Kommentar: "Urbi et orbi"

In Zeiten der Coronakrise verschwindet das Haptische, das Anfassbare, der konkrete Kontakt mit dem Anderen. Stattdessen zieht sich auch die Kirche hinter die Grenze der elektronischen Medien zurück.

Coronavirus: Leerer Petersplatz im Vatikan
Der Petersplatz ist wegen der Coronavirus-Pandemie gesperrt und fast menschenleer. Foto: Grzegorz Galazka (Mondadori Portfolio via ZUMA)

Einerseits stellt die Papstzeitung "L Osservatore Romano" heute ihre gedruckte italienische Ausgabe ein und ist nur noch im Internet zu lesen. Der Vatikandruckerei ist das Papier ausgegangen. Andererseits spendet der Papst morgen von der Altarinsel des Petersdoms aus nach einer besonderen Andacht den Segen "Urbi et orbi", der für die Gläubigen mit einem vollkommenen Ablass verbunden ist. Ein ungewöhnliches Ereignis: Der Platz zwischen den Kolonnaden wird menschenleer sein. Dafür ist der Segen in der ganzen Welt über Fernsehen und Internet zu verfolgen. In Zeiten der Coronakrise verschwindet das Haptische, das Anfassbare, der konkrete Kontakt mit dem Anderen. Stattdessen zieht sich auch die Kirche hinter die Grenze der elektronischen Medien zurück. Ein weiteres Novum: Die Frühmesse von Franziskus ist ab sofort jeden Morgen um 7 Uhr im italienischen Fernsehen zu sehen. Nicht auf einem der katholischen Sender, sondern beim Flaggschiff des Staatsfernsehens, dem Kanal RAI UNO.

Es ist doch nur eine virtuelle Präsenz

Nicht nur in Italien, dem Zentrum der Epidemie, suchen die Menschen in Zeiten der Not den Trost der Hirten, nicht zuletzt des Papstes. Das Internet und die Live-Streams haben die Möglichkeiten über Radio und Fernsehen hinaus nochmals beträchtlich erweitert, die Kirche ins eigene Heim zu holen, dorthin, wo die Hauskirche zusammenkommt.

Aber es ist eben doch nur eine virtuelle Präsenz - am deutlichsten spürbar beim Verzicht auf die Eucharistie. Man kann die Priester nicht zwingen, zu jedem Opfer bereit zu sein. Aber Kreativität ist gefragt, um den Gläubigen auch eine reale Gegenwart zu vermitteln, die für die Kirche der Inkarnation so wesentlich ist: Austeilungen der Kommunion und Krankenkommunion, das ausgesetzte Allerheiligste, der Besuch der Seelsorger bei den Schwererkrankten, die Sterbesakramente. Und manche sind jetzt froh, wenn sie auf der Straße auch nur einen Priester sehen, der sie mit dem Leib des Herrn in der Monstranz oder einer Statue der Mutter Gottes segnet. Corona ist auch eine Chance, in der Not erfinderisch und bei den Menschen präsent zu sein.

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