Wien

Im Blickpunkt: Die Ära Schönborn neigt sich ihrem Ende

Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn will aufhören. Wann der Heilige Vater seinem Wunsch entspricht, weiß aber noch niemand.

Kardinal Christoph Schönborn
Dass der Wiener Kardinal Christoph Schönborn Anfang nächsten Jahres auch auf den Vorsitz der Österreichischen Bischofskonferenz verzichten wird, ist naheliegend. Foto: Cristian Gennari (KNA)

Einen Mangel an Transparenz kann dem Wiener Kardinal Christoph Schönborn wohl niemand vorwerfen: Als er im Frühjahr vor einer Prostataoperation stand, kündigte er diese nicht nur in einer Pressekonferenz an, sondern machte sie auch zum Thema in Interviews und Predigten. Seit Wochen spricht er nun in unterschiedlichen Öffentlichkeiten von seiner nahenden und offenbar auch ersehnten Emeritierung. Zuletzt bei einer Pressekonferenz in Wien: Am Rande der Amazonas-Synode habe er Papst Franziskus sein Rücktrittsgesuch bereits übergeben und mit dem Papst darüber geredet. Er spreche als Erzbischof von Wien ja auch persönlich mit jedem Pfarrer, denn mancher dränge auf die Pensionierung, während andere gerne noch ein paar Jahre weiterarbeiten würden.

Politisches Gerangel und Geraune um Nachfolgekandidaten

Gemeint ist damit wohl: Kardinal Schönborn hat dem Papst deutlich gemacht, dass er sein Rücktrittsgesuch keineswegs nur aus kirchenrechtlichen Gründen eingereicht hat, insgeheim aber auf eine Verlängerung hofft. Zumal er gemäß Can. 401 § 1 CIC erst am 22. Januar 2020 den Rücktritt anbieten müsste. Nun aber hat schon viele Wochen vor dem 75. Geburtstag des Erzbischofs von Wien eingesetzt, was in der katholischen Kirche seit langem unerquicklich um sich greift: das allzu politische Gerangel und Geraune um Nachfolgekandidaten und ihre möglichen Kursänderungen. Dass Schönborn Anfang nächsten Jahres auch auf den Vorsitz in der Österreichischen Bischofskonferenz verzichten wird, ist da nur naheliegend.

Die Dichte und Deutlichkeit seiner diesbezüglichen Wortmeldungen unterstreicht: Der Wiener Kardinal will aufhören! Wann der Heilige Vater seinem Wunsch entspricht, weiß niemand, auch Kardinal Schönborn selbst nicht. Klar ist nur: Papst Franziskus kennt im Gegensatz zu seinen beiden Amtsvorgängern von Österreich fast nichts und niemanden – außer den Wiener Kardinal, der zu ihm ein intensives, vertrauensvolles Verhältnis pflegt. Niemand kann wissen, ob dies nun dazu führt, dass Franziskus Schönborn nicht aus dem Amt scheiden lassen will (wie einst Johannes Paul II. Rücktrittsgesuche von Kardinal Ratzinger abwies) oder aber dessen Wunsch rasch folgt. Denkbar ist in dieser Konstellation – wider alle gute kirchliche Gepflogenheit – jedoch, dass Kardinal Schönborn selbst einigen Einfluss auf seine Nachfolge nimmt.

Dominanz des Wiener Kardinals war überdeutlich

Spätestens seit 2003 hatte der Wiener Kardinal bei allen Bischofsbestellungen in Österreich ein gewichtiges Wort mitzureden. Die Bischofskonferenz wurde dadurch harmonischer und friedvoller, aber auch (pardon!) monocolorer, mitunter langweiliger. Spätestens seit der Emeritierung von Bischof Egon Kapellari war die Dominanz des Wiener Kardinals unter den Bischöfen Österreichs überdeutlich. Darum ist allen Beteiligten jetzt klar, dass Schönborns Emeritierung eine tiefe Zäsur im Leben der Kirche in Österreich werden wird. Das wäre dann kein Problem, wenn die traditionsreiche Kirche in Österreich in den kommenden Jahren bloß ordentlich verwaltet werden müsste. Ein Blick auf die Zahlen der Priester, der Gottesdienstbesucher, der Kirchenmitglieder und der Sakramentenpraxis zeigt jedoch, dass sich der Katholizismus hierzulande in einem dramatischen Sinkflug befindet. Nicht fehlerfreies Verwalten, sondern neuer Mut zur Remissionierung ist deshalb das Gebot der Stunde. Mit Blick darauf sind die personellen Ressourcen für Schönborns Nachfolge eher übersichtlich.

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