Vatikanstadt

Im Alleingang?

Was der Papstbrief eigentlich von den deutschen Katholiken verlangt.

Papst Franziskus und der Synodale Weg
Ein solches, nicht gerade kurzes, Schreiben eines Papstes „an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ ist bereits als Faktum außergewöhnlich und sollte zu denken geben. Foto: Cristian Gennari

Seit dem Lingener Treffen der deutschen Bischöfe im Frühjahr 2019 gilt als ausgemacht, welche Themenfelder auf dem geplanten Synodalen Weg zu bearbeiten seien, um eine Antwort auf die Herausforderungen zu geben, vor die sich die Kirche in Deutschland seit geraumer Zeit gestellt sieht. Die einzelnen Foren sollen sich mit „Macht, Partizipation, Gewaltenteilung“, „Sexualmoral“, „Priesterlicher Lebensform“ und „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“ auseinandersetzen. Eine inhaltliche Skizzierung der Themen und die Namen der Forums-Mitglieder (mit Ausnahme des 4. Forums, das etwas später kooptiert wurde) werden auf der Seite der Deutschen Bischofskonferenz vorgestellt.

Erstaunlich ist nun, dass unter den Themen dasjenige fehlt, welches im Brief des Papstes die größte Rolle spielt: Warum gibt es kein Forum „Evangelisierung“, „geistliche Erneuerung“, „Erneuerung des Glaubens“, oder wie man es benennen mag?

Gewiss könnte man antworten, dieser Herausforderung – oder wenn man mit dem Papstbrief sagen will: „dem Verfall des Glaubens“ (n.2) – zu begegnen, ziehe sich durch alle genannten Foren hindurch; sie alle würden sich damit beschäftigen müssen. Als Querschnittsmaterie sozusagen. Doch wer würde behaupten, es bedürfe an einer theologischen Fakultät keines exegetischen Lehrstuhles mehr, da alle theologischen Fächer sowieso biblisch sein müssten?

Evangelisierung ist kein religiöser Imperialismus

Es scheint eher das Gegenteil richtig: Damit die genannten Themen-Komplexe, die nicht zuletzt auf je eigene Weise mit der sakramentalen Struktur der Kirche verbunden sind, überhaupt adäquat in den Blick kommen können, muss das grundlegende Problem bei den Hörnern gepackt werden – die Ermüdung des Glaubenslebens, und der sichtbare Schwund von Relevanz der Kirche in unserem Land, auch und gerade unter den Getauften. Es geht nicht um die Reputation der Kirche oder gar um Mitgliederzahlen, sondern um ihre Sendung.

Evangelisierung ist kein religiöser Imperialismus: „keine Taktik kirchlicher Neupositionierung in der Welt von heute, oder kein Akt der Eroberung, der Dominanz oder territorialen Erweiterung; sie ist keine ,Retusche‘, die die Kirche an den Zeitgeist anpasst, sie aber ihre Originalität und ihre prophetische Sendung verlieren lässt.“ (n.7) Evangelisierung müsse „unser Leitkriterium“ sein (n.6); es sei „notwendig, den Primat der Evangelisierung zurückzugewinnen“ (n.7), das „Hauptaugenmerk“ müsse darauf liegen, „wie wir diese Freude [des Evangeliums] mitteilen“ (n.8).

Bisherige Rezeption

Sieht und hört man sich die ganz unterschiedlichen Reaktionen auf das päpstliche Schreiben an, so könnte man sich fragen, ob der Brief überhaupt von allen, die sich geäußert haben, zur Gänze gelesen wurde. Die einen äußerten sich enttäuscht, dass der Brief nicht „deutlicher“ ausgefallen sei, und beklagten, man könne „alles“ daraus lesen. Andere vermissten, dass die Missbrauchsproblematik nicht zur Sprache gekommen sei. Wieder andere interpretierten das Schreiben als schlichte Bestätigung des bereits eingeschlagenen Weges: kein Grund, nicht zur vorgehabten Tagesordnung zurückzukehren. Man konnte sogar lesen, der Inhalt des Briefes hätte auch auf einer Postkarte Platz gehabt.

Dabei ist ein solches, nicht gerade kurzes, Schreiben eines Papstes „an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ bereits als Faktum außergewöhnlich und sollte zu denken geben.

Interpretation des Briefes

Und der Brief ist durchaus deutlich – auch wenn der Stil jede Schärfe vermeidet. Die Adressaten werden brüderlich, „auf Augenhöhe“ angeredet: der „Wir“-Stil dominiert; die Aufforderungen betreffen nicht primär „euch in Deutschland“, sondern „uns“ alle in der Gemeinschaft des Glaubens, die wir einander tragen. Keine Verbote, jedoch Erinnerung an die gemeinsame Basis oder an geschichtliche Erfahrungen, „Appelle“ und Warnungen (im Konjunktiv, im Potenzialis) vor „subtilen Versuchungen“, die zur Falle werden können, selbst wenn man glaubt, ein gutes Ziel zu verfolgen.

Zu Beginn bringt das Schreiben des Papstes zunächst die große Wertschätzung für die Kirche in Deutschland zum Ausdruck – hervorgehoben wird der bedeutende Beitrag im karitativen, wissenschaftlichen und kulturellen Bereich, der Einsatz von Personen wie von finanziellen Mitteln nicht nur für das eigene Territorium, sondern in „Großzügigkeit“ und „Mitverantwortungsbewusstsein“ für die Weltkirche. „Auch heute noch“ zeige sich der Glaube „in vielen Lebenszeugnissen und in Werken der Nächstenliebe reich an Frucht“. (Der am Ende der n.1 recht unvermittelt auftauchende „Hinweis auf den … ökumenischen Weg“ erweckt literarisch den Eindruck eines Einschubs, der weder mit dem vorausgehenden, noch mit dem folgenden Text verknüpft ist).

Insgesamt betrachtet handelt es sich bei diesem Absatz um einen – vornehmlich in der Vergangenheit formulierten – Rückblick auf die in der Geschichte, auch der jüngeren Geschichte, gebrachten Früchte (ebenso wie zum Abschluss des Schreibens, n.13, der Wunsch ausgedrückt wird, die Botschaft Christi möge „einmal mehr unser Herz herausfordern und entzünden, wie Er es bei euren Vorfahren getan hat“).

Etwas überraschend zitiert der Papst das Wort des Petrus an den Gelähmten

Antithetisch dazu („Heute indes“) beginnt der folgende Abschnitt n.2 mit der Feststellung „zunehmender Erosion .... des Glaubens“ mit Auswirkungen auf der geistlichen, sozialen und kulturellen Ebene. Diese Situation sei „weder bald noch leicht“ zu bewältigen. Und etwas überraschend zitiert der Papst das Wort des Petrus an den Gelähmten (Apostelgeschichte 3, 6): „Silber und Gold besitze ich nicht. Doch was ich habe, das gebe ich dir. Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, geh umher!“ Will der Nachfolger Petri die Lähmung in Deutschland durch ein Wort heilen?

Nicht Geld ist die Lösung, sondern die Verkündigung, beziehungsweise das Bekanntwerden mit Jesus. Das ist es, was die Kirche zu geben hat, auch wenn sie sonst nichts hat. Dem müssen sich die Glaubenden selber stellen, das heißt: sich vom Evangelium umgestalten, formen, „sich selbst evangelisieren“ lassen (nn.5; 6 Ende; n.7 Beginn).

Beten heißt, die Wirklichkeit Gottes ernstzunehmen

Das klingt „fromm“ – angesichts von Statistiken und praktischen Problemen. Ja, der Brief ist spirituell. Da ist die Rede vom Heiligen Geist, von Beten, Fasten, Buße und Anbetung – ohne die synodale Wege ins Leere führen! (vgl. n. 12) Der Rat zu Gebet und Umkehr sind nicht „Kosmetik“ (von „Beten“, „Anbetung“ ist achtmal die Rede, von Evangelisierung sechsmal), keine harmonisierende Coda nach einem Sonatensatz ganz anderer Tonart, kein frommes Kreuzzeichen vor einer Klammer mit pragmatischen Inhalten. Beten heißt: die Wirklichkeit Gottes, die „Prioritäten Christi“ (n. 12), die Kernaufgabe der Kirche als Gesendete, ernstzunehmen:

„Gebet und Fasten hatten eine besondere und bestimmende Bedeutung für sein gesamtes nachfolgendes Handeln (vgl. Matthäus 4, 1–11). Auch die Synodalität kann sich dieser Logik nicht entziehen und muss immer von der Gnade der Umkehr begleitet sein, damit unser persönliches und gemeinschaftliches Handeln sich immer mehr der Kenosis Christi angleichen und sie darstellen kann (vgl. Philipper 2, 1–11). Als Leib Christi sprechen, handeln und antworten, bedeutet auch, in der Art und Weise Christi mit den gleichen Haltungen, mit derselben Umsicht und denselben Prioritäten zu sprechen und zu handeln.“ (n.12)

Dazu gehört ein geistlicher Realismus (n.3, mit Verweis auf LG 8): „In dieser Welt wird die Kirche nie vollkommen sein, während ihre Lebendigkeit und ihre Schönheit in dem Schatz gründet, zu dessen Hüterin sie von Anfang an bestellt ist.“ Das heißt auch: Die Kirche kann und braucht nicht neu erfunden zu werden; sie hat eine Wurzel, trägt einen Schatz, dem sie – und damit ihre Glieder – gerecht werden muss. Das ungeduldige Verlangen nach „unmittelbaren Ergebnissen“, mit medialer Wirksamkeit (n. 3) könnte zu „Lösungen“ führen, die nicht tragfähig sind, oder am Ende „nicht der Berufung entsprechen, die uns gegeben ist“!

Der Brief ist Ausdruck sehr ernster Sorge

Das ist ernst. Der Brief ist Ausdruck sehr ernster Sorge. Dass diese Sorge bislang so wenig Beachtung findet, kann man nur mit Erschrecken zur Kenntnis nehmen.

Näherhin warnt das Schreiben vor einer Macher-Mentalität („technokratisch“; FN 11), vor der alten Falle des „Pelagianismus“ (n. 4. n. 6: eine Sorge, die bereits in dem Schreiben „Placuit Deo“ zur Sprache kam). Vorzeigbare Ergebnisse, einen perfekten Apparat, Vertrauen in Prognosen, Umfragen etcetera solle man nicht überschätzen (n.7), sich weder faszinieren noch lähmen lassen. Denn es gehe um „weit mehr als einen strukturellen, organisatorischen oder funktionalen Wandel“ (n. 5). Sondern um Bekehrung des eigenen Herzens, das heißt: die Freude der Gnade in sich aufzunehmen, und sie anderen weiterzugeben. Den Leidenden dieser unheilen Welt die Botschaft von der Nähe Christi zu bringen, der für uns gelitten hat (n. 8), das setzt voraus, von dieser Botschaft selbst erfasst zu sein: „Christ-Sein bedeutet, sich selig und gesegnet und somit Träger der Glückseligkeit für die anderen zu wissen.“ (n. 12)

Eine weitere Falle wird mit dem Begriff „Gnostizismus“ umschrieben (ebenfalls bereits thematisiert in Placuit Deo): Wenn jemand, das kann auch eine „erleuchtete Gruppe“ sein (n.10), sich als „fortgeschritten“ dünkt, „der vorgibt, über das kirchliche ,Wir‘ hinauszugehen“, stets etwas Neues oder Anderes zu sagen hat, im Verlangen, sich einen Namen zu machen (n. 9), sich vom heiligen Volk Gottes trennt.

Harter Eifer schadet

Man konnte ja durchaus die selbstbewusste Überzeugung hören, die Kirche in Deutschland sei eben schon „weiter“ als andere Teilkirchen, könne in manchen Fragen eine Vorreiterrolle übernehmen – notfalls im Alleingang?

Darum zieht sich durch das Schreiben wie ein roter Faden die Sorge um die Einheit der Kirche: Der „Synodale Weg“ einer Teilkirche kann nur ein Weg mit der ganzen Kirche sein; wir sollen wissen, dass wir „wesentlich Teil eines größeren Leibes“ sind (n.9; vgl. n.3). Es könnte scheinbare Lösungen von Problemen geben, welche Spaltung zur Folge haben (n.10; n.11).

„Sooft eine kirchliche Gemeinschaft versucht hat, alleine aus ihren Problemen herauszukommen, und lediglich auf die eigenen Kräfte, die eigenen Methoden und die eigene Intelligenz vertraute, endete das darin, die Übel, die man überwinden wollte, noch zu vermehren und aufrechtzuerhalten.“ (n.6)

Der Papst appelliert dringend, „in diesen Zeiten starker Fragmentierung und Polarisierung sicherzustellen, dass der Sensus Ecclesiae auch tatsächlich in jeder Entscheidung lebt, die wir treffen, und der alle Ebenen nährt und durchdringt. Es geht um das Leben und das Empfinden mit der Kirche und in der Kirche, das uns in nicht wenigen Situationen auch Leiden in der Kirche und an der Kirche verursachen wird. Die Weltkirche lebt in und aus den Teilkirchen, so wie die Teilkirchen in und aus der Weltkirche leben und erblühen; falls sie von der Weltkirche getrennt wären, würden sie sich schwächen, verderben und sterben.“ (n.9).

Man darf hier vielleicht zusätzlich an Romano Guardini erinnern (er wird in anderem Zusammenhang in n.12 zitiert): In einem Brief an einen lutherischen Freund hatte er den Reformeifer des Franziskus von Assisi mit demjenigen Martin Luthers verglichen. Beide hätten an der konkreten Gestalt der Kirche existenziell gelitten. Den Unterschied zwischen ihnen sah Guardini in der Fähigkeit des heiligen Franziskus, sich selbst trotz der Erkenntnis und des glühenden Wunsches nach Erneuerung der Kirche zurückzunehmen; während im Falle Luthers aus dem harten Eifer die Spaltung mit all den schmerzlichen Folgen erwachsen sei.

Nicht jede Entwicklung ist legitim, lässt sich zusammenfassen

Nicht jede Entwicklung ist legitim, so könnte man mit Newman zusammenfassen. Der Papst erinnert daran, dass die Zeichen der Zeit nicht zu lesen sind, wenn man vom Zeitgeist nicht frei geworden ist – durch Bekehrung des eigenen Herzens (n. 7; n. 8). Und daran, dass „ohne neues Leben und echten, vom Evangelium inspirierten Geist, ohne ,Treue der Kirche gegenüber ihrer eigenen Berufung‘ […] jegliche neue Struktur in kurzer Zeit verderben [wird]“ (n.6; mit Verweis auf Evangelii gaudium 26).

Die Autorin lehrt Spiritualität an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien und war Mitglied der Internationalen Studienkommission zum Diakonat. Sie gehört dem Forum „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“ an, die den „Synodalen Weg“ vorbereiten.