Canberra

Kommentar: Pell kann wieder hoffen

Von Anfang an begleiteten Zweifel das Verfahren gegen den australischen Kardinal George Pell. Nachdem Australiens höchstes Gericht eine Berufungsanhörung zugelassen hat, ist alles wieder offen.

Kardinal Pell kann Berufung einlegen
Schon im vergangenen August hatten die Anwälte des 78-jährigen Pell vor dem Appellationsgericht in Victoria versucht aufzuweisen, dass das erstinstanzliche Urteil von 2018 falsch gewesen sei. Foto: Stefan Postles (AAP)

Die Nachricht aus Australien, dass Kardinal George Pell gegen den in zweiter Instanz ergangenen Schuldspruch wegen sexuellen Missbrauchs eines Chorknaben Berufung einlegen kann, lässt hoffen, dass der ehmalige Präfekt des vatikanischen Wirtschaftssekretariats am Ende doch noch auf freien Fuß kommen kann.

Stimmen behaupten, die Anklage fuße auf falschen Tatsachen

Schon im vergangenen August hatten die Anwälte den 78-Jährige vor dem Appellationsgericht in Victoria versucht aufzuweisen, dass das erstinstanzliche Urteil von 2018 falsch war, weil die Umstände der vermeintlichen Tat in der Kathedrale von Melbourne im Jahr 1997 eine sexuelle Nötigung durch den Kardinal in Messgewändern gar nicht zugelassen hätten. Im Sommer dieses Jahre folgten aber zwei Richter der Argumentation der Anklage und des vermeintlichen Opfers, der seine Aussage anonym machte. Aber ein Richter, Mark Weinberg, folgte dieser Auffassung nicht.

Zudem gab es Stimmen, dass der zweite, 2014 verstorbene Zeuge, ebenfalls ein Chorknabe, noch 2011 seiner Mutter anvertraut hatte, dass die Anklage gegen den Kardinal auf falschen Tatsachen fuße. Und überhaupt war es für den gesunden Menschenverstand nicht einsehbar, dass sich ein Erzbischof unmittelbar nach einem Gottesdienst in einer viel frequentierten Sakristei an zwei Jungen vergehen kann.

Projektionsfläche für alle kirchenfeindlichen Ressentiments

Zweifel begleiteten das Verfahren von Anfang an. War es doch nicht eher so, dass der robust auftretende Kardinal zu einer Projektionsfläche für alle kirchenfeindlichen Ressentiments geworden war, nachdem eine erschreckend hohe Zahl von Missbrauchsvergenen im australischen Klerus bekannt geworden war? Pell hatte im Sommer 2017 den diplomatischen Schutz hinter den vatikanischen Mauern aufgegeben und war in seine Heimat gereist, um sich den Richtern zu stellen.

Die Verteigung hat immer versucht, die Glaubwürdigkeit des einen noch lebenden Zeugen in Zweifel zu ziehen. Allein dessen Aussage führte zum Schuldspruch, auch wenn der vermeintliche Tathergang gegen jede Wahrscheinlichkeit spricht, dass der Missbrauch des Jungen so stattgefunden hat, wie das angebliche Opfer es schildert. Jetzt ist alles wieder offen.

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