige gegen Pell erstattet worden, noch gab es etwa Vorwürfe mutmaßlicher Opfer.  Wie es nun in der Affäre für die eigentliche Person Pell weitergeht, ist unklar. Aktuell sitzt der 78-Jährige weiterhin hinter Gittern.

DT/Anian Wimmer/ama

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