Lausanne

Konvertierung zum Christentum: Ein radikaler Schritt

In der Schweiz wenden sich immer öfter Muslime dem Christentum zu: Eine Entscheidung mit teilweise gravierenden Folgen.

Konversionsprozesse in der Schweiz
Manche Konvertiten haben von der Heiligen Schrift schon geträumt, ehe sie sie erstmals in die Hand nehmen. Foto: Bibel TV (Bibel TV)

Es ist schwierig zu sagen, wie viele Muslime in der Schweiz bisher durch die Taufe Christen geworden sind“, sagt der Politikwissenschaftler Roberto Simona. Der Religionsexperte hat im Februar 2019 an der Universität Lausanne seine These „Eine soziologische Studie über den Konversionsprozess in der Schweiz: vom Christentum zum Islam und vom Islam zum Christentum“ verteidigt. Simona geht davon aus, dass die meisten Muslime das Christentum in einer Freikirche annehmen. Die Zahl der Bekehrungen zur katholischen Kirche schätzt er auf ein paar Hundert. Genaues könne man schon deshalb nicht sagen, weil im Taufbuch nichts über die vorherige Religionszugehörigkeit vermerkt werde, erklärt Simona. In der Regel handle es sich bei den Taufbewerbern um Migranten, deren Bekehrungsgeschichte schon vor ihrer Ankunft in der Schweiz begonnen habe.

Immer wieder finden Muslime den Weg in die kahtolische Kirche

Die Tatsache, dass in der Schweiz immer wieder Muslime den Weg in die katholische Kirche finden, veranlasste die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) 2011 zur Herausgabe der Seelsorgehilfe „Konversion vom Islam zum Katholizismus“. Als die vier Hauptmotive, warum Muslime Christen werden wollen, nennt das Dokument der Arbeitsgruppe „Islam“ der SBK die Faszination der Person Jesu, die persönliche Begegnung mit Gott Vater, das Christentum als eine Religion des Heils und des Vergebens sowie die Anziehungskraft der Kirche.

Zum zweiten Motiv führt die Seelsorgehilfe aus: Muslime, welche durch ihre eigene religiöse Praxis nicht befriedigt seien, fänden im Christentum das, wonach sie hungerten: „einen persönlicheren Gott, der jedem Einzelnen seine Aufmerksamkeit schenkt, einen Gott Vater, zu dem man als Sohn sprechen kann.“ So werde Gott um seiner selbst willen geliebt und nicht aus Angst vor ihm. Zur Kirche heißt es im Dokument, dass „die Rolle des Lehramtes als Referenz“ diese „anziehend“ macht. Die Taufbewerber seien empfänglich sowohl für die Schönheit der Liturgie und der Riten wie auch für die Wahrheit der Botschaft.

"Die muslimischen Konvertiten haben eine
radikale Entscheidung mit oft
schwerwiegenden Folgen getroffen“
Seelsorgehilfe der Schweizer Bischofskonferenz

„Die muslimischen Konvertiten haben eine radikale Entscheidung mit oft schwerwiegenden Folgen getroffen“, stellt die Arbeitsgruppe „Islam“ weiter fest. Die soziale Situation der Neugetauften könne dadurch sehr schwierig werden und ihr Leben bedroht sein. „Die Gefahr von Repressalien und Vergeltungsmaßnahmen ist echt und darf nicht unterschätzt werden. Dazu kommt, dass in der Schweiz lebende Muslime auf die Personen, die vom Islam zum Christentum übergetreten sind, Druck ausüben können.“ Das Dokument rät darum Katholiken, die Muslime auf dem Weg zur Taufe begleiten, zu großer Diskretion. „Nur mit dem ausdrücklichen Einverständnis des Konvertiten darf darüber offen gesprochen werden.“ Dies mag mit ein Grund sein, warum in der Öffentlichkeit selten über Taufen von Muslimen geredet oder berichtet wird, obwohl solche in allen Teilen der Schweiz vorkommen.

Träume weisen den Weg zu Christus

Am Heiligabend 2018 spendete ein Pfarrer aus dem Kanton Zürich zwei Musliminnen aus dem Iran das Sakrament der Taufe. „Dieser Umstand war umso bewegender, als Persien als die Heimat der Weisen aus dem Morgenland gilt, die von weither gekommen waren, um Jesus anzubeten“, erklärt der Geistliche. Das Umfeld, aus dem die beiden Neugetauften stammen, beschreibt der Pfarrer als „aus muslimischer Sicht liberal, wobei beide von Kindheit an eine tiefe Gottesbeziehung hatten und von daher gläubig waren“.

Die Geschichte der beiden Frauen, Mutter und Tochter, ist überaus eindrücklich und berührend. M. hatte im Jahr 2002, also 16 Jahre vor ihrer Taufe, einen Traum, worüber sie schreibt: „Ich sah eine Kirche mit einer Statue der Mutter Maria und dem Jesuskind. Im Traum wusste ich plötzlich den Namen dieser Kirche. Ich suchte sie in Teheran und fand dort alles genau so, wie ich es im Traum gesehen habe. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich in dieser Kirche war. Ich war allein, und ich war glücklich. Plötzlich stand jemand hinter mir und schenkte mir ein heiliges Buch, es war die Bibel.“

Taufe ist mit großer Diskretion zu behandeln

Von diesem Tag an habe sie begonnen, die Bibel zu lesen und Jesus zu suchen, berichtet der Pfarrer weiter. In M. sei ein starker Glaube an den dreifaltigen Gott, die Liebe zur Kirche und eine tiefe Verehrung zur Jungfrau Maria gewachsen. „Zwölf Jahre später erzählte sie davon ihrer Tochter, die sich aus vollem Herzen der Mutter anschloss. Die folgenden vier Jahre waren beide gemeinsam unterwegs, ohne aber zu wissen, auf welche Weise sie zur Taufe gelangen könnten, denn Christen begegneten ihnen ängstlich bis abweisend.“

Inzwischen in der Schweiz, habe die persische Mutter „zufällig“ eine Gläubige seiner Pfarrei getroffen, sah an ihrem Hals ein kleines Kreuzlein und sagte zu ihr: „I also love Jesus.“ Das genügte, um ins Gespräch zu kommen. Und so seien die beiden Musliminnen schließlich zu ihm gekommen, erzählt der Pfarrer die bewegende Geschichte weiter: „Ich besorgte beim Institut St. Justinus Unterlagen in Farsi und begann mit regelmäßigen Katechesen. Die Tochter sprach gut Deutsch, die Mutter aber nur Englisch.“ Zu Weihnachten schien dem Seelsorger die Zeit reif zu sein, sodass er beim Bischof um die Tauferlaubnis ersuchte.

Eine unmittelbare Gefahr von Seiten der muslimischen Familie bestand für die beiden Neugetauften, die inzwischen auch gefirmt sind, nicht. In deren Umfeld herrsche Wohlwollen gegenüber dem Christentum, versichert der Pfarrer. „Dennoch war die Taufe mit großer Diskretion zu behandeln, denn bei gelegentlichen Aufenthalten im Iran könnte die Kenntnis der Taufe sehr gefährlich werden.“ Auf die Frage, wie es seinen neuen Schäfchen heute gehe, meint der Hirte sichtlich erfreut: „Beide sind glücklich. Sooft ich sie in der Kirche sehe, geben sie mir den Eindruck, mit ganzen Herzen dabei zu sein.“ Dabei komme ihm die Stelle aus dem Evangelium mit den Weisen aus dem Morgenland in den Sinn: „Der Stern, den sie im Aufgang gesehen, ging vor ihnen her, bis er ankam und stehen blieb über dem Ort, wo das Kind war. Da sie den Stern sahen, hatten sie eine überaus große Freude. Sie gingen in das Haus, sahen das Kind mit Maria, seiner Mutter, fielen nieder und huldigten ihm.“ (Matthäus 2, 9–11)

Der Autor leitet den Fachbereich Werte und Gesellschaft bei der Stiftung Zukunft CH: www.zukunft-ch.ch