Würzburg

Im Blickpunkt: Praxistest für Seelsorge und Apostolat

Braucht es angesichts der Not von Kranken, Alten und Familien nicht vielmehr tiefen Glauben, Kreativität und viel gesunden Menschenverstand? Doch Priester, die sich als echte Hirten erweisen wollen, stoßen mitunter in den Bistumsleitungen auf Hürden.

Coronavirus - Frauenkirche München
Wenn Bischöfe und Priester gemeinsam nach vernünftigen Lösungen für Eucharistiefeiern und die Sakramentenspendung suchen, könnte die Krise eine Chance sein und die Pfarreien gestärkt aus ihr herausgehen. Im Bild: die Frauenkirche in München. Foto: Sven Hoppe (dpa)

Bis Pfingsten soll das liturgische Leben in Holland dem staatlichen Versammlungsverbot angepasst werden. Die niederländischen Bischöfe haben alle öffentlichen Messen bis zum Fest abgesagt. Ein tiefer Einschnitt; andere Länder könnten folgen. Die Folgen der Corona-Krise überschatten nicht nur Ostern, sondern auch die Hochsaison der ordentlichen Seelsorge: Erstkommunionfeiern, Trauungen sowie die Eröffnung der Wallfahrtssaison sowie des Marienmonats Mai sind betroffen.

Über Nacht hat sich die Situation verändert

Unerwartet stehen die Bistümer vor einem Praxistest: Viel ist in den vergangenen Jahren von Synodalität, Subsidiarität und dem Teilen der Macht gesprochen worden. Strukturreformen sollten dem durch die Missbrauchskrise verdüsterten Bild der Kirche wieder Glanz verleihen. Über Nacht hat sich die Situationen geändert. Braucht es angesichts der Not von Kranken, Alten und Familien nicht vielmehr tiefen Glauben, Kreativität und viel gesunden Menschenverstand? Priester, die jetzt den Kranken und Sterbenden beistehen und sich als echte Hirten erweisen, prägen das Bild ihres Standes in der Öffentlichkeit.

Allerdings stoßen sie mitunter in den Bistumsleitungen auf Hürden: In einigen Ordinariaten haperte es schon bei der Absage öffentlicher Eucharistiefeiern an pastoralem Feingefühl und vernünftiger Zeitplanung: Mancherorts blieb den vom Ukas überrumpelten Pfarrern keine Gelegenheit, um ihre Gemeinde zu verständigen. Inzwischen gehen nicht wenige entspannt zu lokalen Lösungen über: Kommunionspendung, Wortgottesdienst und seelsorglicher Austausch finden im kleinen Kreis statt. Auch Besuche in Seniorenheimen und bei Schwerkranken scheitern in der Praxis nicht automatisch an den staatlichen Verboten. Auf eine tolerante Heimleitung und den guten Draht des Pfarrers zum Bürgermeister kommt es verstärkt an.

Pfarreien könnten gestärkt aus der eucharistischen Fastenzeit hervorgehen

Die Krise ist daher eine Chance. Pfarreien können gestärkt aus der eucharistischen Fastenzeit hervorgehen, wenn Bischöfe und Priester gemeinsam nach vernünftigen Lösungen für Eucharistiefeiern und die Sakramentenspendung suchen. Wie die Menschen jetzt von ihren Seelsorgern aufgefangen werden, dürfte entscheidender für das Bild des Geistlichen sein als Strukturreformen. Dabei sind hochsensible Entscheidungen wie die Frage, wie unter den gegebenem Umständen mit Trauernden, Brautpaaren und Kommunionkindern  umgegangen werden soll,  sind nicht zentral regelbar.  Hier muss sich zeigen, ob es Bistumsleitungen ernst ist mit der Synodalität  und den Pfarrern den notwendigen Handlungsspielraum lassen.

Auch das quasi über Nacht von der Bildfläche verschwundene Thema „Frauen in der Kirche“ kann unter geänderten Vorzeichen beleuchtet werden.
Statt lautstark Macht zu fordern, schlägt nun die Stunde des weiblichen Apostolats: Wer greift finanziell klammen Nonnen unter die Arme, deren ohnehin überschaubare Einnahmen durch Hostienbäckerei über Nacht wegbrechen? Wer stärkt den oft nicht mehr jungen Ordensfrauen und den Müttern den Rücken, die derzeit in Krankenhäusern schuften? Werden alle Möglichkeiten ausgelotet, um Schwerkranken und Sterbenden auch durch hauptamtliche Laien und Ehrenamtliche beizustehen? Sind nun jene Katholikinnen, die bei ruhigem Seegang Macht im Kirchenschiff fordern, in Kontakt mit Einsamen und Infizierten und ansprechbar für die Not jener Glaubensschwestern, die sich an der Coronafront aufreiben? Es ist ein Lichtblick, dass sich derzeit bei der Caritas mancherorts mehr Freiwillige melden als Hilfesuchende. Die Krise könnte zum Magnetberg werden, der Prioritäten sortiert.