Melbourne

Im Blickpunkt: Vergeben und vergessen?

Die Haftentlassung von Kardinal George Pell dürfte kein Schlussstrich sein, weitere Vorwürfe sexuellen Missbrauchs stehen im Raum. Das australische Drama kann bei aller Tragik aber auch heilsame Wirkung für die Kirche haben, wenn schärfer über den angemessenen Umgang mit Vorwürfen nachgedacht wird.

Nach Freispruch: Wie geht es weiter mit Kardinal Pell?
Die Öffentlichkeit erlebt seit Jahren abgestufte Kampagnen gegen Bischöfe, die zweifellos Fehler begangen haben, aber nicht justiziabel geworden sind. Scheinbar unerbittlich wird mancher wie ein Hund vom Acker gejagt. Foto: Erik Anderson (AAP)

Das Drama des kürzlich aus der Haft entlassenen australischen Kardinals Pell legt eine Grauzone innerhalb des Kirche offen, die in dieser Form vor dem Missbrauchsskandal nicht denkbar war: Wie resozialisiert man einen kirchlichen Würdenträger und stellt seinen guten Ruf wieder her? Pell hat Morddrohungen erhalten, ist zu Unrecht verurteilt worden und hat und mehr als vierhundert Tage in Haft verbracht. Sein Name bleibt untrennbar mit einer gnadenlosen Kampagne verbunden. Es ist derzeit kaum vorstellbar, dass der rüstige 79-Jährige noch irgendeine Aufgabe in der Seelsorge übernimmt, obwohl er für das Volk Gottes nie einfach gestorben war. Im Gegenteil: Der Fall dokumentiert auch erheblichen Widerstandsgeist an der Gläubigen. Ohne den finanziellen und mentalen Rückhalt vieler Laien wäre Kardinal Pell heute kein freier Mann.

Ist mit der gewährten Vergebung alles gut?

Pells Haftentlassung dürfte indes kein Schlussstrich sein, denn weitere Vorwürfe sexuellen Missbrauchs stehen im Raum. Dass er jenen, die ihn ins Gefängnis brachten, öffentlich vergeben hatten, beeindruckt und wirft doch auch Fragen auf. Ist mit der gewährten Vergebung alles gut? Oder haben nicht auch Geistliche ein Recht auf faire Behandlung und einen guten Ruf? Die öffentliche Härte gegenüber Pell ist nicht allein mit der nachvollziehbaren Abscheu der Menschen vor dem Verbrechen des sexuellen Missbrauchs zu erklären. Der Kardinal selbst ließ in seinem ersten TV-Interview nach der Haft durchblicken, dass es der bischöflichen Popularität nicht zuträglich ist, im herrschenden „Kulturkampf“ der Öffentlichkeit katholische Positionen zu den Themen Familie, Lebensschutz und Gender zu vertreten. Diese Einschätzung ist nicht neu, auch dem  in diesem Jahr ebenfalls freigesprochenen Kardinal Barbarin bescheinigen bis heute viele, ein stellvertretendes Opfer für den Widerstand der Kirche in Frankreich gegen genderisierte Gesetzesentwürfe  geworden zu sein. Ob es für ihn noch eine Zukunft in Frankreich gibt, ist fraglich, der Kardinal schließt nicht aus, Europa zu verlassen.

Die Öffentlichkeit erlebt seit Jahren abgestufte Kampagnen gegen Bischöfe, die zweifellos Fehler begangen haben, aber nicht justiziabel geworden sind. Scheinbar unerbittlich wird mancher wie ein Hund vom Acker gejagt – auch in Deutschland existieren harte Fronten. So ist auch sechs Jahre nach dem Rücktritt des vormaligen Limburger Bischof Tebartz-van Elst fraglich, wann dieser einen schlichten Besuch in seinem einstigen Bistum wahrnehmen kann. Eine Kirche, deren Erlöser seinen allesamt sündigen Jüngern die Pflicht zur Vergebung ins Stammbuch schrieb, die dem Schöpfer täglich im Vaterunser zusagt, ihren Schuldigern zu vergeben und dem Fest der Barmherzigkeit einen prominenten Platz im liturgischen Kalender einräumt, scheint mitunter kein Ende des Zorns zu kennen.

Der Abschreckungseffekt ist nicht zu unterschätzen

Der Abschreckungseffekt ist nicht zu unterschätzen - zumal wenn, wie im Fall Pell, auch Nichtchristen für den Geschädigten Partei ergreifen. Im Zug der Missbrauchskrise ist unbescholtenen Geistlichen durchaus Unrecht geschehen durch Verdächtigungen, die sich im Nachhinein als unbegründet erwiesen. So unverzichtbar das konsequente Vorgehen der kirchlichen Verantwortungsträger gegen Missbrauchstäter ist, so wenig entschuldbar ist das leichtfertige Anklagen. Dass ein Mensch lebenslang gezeichnet bleibt und seinen Angehörigen ein Kesseltreiben zugemutet wird ist kein Kavaliersdelikt. Das australische Drama kann bei aller Tragik auch heilsame Wirkung für die Kirche haben, wenn schärfer über den angemessenen Umgang mit Vorwürfen und Beschuldigten nachgedacht wird.

Unpopuläre katholische Positionen in der Öffentlichkeit zu vertreten wird auch in Zukunft Teil der Verkündigung bleiben. Aber wie kann statt öffentlicher Hetzjagden das Evangelium wieder Thema Nummer eins werden?

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