Valletta

Hermeneutiker mit Humor

Zum Tod des maltesischen Kardinals Prosper Grech OSA.

Kardinal Prosper Grech
Kardinal Prosper Grech OSA. Foto: KNA

Dies ist nicht das erste Konklave, auf dem ich anwesend bin“, sagte Kardinal Prosper Grech in seiner Meditation für die wahlberechtigten Kardinäle – zu denen er selbst mit seinen 87 Jahren nicht mehr gehörte – zu Beginn des Konklaves von 2013. „Ich war auch im Konklave von Paul VI., als einfacher Sakristan. Eines Tages kam Kardinal Montini zu mir und bat mich, ihm die Beichte abzunehmen. Zwei Stunden später war er Papst.“ In einem Interview mit der Zeitschrift „30 Giorni“ kommentierte er diese Episode mit den Worten: „Ich hoffe, ich habe ihm keine allzu harte Buße auferlegt…“ Dieser für ihn so typische trockene Humor und sein freundschaftliches Wesen machten den brillanten Theologen, Hermeneutiker der Heiligen Schrift und Patrologen aus dem Augustinerorden bei Generationen von Studenten der Päpstlichen Universitäten in Rom zu einem der beliebtesten Professoren. Am 30. Dezember ist er in einer römischen Klinik gestorben.

Liebe zu jüdischen Wurzeln des Christentums

Seine Vorlesungen über die frühe Kirche am Patristischen Institut „Augustinianum“ spiegelten auch seine große Liebe zu den jüdischen Wurzeln des Christentums. Das „Collegio Santa Monica“, in dem die Augustinergemeinschaft ihr Zuhause hat, liegt direkt am Petersplatz und ist extraterritoriales Gebiet des Vatikanstaats. Viele Juden fanden hier während des Krieges Zuflucht; als Pater Grech 1946 nach Rom kam, standen seine Mitbrüder noch immer unter dem Eindruck jener schweren Zeit.

Im zweiten Stock des „Augustinianums“ schmücken Schwarz-Weiß-Fotografien die Wände: das Werk von Pater Grech, der begeisterter Hobbyfotograf war. Und bei vielen hat sich das Bild des Augustiners eingeprägt, der sich noch in hohem Alter unerschrocken mit dem Motorroller durch den dichten römischen Verkehr schlängelte. Am Heiligen Abend 1925 in Vittoriosa auf Malta geboren und auf den Namen „Stanley“ getauft, erhielt er den Namen „Prosper“ als er im Jahr 1944, mit 19 Jahren, die Ordensgelübde der Augustiner ablegte. Schon als Junge hatte er den Wunsch verspürt, Priester zu werden. Seine Berufung reifte heran während der Belagerung von Malta 1941–1942, als die Insel zum Stützpunkt der Alliierten gegen den Afrikafeldzug der Achsenmächte wurde und die durch eine Seeblockade hungernde Bevölkerung ständigem Bombenhagel ausgesetzt war: ein Inferno, in dem über tausend Menschen starben.

Lizenz am Päpstlichen Bibelinstitut

1946 schickten die Ordensoberen ihn zum Theologiestudium nach Rom, wo er 1950 in der Lateranbasilika die Priesterweihe empfing. 1953 verteidigte er an der „Gregoriana“ seine Dissertation über „Die Sühne in der modernen englischen Theologie“ und erhielt außerdem die Lizenz am Päpstlichen Bibelinstitut. Nach weiteren Studien im Heiligen Land, Oxford und Cambridge kehrte Pater Grech nach Rom zurück, wo er ab 1965 der theologischen Hochschule der Augustiner vorstand. Zwei akademische Höhepunkte fielen in das Jahr 1970: Er wurde auf den Lehrstuhl für Hermeneutik am Päpstlichen Bibelinstitut berufen, den er bis zu seiner Emeritierung 2002 innehatte, und Papst Paul VI. eröffnete das Patristische Institut „Augustinianum“, das Pater Grech zusammen mit dem Ordensgeneral Agostino Trapé gegründet hatte. Von 1971 bis 1979 war er Präsident des „Augustinianums“.

Im „Collegio Santa Monica“ übernachtete 1978 Kardinal Albino Luciani vor dem Konklave, aus dem er als Papst Johannes Paul I. herauskam, sowie zwei weitere Kardinäle. In Vertretung des abwesenden Priors sollte Pater Grech sie vor ihrem Einzug ins Konklave verabschieden und tat dies mit seinem hintergründigen Humor: „Euch Glück zu wünschen wäre geschmacklos, und ,Auf Wiedersehen‘ wäre noch schlimmer. Ich sage daher nur: Gott segne euch.“

Zusammenarbeit mit dem späteren Papst Benedikt

Johannes Paul II. berief Pater Grech in die Bibelkommission und die Glaubenskongregation, wo er mit dem späteren Papst Benedikt XVI. zusammenarbeitete. Dieser zollte ihm höchste Anerkennung, als er ihn aufgrund seiner besonderen Verdienste in der Theologie am 18. Februar 2012 zum Kardinal erhob: der erste Malteser seit 200 Jahren. In seiner Meditation vor dem Konklave von 2013 warnte Kardinal Grech vor Spaltungen und mahnte den zukünftigen Papst, „die Einheit in der katholischen Kirche zu erhalten“.

Kardinal Grech pflegte den Kontakt mit den kontemplativen Augustinerinnen: Er lehrte und predigte in ihren Klöstern und nahm am Stundengebet teil. „Ich denke, dass das Gebet, und gewiss nicht die Hermeneutik, der Schlussstein des christlichen Lebens ist“, sagte er in dem oben erwähnten Interview. „Wir müssen von unserem Podest heruntersteigen, unseren Intellektualismus und unseren Stolz hinter uns lassen. Es bedarf einer großen Demut, den Rosenkranz und die einfachsten Gebete zu beten, die Gebete der Volksfrömmigkeit: Nur so versteht man, dass oft gerade das Volk den Gelehrten den Glauben vermittelt.“

Papst Franziskus würdigte Grechs Verdienste in der Ausbildung junger Menschen, vor allem der Priester, in einem Telegramm an den Ordensgeneral Alejandro Morál Anton und nahm beim Requiem am Donnerstag im Petersdom die Riten der „Ultima Commendatio“ (Aussegnung) und „Valedictio“ (Verabschiedung) persönlich vor.

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