Vatikanstadt

Johannes Paul II.: Diener der Diener

In seinem pastoralen Wirken wie in seinem Leiden war der heilige Johannes Paul II. vor allem Werkzeug in der Hand des Herrn.

Die Wirkung von Johannes Paul II.
Dem deutschen Katholizismus können die Schriften Johannes Paul II. Orientierung geben. Foto: unbekannt (Josef Slominski, Ratingen)

Zwei Zeichnungen in einer Zeitschrift haben es mir kurz nach dem Heimgang von Papst Johannes Paul II. besonders angetan. Ich sehe sie noch heute bis ins Detail genau vor mir. Eine Häuserecke mit einer kleinen, an sich unscheinbaren Madonna, in deren feingeschnittenem jungen Gesichtchen eine übergroße Träne glänzt, die ganze Szene unverkennbar im römischen Trastevere, und daneben die Zeichnung einer Mauer mit Stacheldraht, die aber durchbrochen ist. Der Durchbruch zeigt die Umrisse einer Männergestalt mit Mitra und Hirtenstab, so, als ob er – mir nichts, dir nichts – einfach durch die Mauer gegangen wäre. Die Aussagekraft dieser beiden Skizzen wirkte stärker auf mich als manch kluger Kommentar zur Vita des verstorbenen Pontifex.

Die Kraftquelle „Totus tuus“ des väterlichen Reise-, Lehr- und Politgiganten machte immer wieder deutlich, dass nicht er selbst der Macher war, sondern ein Werkzeug in der Hand dessen, den er vertritt und dem er auch im Leiden wie dessen Mutter nicht von der Seite wich.

Alle Spannung wich einer herzlichen Atmosphäre

Elf Jahre zuvor hatte ich ihn zusammen mit meiner Frau inmitten einer kleinen Delegation des Familienbundes von Schönstatt in einer Privataudienz erlebt. Mit seinem Eintreten in den kleinen Audienzraum wich alle Spannung einer herzlichen Atmosphäre, die von Ruhe, Weite und vor allem auch von Humor erfüllt war. Er war über uns bestens informiert, ermunterte uns in wenigen, knappen Sätzen zur Weiterarbeit im Familienapostolat und hatte so Zeit gewonnen in seinem dicht gedrängten Terminplan zu einem persönlichen Wort für jeden. Damit das auch klappte, war uns vorher dringend nahegelegt worden: Bitte, nur zwei Sätze. Also hatten wir sie uns genau überlegt. Da wir viele Jahre in der Ehevorbereitung und Ehebegleitung gearbeitet haben, nahm ich mir vor, ihm für „Familiaris consortio“ zu danken, meine Frau wollte um den Segen für unsere Kinder bitten und die Handvoll kleiner Papstkreuze, die sie mit den Fotos vieler Kinder unserer Freunde in den Händen hielt und die wir verschenken wollten.

So Aug' in Auge brachte ich meinen Satz auch klar und bestimmt hervor: „Heiliger Vater, wir danken Ihnen für ,Familiaris consortio‘ und setzen uns ein, dass sie verstanden wird.“ Auf alles Mögliche waren wir gefasst, aber nicht auf ein tief gebrummtes „Nein“.  Denn er hatte nach unseren Händen gegriffen, drückte sie mehrmals sehr herzhaft und sagte ganz ernsthaft: „Nein, ich danke Ihnen!“ Darauf meine Frau, getreu der Ermahnung zum erlaubten zweiten Satz ansetzend: „Heiliger Vater, wir möchten Sie um Ihren Segen bitten für unsere Kinder und die Kinder von vielen unserer Familien.“ Die weiße Soutane kam in Bewegung, sie hob und senkte sich schnell, mit einem verschmitzten Lachen im Gesicht fragte er und deutete abwechselnd mit dem Finger zwischen uns beiden hin und her: „Sind die auch glücklich, solche Eltern zu haben?“ Ein verdutztes „Wir hoffen es, Heiliger Vater“, war meine Reaktion. Dann rollte ziemlich laut ein zweites, sehr bestimmtes „Nein!“ durch den Raum. Und nochmals ein herzliches Drücken unserer Arme und schließlich zwei schelmische und mit glucksendem Lachen hervorgebrachte Worte: „Es ist!“ Mit einem ganz langen „i“. Dann zog der Violette hinter dem Papst uns sehr bestimmt zur Seite.

Begegnung mit Johannes Paul II. hat tief geprägt

Natürlich wollte später jeder aus unserer Gruppe wissen, warum der Heilige Vater zweimal ein nicht zu überhörendes Nein uns zugesprochen hatte und natürlich hielten wir uns viele Jahre an dieses zweimalige Nein bei unserer Familienarbeit. Das erste machte uns klar, was Johannes Paul mit seinem „Servus Servorum“, seinem „Diener der Diener“, als Grundhaltung beim Apostolat mitgeben wollte, das zweite half uns, wenn wir uns entscheiden mussten, wie weit wir in unserem Einsatz in der Familienpastoral gehen können, ohne unser „Erstapostolat“, nämlich die eigene Familie, zu vernachlässigen.

Die Begegnung mit Papst Johannes Paul II. hat uns tief geprägt. Wir sind tiefer eingedrungen in seine Sicht von Ehe und Familie, seine Klarstellungen über das Priesteramt und sind dankbar für seine „Theologie des Leibes“, deren prophetischer Wert erst langsam begriffen und die uns noch lange beschäftigen wird, bis wir sie einigermaßen verstanden haben. In den Wirren des derzeitigen deutschen Katholizismus geben uns seine Schriften und die Erinnerung an die Begegnung mit ihm Orientierung und Kraft. Wir machten auch die Erfahrung, dass mit seiner Theologie die „Entweltlichung“, die sein Nachfolger Benedikt, damals seine große Stütze aus der Glaubenskongregation, in Freiburg anmahnte, sehr gut zu verstehen ist. So wie er vor uns stand und unsere Hände hielt, uns ganz zugewandt, als ob nur wir da wären, uns tief und gutmütig schmunzelnd in die Augen sah, hat er uns gezeigt, wie „Stehen in göttlicher Zuversicht“ geht. Und die brauchen wir dringend bei der Unterscheidung der Geister im derzeitigen katholischen Milieu und werden sie, wie wir können, auch weitergeben.

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