Vatikanstadt

Im Blickpunkt: Nun droht der offene Bruch

Die Brisanz des nachsynodalen Schreibens liegt in der Selbstverständlichkeit, mit der Papst Franziskus das nördlich der Alpen oft längst Entsorgte fordert: Gebet um Priesterberufe, Missionsgeist und eine unverfälscht marianische Haltung der Frauen.

Synodaler Weg: Erste Synodalversammlung
Der Synodale Weg erfüllt alle Voraussetzungen, um der Geschichte der deutschen Arroganzroutine mit päpstlichen Entscheidungen ein neues Kapitel hinzuzufügen. Foto: Nadine Malzkorn

Wie starker Kaffee wirkt das nachsynodale Apostolische Schreiben auf die Katholiken in Deutschland: die einen belebt es, anderen treibt es den Blutdruck in die Höhe. Der Papst teilt jedenfalls zwei Zukunftsvisionen des Synodalen Wegs nicht: den Traum von verheirateten Priestern und der Zulassung von Frauen zu Weiheämtern.

Die Brisanz des Schreibens liegt in der Selbstverständlichkeit, mit der Papst Franziskus das nördlich der Alpen oft längst Entsorgte fordert: Gebet um Priesterberufe, Missionsgeist und eine unverfälscht marianische Haltung der Frauen. Dem Heiligen Vater geht es um Schwarzbrot des Apostolats, nicht um Mehrheiten. Aber welche deutsche Pfarrei könnte schon mit Laien aufwarten, die sich aus vollem Herzen mit seinen Empfehlungen identifizieren? Da hilft kein dialektischer Trick und keine noch so angestrengt wirkende Interpretation: Fünfzig Prozent der Agenda des Synodalen Wegs gehören, wenn man dem Dogmatiker Michael Seewald glaubt, schon jetzt in den Papierkorb. Und der Graben im deutschen Katholizismus zwingt die Synodalen mittelfristig auch zu Konsequenzen: Schließen sie sich der mehrheitsfähigen Fraktion Marx an oder der Fraktion Woelki? Marx bemüht sich angesichts des päpstlichen Schreibens verbissen um eine Verschleierungstaktik. Endgültiges verkauft er als vorläufig: „Die Diskussion wird weitergehen.“ Doch wozu? Auch für Papst Franziskus ist das päpstliche Nein Johannes Pauls II. zur Frauenweihe mehr als lediglich ein „starkes Zeichen“ (Marx). Das nachsynodale Schreiben eröffnet keinen Spielraum.

Woelki verzichtet auf Täuschungsmanöver

Demgegenüber verzichtet Woelki auf Täuschungsmanöver und erinnert daran, dass in der katholischen Kirche nicht über alles abgestimmt werden kann. Noch könnte Druck aus dem synodalen Kessel entweichen und absehbaren Frustrationen vorgebeugt werden. Der Selbsttäuschungswille mancher Mitraträger ist allerdings ebenso wenig zu unterschätzen wie das Machtbewusstsein der Gremien. Wären die ethischen Standards des Synodalen Wegs so hoch wie jene im kirchlichen Investmentbereich, hätte sich manche Diözese aus der Spielwiese der Mehrheiten vermutlich schon zurückgezogen.

Vieles hängt nun von der Vermittlungskunst des künftigen Vorsitzenden der deutschen Bischöfe ab, der im März gewählt wird. Er ist zu bedauern, denn er soll der gespaltenen Bischofskonferenz im Konzert der Weltkirche eine Stimme verleihen. Vielen wird er in den nächsten Jahren erklären müssen, was die deutschen Katholiken eigentlich vorhaben. Wie soll das geschehen, da schon die katholischen Nachbarn in Polen, Frankreich, der Schweiz und Tschechien das Projekt Synodaler Weg vielfach nicht nachvollziehen können? Ob ein offener Bruch der Kirche in Deutschland noch aufzuhalten ist, hängt davon ab, ob dem Neuen gelingt, zwischen der Synodal-Mehrheit, die sich nicht am Lehramt orientieren will und der an der Weltkirche festhaltenden Minderheit der Bischöfe und Laien zu vermitteln.

Neues Kapitel in der Geschichte der deutschen Arroganzroutine

Allerdings erfüllt der Synodale Weg alle Voraussetzungen, um der Geschichte der deutschen Arroganzroutine mit päpstlichen Entscheidungen ein neues Kapitel hinzuzufügen nach dem Motto „nicht fragen, sondern machen“.

Doch geht es dieses Mal um mehr als eine moralische Gewissensentscheidung Einzelner oder das Ausstiegsszenario einzelner Diözesen aus dem Synodalen Weg. Wenn Mariazweipunktnullerinnen darauf spekulieren, sie könnten „nun bis an die Grenzen dessen gehen, was möglich ist“, um die Tür für weitere Änderungen zu öffnen (Eveline Viernickel, Erzbistum Freiburg), so ist das ein Trugschluss. Der Synodale Weg hat die rote Linie bereits überschritten, als die Mehrheit gegen die Vereinbarkeit künftiger Entscheidungen mit dem kirchlichen Lehramt stimmte. Die Einschätzung eines ausländischen Beobachters, nur der Heilige Geist könne die Kirche Deutschland noch einen, ist durchaus nicht übertrieben.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier .