Moskau

Im Blickpunkt: Der Weltorthodoxie droht die Spaltung

Nur der Ökumenische Patriarch hat als Nachfolger des erstberufenen Apostels, des Petrus-Bruders Andreas, das Recht, zu einem panorthodoxen Gipfel zu rufen und diesen zu leiten. Darüber setzte sich der Patriarch von Jerusalem, Theophilos III., nun hinweg.

Patriarch Theophilos III.
Maßte sich eine Rolle an, die ihm eigentlich nicht zusteht: Theophilos III., Patriarch der Orthodoxen Kirche von Jerusalem - im Bild bei der Ankunft zur Weihnachtsmesse in der Geburtskirche. Foto: Wisam Hashlamoun (APA Images via ZUMA Wire)

Das drohende Schisma kommt im Gewand eines Appells zur Einheit: Der Patriarch von Jerusalem, Theophilos III., will zu einem panorthodoxen Patriarchengipfel in seine Residenz nach Amman einladen, um über „die Wahrung unserer Einheit in der eucharistischen Gemeinschaft“ zu beraten. Er machte diesen Vorschlag ausgerechnet in Moskau, und ausgerechnet bei der Annahme eines Preises, der nach dem früheren Patriarchen der russischen Orthodoxie, Alexij II., benannt ist. Als sei das noch nicht Provokation genug, begrüßte das Moskauer Patriarchat diesen Vorschlag umgehend.

Tanz auf vermintem Gelände

In der an Appellen und Aufrufen überreichen Welt des Katholizismus mag man es für eine Petitesse halten, dass Theophilos III. sich damit eine Rolle anmaßte, die nur dem orthodoxen „Primus inter pares“, dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, zusteht. Im orthodoxen Denken sind solche Grenzverletzungen ein Tanz auf vermintem Gelände: Nur der Ökumenische Patriarch hat als Nachfolger des erstberufenen Apostels, des Petrus-Bruders Andreas, das Recht, zu einem panorthodoxen Gipfel zu rufen und diesen zu leiten. Dass Theophilos III. die Rolle des Einigers und vielleicht gar des Moderators beansprucht, kann im Phanar zu Istanbul nur als Affront verstanden werden.

Dass Moskau diese Initiative aus vermeintlicher Sorge um die „Einheit in der eucharistischen Gemeinschaft“ unterstützt, beruht auf einer propagandistischen Umkehr der Fakten: Das Moskauer Patriarchat hat ja einseitig die eucharistische Gemeinschaft mit dem Ökumenischen Patriarchen und seinen Bischöfen abgebrochen. Nicht Bartholomaios müsste sich also bewegen, sondern Moskau.

Zwei konträre Sichtweisen um die Anerkennung der Autokephalie der ukrainischen Orthodoxie

Hinter der von Moskau akklamierten Initiative von Theophilos III. stehen zwei konträre Sichtweisen rund um die Anerkennung der Autokephalie der ukrainischen Orthodoxie: Die russische Orthodoxie sieht die Ukraine als ihr „kanonisches Territorium“. Sie wirft Bartholomaios wegen der Anerkennung der ukrainischen Autokephalie vor, er habe aus politischen Motiven seine Rechte überdehnt und so ein papistisches Verständnis seines Amtes gezeigt. Moskau meint, nur im Konsens aller autokephalen orthodoxen Kirchen könne eine Autokephalie zugestanden werden. Bartholomaios dagegen sieht Konstantinopel als Mutterkirche der Ukrainer, beansprucht das Recht, die Autokephalie zu verleihen und gewährte sie der ukrainischen Orthodoxie als krönenden Abschluss der staatlichen Souveränität.

Bartholomaios als Marionette US-amerikanischer Interessen verleumdet

Der Ökumenische Patriarch konnte mittlerweile die Kirche von Griechenland und das Patriarchat von Alexandrien, das die Orthodoxie Afrikas repräsentiert, für die Anerkennung der ukrainischen Orthodoxie gewinnen. Moskau dagegen weiß Georgien, Serbien und nun auch den Patriarchen von Jerusalem auf seiner Seite. Allein die intrigante Art, in der Moskau das Panorthodoxe Konzil von Kreta 2016 boykottierte (und damit Bartholomaios blamierte) zeigt, dass die russische Orthodoxie vor einer Spaltung der Weltorthodoxie nicht zurückschreckt. Bartholomaios wird als Gefangener der Türken und als Marionette US-amerikanischer Interessen verleumdet. Die osmanische Eroberung Konstantinopels 1453 gilt in der russischen Retrospektive als Fall des Zweiten Rom, in dessen Erbe Moskau als „drittes Rom“ eingetreten sei. Die zahlenmäßig größte Orthodoxie, die russische, beansprucht jetzt die weltkirchliche Führungsrolle – und dabei ist ihr Bartholomaios im Weg.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.