Vatikanstadt

"Jetzt muss der Papst entscheiden"

Verheiratete Priester, Frauenweihe und ein amazonischer Ritus: Ein Gespräch mit Kardinal Kurt Koch über die (Schwachpunkte der) Synode.

Kardinal Kurt Koch
Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Foto: Francesco Pistilli

Herr Kardinal, ist nun nach der Amazonas-Synode in der Kirche nichts mehr so, „wie es vorher war“?

Ich habe mich schon vor der Synode, als ich diese Aussage hörte, gefragt, wie man denn eine solche Totalerwartung an eine Synode stellen kann, die regional ist und die gar nicht entscheiden kann – der Papst muss am Ende entscheiden. Und vor allem: Die DNA der Kirche ist nicht veränderbar, sondern in der Offenbarung vorgegeben.

Stimmt der Eindruck, dass der erste Entwurf des Schlussdokuments den Synodalen zu schwach war? Hunderte von Änderungsvorschlägen sollen die zwölf Sprachgruppen eingereicht haben...

"Der Papst selbst hat das „Instrumentum laboris“
am Anfang der Synode als „testo martyre“ bezeichnet,
als einen Text, der vernichtet werden soll"

Man muss zweierlei bedenken. Erstens war das „Instrumentum laboris“ ein schwieriges Dokument, das zudem theologisch problematische Aussagen enthielt. Der Papst selbst hat das „Instrumentum laboris“ am Anfang der Synode als „testo martyre“ bezeichnet, als einen Text, der vernichtet werden soll. Zweitens war die Thematik der Synode so umfangreich, dass sie in der kurzen Zeit nur schwer zu bewältigen war. Das hat dazu geführt, dass der erste Entwurf des Schlussdokuments so, wie er war, überarbeitet werden musste und dass dann in den Sprachzirkeln intensiv diskutiert wurde.

Die Medien kannten am Samstag und Sonntag eigentlich nur eine Schlagzeile: Die Bischöfe der Synode öffnen den Weg für verheiratete Priester. Wird die vorgeschlagene Priesterweihe von Ständigen Diakonen dazu führen?

"Es hat die reale Synode
gegeben und die der Medien"

Papst Benedikt XVI. hat einmal gesagt, es habe zwei Konzilien gegeben: das reale Konzil und das „Konzil der Medien“. Etwas Ähnliches muss man auch hier sagen: Es hat die reale Synode gegeben und die der Medien. Gewiss ist der Priestermangel in Amazonien ein schweres pastorales Problem und ist in der Synode eingehend besprochen worden. Doch diese Frage stellt einen von 120 Punkten im Schlussdokument dar, in dem die pastoralen, ökologischen, sozialen und kulturellen Herausforderungen im Vordergrund stehen. Zudem hat die Synode darüber abgestimmt, dass Kriterien entwickelt werden müssen, welche verheirateten Männer geweiht werden könnten. Die Abstimmung der Synode ist aber nicht bindend, sondern ist dem Papst übergeben worden. Von daher muss man die medialen Hoffnungen durchaus relativieren.

Was halten Sie von einem „amazonischen Ritus“? Sind die Ortskirchen Amazoniens so etwas wie die katholischen Ostkirchen?

Mir ist noch nicht ganz klar geworden, was hier eigentlich gemeint ist. Soll es ein Ritus sein, bei dem bestimmte Änderungen vorgenommen werden, wie dies beispielsweise beim Ritus für Zaire der Fall gewesen ist, bei dem etwa der Friedensgruß vor der Gabenbereitung vorgesehen ist? Dabei handelt es sich um das Lateinische Messbuch für Zaire mit verschiedenen Änderungen. Zweitens wurde der Vergleich mit den katholischen Ostkirchen gemacht. Diesbezüglich habe ich jedoch meine Bedenken, denn die Riten der Ostkirchen sind Jahrhunderte alt. Die Ostkirchen haben sie, als sie die Einheit mit Rom gesucht haben, gleichsam von den orthodoxen Kirchen mitgebracht.

"Riten entstehen nach meiner
Überzeugung [...] nicht am Schreibtisch,
sondern in einem organischen Wachstum"

Bei einem neu zu schaffenden Ritus für Amazonien würde es sich jedoch darum handeln, dass er neu geschaffen würde. Riten entstehen nach meiner Überzeugung aber nicht am Schreibtisch, sondern in einem organischen Wachstum. Drittens haben einige Votanten an die Entwicklung eines Gesamtritus gedacht, so dass die Kirche in Amazonien eine „Kirche sui iuris“ auch mit einer eigenen Disziplin und einem eigenen Kirchenrecht würde. Ich habe den Eindruck, dass der Papst an die zweite Variante denkt, da er beim Abschluss der Synode gesagt hat, dass die Entwicklung eines solchen Ritus in der Verantwortung der Kongregation für den Gottesdienst liegt. Was die Entwicklung eines neuen Ritus betrifft, habe ich meine Bedenken, da auf jeden Fall die große Herausforderung besteht, dass die notwendige Inkulturation des Evangeliums mit der ebenso notwendigen Evangelisierung der Kultur einhergehen muss, da auch die indigene Kultur der Reinigung bedarf. Über die zweite Seite dieses Problems habe ich bei der Synode jedoch kaum etwas gehört.

Was könnte denn eine – wie von der Synode vorgeschlagen – wieder einzusetzende Kommission zum Frauendiakonat in der Frühkirche jetzt noch Neues bringen?

Ich denke nicht, dass sie viel Neues bringen kann. Es handelt sich um eine alte Frage. Ich erinnere mich, dass sie bereits während meiner Studienzeit behandelt worden ist – schon damals kontrovers. Es besteht ein gewisser Konsens, dass es während einer bestimmten Zeit einen Diakonat der Frau gegeben hat. Es besteht aber kein Konsens darüber, was dieser Diakonat beinhaltet hat, ob es ein sakramentales Amt gewesen ist oder nicht. Auch in der Kommission, die Papst Franziskus eingesetzt hat, ist kein Konsens zustande gekommen. Und selbst, wenn bei einer neuen Zusammensetzung ein Konsens zustande käme, wäre das eigentliche Problem nach wie vor existent, dass es nach katholischem Glauben, den das Zweite Vatikanische Konzil bestätigt hat, nicht drei verschiedene Ämter, sondern nur ein sakramentales Amt mit drei Stufen gibt: Diakonat, Presbyterat und Episkopat. Hier liegt der eigentliche Grund, weshalb ein Frauendiakonat nicht möglich ist.