Warschau

Im Blickpunkt: Ein Fels in der marxistischen Brandung

Kardinal Stefan Wyszynskis erprobte geistliche Strahlkraft reicht weit über die polnischen Landesgrenzen hinaus. Am 7. Juni 2020 wird er selliggesprochen.

Kardinal Stefan Wyszynski
Die Seligsprechung Kardinal Wyszynskis wird ein kirchliches Highlight 2020 sein. Foto: episkopat.pl

Maximilian Kolbe, Schwester Faustyna, Jerzy Popieluszko - die Liste der polnischen Seligen und Heiligen des 20. und 21. Jahrhunderts ist beeindruckend. Handelt es sich dabei doch um Persönlichkeiten, deren in schwierigen Zeiten erprobte geistliche Strahlkraft weit über die polnischen Landesgrenzen hinausreicht. So war und ist es auch bei Kardinal Stefan Wyszynski, Spitzname „Primas des Jahrtausends“, der – wie in dieser Woche bekannt gegeben wurde – am 7. Juni 2020 in Warschau seliggesprochen wird.

Geboren am 3. August 1901 in dem masowischen Provinzdorf Zuzela, wo man noch heute das kleine Haus der Lehrerfamilie Wyszynski samt Klassenzimmer bewundern kann, absolvierte der Mann mit den aristokratischen Gesichtszügen und der natürlichen Autorität eine gradlinige Ausbildung als wissenschaftlich geschulter Geistlicher. Soziale Anliegen und Reformen waren ihm wichtig, während des Krieges wirkte er im polnischen Untergrund. Regens, Bischof von Lublin. Erzbischof von Warschau und Gnesen – bei der Ernennung zum Kardinal kam das kommunistische System nach dem Krieg dazwischen.

Dass die Haft glimpflich ausging, war nicht selbstverständlich

Man inhaftierte Wyszynski. Drei lange Jahre, die der Primas von Polen damit verbrachte, die große Novene zur 1.000-Jahrfeier des Landes im Jahr 1966 vorzubereiten. Dass die Haft für ihn glimpflich ausging, war keine Selbstverständlichkeit. Der Kardinalshut kam, die kommunistischen Spitzel blieben in seiner Nähe. Und: Die Feierlichkeiten im Jahr 1966 in Tschenstochau wurden zu einem Triumph des großen Marienverehrers. Ruhig und mit fester Stimme lenkte er die gläubige Menschenmasse, die ihn als Fels in der marxistischen Brandung ansah und verehrte.

Als der berühmte Briefwechsel der polnischen und deutschen Bischöfe Mitte der 1960er Jahre vom Regime aufgegriffen wurde, um die polnischen Hirten als Landesverräter zu brandmarken, stand Wyszynski fest zu den wichtigsten Worten des Dokuments: „Wir vergeben und bitten um Vergebung.“ Über das Verhältnis von Wyszynski zu dem 19 Jahre jüngeren Erzbischof von Krakau, Kardinal Karol Wojtyla, ist viel spekuliert worden. Sicherlich waren die beiden – trotz ähnlicher geistiger Brillanz und unleugbarer Führungsqualität – völlig unterschiedliche Temperamente. Durchaus möglich also, dass – wie in polnischen Kirchenkreisen kolportiert wird – Wyszynski in der Frühphase von Wojtylas Krakauer Wirken diesen aufgrund seiner literarischen Interessen etwas geringschätzig als „Poeten“ betrachtete. Doch Anlass zur Sorge wegen fehlender Verlässlichkeit bot Wojtyla nie. In Wyszynskis anfängliche Skepsis gegenüber dem späteren heiligen Papst mischte sich vielleicht auch das unterschiedliche theologische Klima, das gewohnheitsmäßig zwischen Warschau und Krakau existiert. Behutsam bei der Implementierung des Konzils waren jedoch beide.

Großer Verehrer des heiligen Johannes Paul II.

Wie sehr Wojtyla den Primas verehrte, wird in den Aufnahmen deutlich, die ihn und Wyszynski schon bald nach der Wahl zum Papst 1978 in Rom zeigen. Wyszynski ging vor Johannes Paul II. auf die Knie, dieser jedoch beugte sich zu ihm herab und küsste den Kopf und die Hände des Primas. Eine Geste der päpstlichen Demut, auf die Wyszynski mit der für ihn typischen Strenge reagierte. Obwohl: Auch hier hüte man sich vor Stereotypen. Es gibt unzählige Fotos von Wyszynski, die ihn fröhlich und entspannt mit Tieren und Gläubigen zeigen. Richtig verärgert konnte er wohl nur im Tagebuch sein, wie die renommierte Journalistin Ewa Czaczkowska es in ihrer umfassenden Wyszynski-Biografie belegt hat. Der himmlischen Statur tut dies keinen Abbruch. Die Heilung einer jungen Frau von Schilddrüsenkrebs Ende der 1980er Jahre durch die Fürsprache Wyszynskis wird vom Vatikan als authentisches Wunder eingestuft. Für viele Katholiken weltweit ist Kardinal Stefan Wyszynski heute ein Vorbild für einen starken Glauben im Angesicht des Bösen. Die Seligsprechung wird deshalb ein kirchliches Highlight 2020 sein.