Würzburg

Hubert Wolf: Historiker mit Scheuklappe

Hubert Wolfs Sicht der Aufklärung ist nicht allein von wissenschaftlichen Interessen geleitet.

Ludwig Windthorst
Der Zentrumspolitiker Ludwig Windthorst wird von Wolf präzise beschrieben. Foto: KNA

Katholizismus und Aufklärung – sind sie unversöhnliche Feinde? Oder gibt es vielleicht sogar eine „katholische Aufklärung“? Diese Fragen nimmt der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf in seinem Buch „Verdammtes Licht“ in den Blick. Man liest sich gerne fest in diesem Buch, dass gleichermaßen stilistisches wie intellektuelles Vergnügen bereitet.

Eine Einschränkung fällt ins Auge. Das Buch, dessen Titel eine Gesamtdarstellung suggeriert, ist doch mehr eine Aneinanderreihung von Schlaglichtern, eine nachträgliche Zusammenstellung von Aufsätzen und Vorträgen, von denen einige mit dem Rahmenthema eher locker verbunden sind. Damit sind empfindliche Lücken verbunden. So bleibt die maßgebliche Rolle der Kirche in den Vereinigten Staaten für die Modernisierung des Katholizismus unterbelichtet, eine Modernisierung, die sich aus der Erfahrung speiste, dass auch und gerade unter den Bedingungen einer demokratischen Gesellschaft erfolgreiches kirchliches Wirken möglich war.

Besonders gelungen ist die Würdigung des Nuntius Eugenio Pacelli

Das mindert nicht den Wert von Wolfs Einzelkapiteln. Besonders gelungen ist die Würdigung des Nuntius Eugenio Pacelli, des späteren Pius XII., und seines klugen Agierens zwischen den Erfordernissen der deutschen Ortskirche seiner Zeit und den mitunter wenig praktikablen Wünschen aus Rom. So trug er dazu bei, eine Verurteilung der im deutschen Kontext unabdingbaren Koalition zwischen Zentrumspartei und Sozialdemokraten zu verhindern. Äußerst gelungen ist auch das Porträt des Zentrumspolitikers Ludwig Windthorst und seines angenehm nüchternen norddeutschen Katholizismus, der zwischen politischen Erfordernissen und wenig hilfreichen römischen Interventionen zu lavieren wusste – etwa als Leo XIII. 1887 das Zentrum direkt anwies, der von Reichskanzler Bismarck vorgelegten Erhöhung des Militäretats zuzustimmen und der Partei damit in der Endphase des Kulturkampfes in den Rücken fiel.

Interessant sind auch Wolfs unter Berufung auf Benedikt XVI. angestellte Überlegungen dazu, was der gegenwärtige Islam in seinem Verhältnis zur Aufklärung vielleicht vom Vorbild der Katholiken lernen kann. In dem Kapitel über die unter Pius XI. in Angriff genommene, wenngleich nie publizierte Enzyklika gegen den Rassismus scheint sogar die Erkenntnis auf, dass es manchmal von Vorteil sein kann, nicht jedem zeitgenössischen Trend (in diesem konkreten Fall: dem völkischen Denken) hinterherzulaufen. Und ganz sicher hat Wolf Recht, wenn er „die schillernde Weite des Aufklärungsbegriffs“ hervorhebt, die pathetische Bekenntnisse für oder gegen „die Aufklärung“ gleichermaßen sinnlos macht. Freilich fällt gerade deshalb auf, dass Wolf seinerseits den Begriff „Moderne“ so gebraucht, als ließe er sich eindeutig definieren.

Solider, eng an den Quellen arbeitender Historiker

Jede Seite in „Verdammtes Licht“ zeigt: Wolf ist ein solider, eng an den Quellen arbeitender Historiker. Deshalb wendet er sich auch mit vollem Recht gegen den „cultural turn“, der sich zunehmend in den historischen Wissenschaften breitmacht und die Unterscheidbarkeit von Faktizität und Fiktionalität leugnet. Wolf macht überzeugend deutlich, dass solche Gedankenspiele eine Form der Gegenaufklärung sind und die Geschichtswissenschaft zu delegitimieren drohen – in manchen Kreisen wird man ihm solche Kritik sicher als reaktionär ankreiden.

Andererseits tritt Wolf mit diesem Buch nicht nur als Historiker auf, sondern verfolgt eine kirchenpolitische Agenda. Ein Zweck des Buches ist unübersehbar: die Funktionäre im Umkreis des Zentralkomitees Deutscher Katholiken und der Deutschen Bischofskonferenz in ihrer Gewissheit zu bestärken, dass sie auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. Besonders deutlich wird das im abgedruckten Festvortrag zum Leipziger Katholikentag (2016). Was Wolf sich am Ende des Buches unter einer „lichtdurchfluteten Gegenwart und Zukunft“ im kirchlichen Kontext vorstellt, will man lieber gar nicht so genau wissen. Einige seiner Reformvorschläge – etwa zum Mechanismus der Bischofswahlen – könnte man ironisch unter dem Schlagwort „Vorwärts ins Mittelalter“ zusammenfassen. Außerdem übersieht er, dass einige der heute aktuellen Reformideologien – etwa in der Frauenfrage – dem Geist authentischer Aufklärung widersprechen.

Vehikel einer ideologischen Gegenaufklärung

Feministische Aktionen à la Maria 2.0 sind ebenso wie ihre säkularen Pendants in ihrer Irrationalität und Emotionalität Vehikel einer ideologischen Gegenaufklärung, die sich gegen die Vernunft als Basis der westlichen Zivilisation richtet. Sich solchen Ideologien zu unterwerfen wäre sehr unpassend zu einem Zeitpunkt, da die katholische Kirche im Zweiten Vatikanischen Konzil die positiven Aspekte der neuzeitlichen Aufklärung uneingeschränkt anerkannt und integriert hat – eine historische Leistung, für die Wolf selbst mit Recht mehrfach Benedikt XVI. als Kronzeugen zitiert. Gebildeten Katholiken bleiben seither manche innere intellektuelle Konflikte erspart, unter denen sie in früheren Dekaden zu leiden hatten. Gerade den Katholiken fällt in der gegenwärtigen Stunde eine wichtige Rolle dabei zu, einen Rückfall der Gesellschaft in vormoderne Denk- und Verhaltensmuster zu verhindern. Für diese erweiterte Dimension eines im besten Sinne aufgeklärten Katholizismus hat Wolf keinen Blick.

Es bleibt ihm aber das Verdienst, ein kirchenhistorisches Werk vorgelegt zu haben, das nicht nur Lesefreude bereitet, sondern auch zu intensivem Nach- und Weiterdenken anregt. „Denken statt Nicken“ – diese Maxime, die Wolf für zeitgenössische Katholiken formuliert, gilt nicht zuletzt auch für den Umgang mit seinem Buch.

Hubert Wolf: Verdammtes Licht.
Der Katholizismus und die Aufklärung,
C. H. Beck Verlag, München 2019,
gebunden, 314 Seiten,
ISBN 978-3-406-74107-4, EUR 29,95

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