Vatikanstadt

Johannes Paul II.: Der Felsenmann

Der polnische Papst war ein Revolutionär, der - um mit Chesterton zu sprechen - Konventionen brechen konnte, weil er die Gebote hielt. Mit seinem Auftreten begeisterte er die Massen, die der Kirche längst abhanden gekommen schienen.

Papst Johannes Paul II. in Polen
Papst Johannes Paul II. begrüßt die Menschen im Marienwallfahrtsort Tschenstochau aus einem Auto, auf seiner ersten Reise nach Polen vom 2. bis 10. Juni 1979. Foto: KNA
Johannes Paul II. in Deutschland
Deutschlandbesuch Papst Johannes Paul II. vom 30. April bis 4. Mai 1987: Der polnische Papst begrüßt Kommunionkinder in ... Foto: KNA

16. Oktober 1978: Plötzlich war der Papst nicht mehr eine blasse Figur hinter hohen Mauern, sondern eine Vatergestalt aus Fleisch und Blut. Einer, der Mädchen auf die Stirne küsste, Behinderte umarmte, sich zu Kindern herunterbeugte. Einer, der in ihre eigene Originalität verliebte Theologen schimpfte, Priester ermahnte, Mächtige in die Schranken wies, Imperien erschütterte, sich lehrend und leitend direkt an die Gläubigen wandte. Der 58 Jahre junge, frisch gewählte Papst aus Krakau stellte in Rom vom ersten Tag an klar, dass er sich nicht einsperren lassen würde im Vatikan, dass er nicht domestizierbar sein würde durch vatikanisches Protokoll.

Machtvolle Gesten, kraftvolle Worte

Ein Papst, der ausbricht aus dem Vatikan - aber nicht aus der Lehre der Kirche, aus der Tradition des Glaubens, aus der inneren Ordnung der Sakramente, aus dem von Christus vorgezeichneten Weg. Ein Mann kraftvoller Gesten und machtvoller Worte, der als begnadeter Dramaturg alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte, um diese auf Christus zu lenken. Weil er nicht Idol sein wollte, wurde er zur Ikone. Johannes Paul II. wollte nicht mit theologischer und philosophischer Originalität brillieren, sondern den Schutt wegräumen und den Blick fokussieren, um den Schatz des Glaubens ins Sichtfeld zu rücken.

"Der Erlöser des Menschen, Jesus Christus, ist die Mitte des Kosmos und der Geschichte", lautet der erste Satz seiner ersten Enzyklika, der Schlüssel zu seinem Pontifikat. "Diesem Ziel allein möchte die Kirche dienen: Jeder Mensch soll Christus finden können, damit Christus jeden Einzelnen auf seinem Lebensweg begleiten kann mit jener kraftvollen Wahrheit über den Menschen und die Welt, wie sie im Geheimnis der Menschwerdung und der Erlösung enthalten ist." (Redemptor hominis 13) Diesem Dienst widmete er sich als "Servus servorum Dei" bis zu seinem letzten Atemzug am 2. April 2005. Weil er in seiner Spiritualität ganz marianisch war, konnte er mit seinem ganzen Dienst auf Christus verweisen, der "der Hauptweg der Kirche", "unser Weg zum Haus des Vaters" und "der Zugang zu jedem Menschen" ist. Weil Gott "in die Menschheitsgeschichte eingetreten" und als Mensch "Subjekt dieser Geschichte geworden" (RH 1) ist, weiß sich die Kirche jedem Menschen "in seiner vollen Wahrheit" (RH 13) verpflichtet.

Immun gegen jede Ideologie

Nicht nur, weil er als junger Mann die totalitären Ideologien des Nationalsozialismus und des Kommunismus in Polen erlebt hatte, war Johannes Paul II. immun gegen jede Ideologie und ideologische Mode, sondern weil er wusste, dass sich die Wahrheit des Menschen in Christus erschließt, und dass Menschenrechte und Gottes-Rechte miteinander stehen und fallen. Diese Immunität wider den Zeitgeist und jede Modewelle machte seine Verkündigung zur klaren, reinen Quelle, zum wohltuenden Kontrastprogramm in einer Zeit politischer, gesellschaftlicher und innerkirchlicher Verwirrung.

Aus der Fülle des christlichen Glaubens- und Erkenntnisschatzes konnte der Papst aus Polen über die Würde der Frau sprechen ohne die banale gleichmacherische Reduktion auf Macht- und Prestigefragen, konnte er die Erneuerung des Priestertums lehren, ohne in Klerikalismus abzugleiten, konnte er den Wert der Familie darlegen ohne jedes Spießertum, konnte er zum Lehrer der Freiheit werden ohne verführerischen Liberalismus. Johannes Paul II. war nicht populistisch, aber populär, weil er glaubwürdig, mutig, weise und in seiner Verkündigung konsequent war. Gerade weil er an der Lehre der Kirche festhielt, konnte er sie vertiefen und aktualisiert darlegen. Gerade weil es ihm, der alle Brillanz zu großer Originalität gehabt hätte, nur darum ging, der geoffenbarten Wahrheit zu dienen, konnte er den größten katholischen Theologen seiner Zeit als engsten "Mitarbeiter der Wahrheit" an seine Seite holen: Joseph Ratzinger.

Johannes Paul II. belebte die Kirche neu

In der absoluten, bis ins Sterben hinein öffentlich gelebten Hingabe an Christus und seine Kirche wurde Johannes Paul II. zum Petrus, zum Felsen: Er hatte protokollarische und tradierte Konventionen nicht gebrochen, weil sie seinem rebellischen Naturell zuwider gewesen wären, sondern um die Hände frei zu haben für die Zuwendung zu den frommen Betern und einfachen Menschen, zu den Menschenmassen aller Kontinente, zu den nach Sinn und Erlösung suchenden Heiden, zu den Gottsuchern anderer Religionen, zu den Jugendlichen wie zu den Kranken, zu den Armen wie zu den Mächtigen. Er reinigte das Gedächtnis der Kirche und wurde zum Gewissen der Welt.

Heute ist vielfach vergessen, dass die säkulare Welt die katholische Kirche 1978 bereits weitgehend abgeschrieben und zum verwesenden Auslaufmodell gestempelt hatte. Mit Johannes Paul II. war sie plötzlich wieder ein Faktor, mit dem man rechnen musste. Die Kommunisten in Warschau, Moskau und Havanna registrierten das ebenso sensibel wie die Regierenden in Washington, Bonn und London. Der Beitrag Johannes Pauls II. zum Niederringen der kommunistischen Tyrannei in Osteuropa und zur Wiedergewinnung der Freiheit ist heute unbestritten. Nicht ausreichend gewürdigt ist sein Beitrag zur Erneuerung der Kirche und zur Freilegung ihrer Glaubensbotschaft.

Die Jugend, der er sich als väterlicher Freund nie kumpelhaft anbiedernd, sondern liebevoll lehrend zugewandt hatte, legte bei den Weltjugendtagen und nach seinem Tod in Rom Zeugnis für sein Pontifikat ab: Für mehr als eine Generation war Karol Wojtyla wie eine prophetische Gestalt aus dem Alten Testament, ein begnadeter Gottesmann und Hüter des Heiligen, ein Gigant, der mit beiden Beinen fest auf der Erde stand, während sein Kopf immerwährend in den Himmel zu ragen schien. Mehr als jeder Papst vor ihm war er bei den Menschen aller Generationen und aller Kontinente, unermüdlich reisend und lehrend, während seine eigentliche Heimat immer schon jenseits des Irdischen zu liegen schien. Kein Staatsmann hatte je eine globale Präsenz wie dieser Hirte der universalen Herde Christi, und doch war spürbar, dass seine Kraftquellen im Unsichtbaren liegen. Wenn er im Gebet versank, schien er Menschen und Kameras ringsum nicht mehr wahrzunehmen, sondern alle Sorgen und Nöte, alle Lebenslast der Menschen vor den himmlischen Vater zu tragen.

Über das Konfessionelle hinausgeragt

So übergroß war diese titanenhafte Gestalt, dass sie über das Konfessionelle hinausragte: als Gesicht und Stimme der Christgläubigen, als Anwalt der Menschlichkeit, als Bote Gottes für eine Epoche. Dass er vielsprachig, polyglott und politisch hellsichtig, kraftvoll und zäh war, all das begünstigte sein Wirken, ohne seine Wirkung zu erklären. Dass er in der Zahl seiner Reisen und Schreiben, Predigten und Ansprachen alle Rekorde brach, ist nur ein Schatten seiner Wirkungsgeschichte. Leuchtturm der Wahrheit im Nebel der Zeit konnte er sein, weil er   gemäß der lunaren Ekklesiologie des Zweiten Vatikanums   nur ein Mond sein wollte, der das Licht der Christussonne auffängt, um es in die Weltnacht seiner Zeit hineinstrahlen zu lassen.

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