Buchendorf

Heiliger Dreiklang

Nachfolge durch Gebet, Arbeit und Fasten: Ein Besuch im einzigen russisch-orthodoxen Frauenkloster Deutschlands.

Russisch-orthodoxes Frauenkloster in Deutschland
Gemeinsam mit Serben, Griechen, Rumänen und anderen stellt die orthodoxe Kirche mit insgesamt gut 1, 2 Millionen Christen mittlerweile die drittgrößte Kirche in Deutschland dar. Foto: Archiv

Es ist kurz vor vier Uhr morgens im Kloster der heiligen Großfürstin Elisabeth in Buchendorf bei München, dem einzigen russisch-orthodoxen Frauenkloster in Deutschland. Mit dem Klangholz, dem bilo, auf den Schultern, das sie in komplizierten Rhythmen anschlägt, geht Schwester Melania durch die langen Gänge des ehemaligen Stiftes der Englischen Fräulein. Das bilo ruft die orthodoxen Schwestern zum Gebet in die Kapelle. Dort verehren sie zunächst die Ikonen mit vielen Verbeugungen, bei denen die Hand den Boden berührt, mit zahlreichen Bekreuzigungen und respektvollen Küssen.

Es ist noch dunkel. Einzig die typischen, bleistiftdünnen Kerzen, die aus echtem Bienenwachs hergestellt sind und den heiligen Raum mit einem herrlich süßen Duft erfüllen, spenden warmes Licht und lassen das Gold der zahllosen Ikonen geheimnisvoll aufleuchten, als wären es die Bilder der Heiligen, die honigduftendes Licht verströmten. Ab vier Uhr in der Frühe werden nun die Morgengebete, der sogenannte Mitternachtsgottesdienst, sowie der Morgengottesdienst, die Stundenlesungen gelesen und die Göttliche Liturgie gesungen. Das bedeutet vier Stunden lang Gebet und Gesang, unzählige Verneigungen und Prostrationen, bevor es eine erste Stärkung in Form einer Tasse Tee, Haferflocken mit heißem Wasser oder etwas Brot mit Marmelade, an Fasttagen ohne Butter oder andere Milchprodukte, gibt. Also die meiste Zeit über, denn das orthodoxe Kirchenjahr kennt 200 Fastentage: Neben der Großen Fastenzeit vor Ostern und der Weihnachtsfastenzeit, dem Apostelfasten zu Petrus und Paulus und zwei Wochen vor dem Fest der Entschlafung der Gottesmutter wird im Kloster sowieso jeden Mittwoch und Freitag zusätzlich auch montags die Fastenregel beachtet.

450 Gemeinden und Eparchien im Ausland

Nach Gebet und Liturgie ist der Vormittag der Arbeit gewidmet, gefolgt von der Mittagsruhe und der Arbeit am Nachmittag. Erst am Abend geht es dann mit der Vesper weiter, der gemeinsamen Mahlzeit in der Trapeza, wie sich hier das Refektorium nennt, und danach folgen noch Abendgebet und das „Kleine Apodypnon“, bevor um 21 Uhr die Nachtruhe beginnt.

Im Schatten der Beiträge und Debatten zum hundertsten Jahrestag der russischen Oktoberrevolution fand ein ganz besonderes und für Deutschland durchaus bedeutsames Jubiläum kaum Beachtung in den deutschen Medien. Hundert Jahre Oktoberrevolution, das bedeutet fast gleichzeitig auch hundert Jahre Russisch-Orthodoxe Kirche im Ausland. Freiwillig exilierte, zwangsausgewiesene und verfolgte russische Gläubige gründeten sie. Heute besteht sie aus gut 450 Gemeinden und Eparchien in Nord- und Südamerika, Westeuropa und Großbritannien.

Persönliche Demut, unbedingter Gehorsam und Hingabe an Gott

Die größte und zugleich älteste Diözese der russisch-orthodoxen Kirche im Ausland – kurz ROKA (englisch: ROCOR) – befindet sich hierzulande, es ist die „Diözese von Berlin und Deutschland“, der zurzeit Erzbischof Mark vorsteht und zu der neben insgesamt gut fünfzig deutschen Gemeinden auch Gemeinden in England, Dänemark sowie Österreich zählen. Gemeinsam mit Serben, Griechen, Rumänen und anderen stellt die orthodoxe Kirche mit insgesamt gut 1, 2 Millionen Christen mittlerweile die drittgrößte Kirche in Deutschland dar.

Das einzige russisch-orthodoxe Frauenkloster auf deutschem Boden wurde offiziell am 1. Oktober 2005 in diesen Räumen in Buchendorf gegründet und nach und nach die ehemals katholische Ausstattung im orthodoxen Stil umgestaltet. Unter der geistlichen Führung von Matuschka (russisch für Mutter, Mütterchen) Maria Sidiropulu singen, beten und arbeiten hier ein gutes Dutzend Nonnen, darunter drei Novizinnen. Zwei deutsche Frauen, die vom Katholizismus konvertiert sind, leben hier, auch Russinnen, Griechinnen und Serbinnen. In der Orthodoxie gilt persönliche Demut, unbedingter Gehorsam und Hingabe an Gott als eines der höchsten Ziele überhaupt – so möchten die beiden deutschen Frauen nicht gerne über ihre Konversion sprechen und schon gar nicht zitiert werden. Doch es ist ihnen anzumerken und klingt auch durch, dass sie hier in der russischen Orthodoxie eine Form der Gottesverehrung gefunden haben, die sie in der römisch-katholischen Kirche nicht leben konnten.

Geistlicher Vater des Frauenklosters ist Vladyka Mark, der Erzbischof für Deutschland und Großbritannien, dessen Amtssitz sich eigentlich in Berlin befindet, doch da er gleichzeitig auch der Abt des Klosters des heiligen Hiob von Potschaev ist, welches im Jahre 1945 gegründet wurde und sich ebenfalls in München befindet, sich zumeist auch dort aufhält.

Angereist bin ich unbedachterweise in Hosen und mit unbedecktem Haar und werde direkt nach der Begrüßung freundlich aber bestimmt darauf hingewiesen, dass die Kleiderordnung im Kloster auch für weibliche Gäste einen langen Rock und bedecktes Haupt vorsieht. Ich beeile mich, mich umzukleiden, um nicht länger negativ aufzufallen und werde später beim Abendessen von Matuschka Maria, einer zierlichen, lebhaften Frau, mit den Worten „Sie sehen ja schon ganz wie eine orthodoxe Frau aus!“ empfangen.

Das evangelische Prinzip „Maria und Martha“

Matuschka Maria ist eine Pontosgriechin. Ihre Vorfahren gehörten zu jenen Christen, die im Zuge der osmanischen Verfolgungen zwischen 1914–23 die Hinrichtungen, Vergewaltigungen, Erschießungen und Folterungen überlebten und zumeist nach Russland fliehen konnten. Mutter Maria spricht fließend russisch und trägt sozusagen das doppelte Siegel zweier großer orthodoxer Nationen. Die Schwestern werden auch von einigen Gemeinden der Diözese unterstützt. Die Pfarreien geben zum Beispiel Messgewänder in der Klosterschneiderei in Auftrag oder bestellen Prosphoren, das sind die mit dem Kreuz bezeichneten Brotlaibe aus Sauerteig mit der Aufschrift „Jesus Christus ist Sieger“, die in der Göttlichen Liturgie Verwendung finden. Außerdem gibt es eine Buchbinderwerkstatt, eine kleine Imkerei und jede Schwester baut in einem eigenen Gartenstückchen etwas Obst und Gemüse an.

Man sei sehr gut aufgenommen worden in Buchendorf, bestätigt Matuschka Maria. Zum Beispiel findet jährlich am Lazarussamstag, in der orthodoxen Kirche ist das der Samstag vor Palmsonntag, ein kleiner Ostermarkt statt, an dem die typischen Osterkuchen und gefärbten Eier verkauft werden und der auf reges Interesse stoße. Es gibt auch regelmäßig einen Tag der offenen Tür und, so unterstreicht Matuschka in fließendem Deutsch, wir haben doch so viel miteinander gemeinsam.

Mitglied der "Weißen Rose" orthodox getauft

Natürlich, das Kloster, dem sie vorsteht, ist ja nach der deutschen Prinzessin Elisabeth von Hessen-Darmstadt benannt, die als Protestantin zum orthodoxen Glauben konvertiert war. Bei ihrem Eintritt in die russische Kirche erhielt sie den russifizierten Vornamen Jelisaweta und den Vatersnamen „Feodorowna“ – die von Gott geschenkte. Die Großfürstin ist für die orthodoxe Kirche eine heilige Neumärtyrerin, denn sie wurde im Zuge der Machtergreifung der Bolschewisten gemeinsam mit ihrer Gefährtin, der Nonne Barbara sowie anderen Mitgliedern der Familie Romanow mitsamt deren Dienern in einen Schacht geworfen. Als das Singen nicht aufhörte, warfen die Mörder zuerst brennende Zweige hinterher, zuletzt noch eine Granate.

Und wem in Deutschland ist eigentlich bekannt, dass ein Mitglied der „Weißen Rose“, Alexander Schmorell, der orthodox getauft war und am 13. Juli 1943 hingerichtet wurde, in der russischen Kirche ebenfalls ein heiliger Neumärtyrer ist? Gemeinsam mit vielen anderen befindet sich seine Ikone in der orthodoxen Kathedrale in München, die auf die heiligen Neumärtyrer und Bekenner Russlands und den heiligen Nikolaus von Myra geweiht ist. So ist das Kloster von seinem Selbstverständnis her zweisprachig, dreimal in der Woche wird die Tischlesung auf Deutsch vorgetragen, jeden Sonntag gibt es das Abendamt auf Deutsch.

Doch, wie schon erwähnt, wird nicht nur gebetet – man lebt hier das evangelische Prinzip „Martha und Maria“ und versucht, Arbeit und Gebet sinnvoll zu verbinden. Nach Martha und Maria ist auch das alljährliche Sommerlager für Mädchen von acht bis dreizehn Jahren benannt – am Vormittag gibt es Religions- und Gesangsunterricht, am Nachmittag werden leichte Arbeiten und Handarbeiten verrichtet und Ausflüge gemacht. So sollen die Mädchen aus orthodoxen Familien in der Diaspora in Deutschland lebend mit den Wurzeln ihrer religiösen Kultur und dem Klosterleben vertraut gemacht werden.

Optimistischer Blick in die Zukunft

Im Jahr 2020 feiert nicht nur die ROKA ein Jubiläum, auch das Kloster der heiligen Großfürstin Jelisaweta darf sein erfolgreiches fünfzehnjähriges Bestehen zelebrieren. Matuschka Maria blickt für die nächsten Jahre optimistisch nach vorne – mit Gottes Hilfe wird es der Gemeinschaft gelingen, einen Kirchenneubau auf dem Gelände zu stemmen. Die derzeitige Kapelle ist zu klein, die Ikonostase konnte nicht mittig eingezogen werden, sondern bildet eine Diagonale. Das ist nicht gut, denn die Ikonostase und mit ihr der Priester sollen sich immer im hinteren Zentrum eines heiligen Raumes befinden.

Die Pläne für eine wunderschöne Kirche im orthodoxen Stil mit kleinen Kuppeln existieren schon. Außerdem soll im weitläufigen Garten ein Holzkapellchen errichtet werden, in das sich die Schwestern zum Gebet zurückziehen können. Das goldene Zwiebeltürmchen, das diese Kapelle einmal krönen soll, wartet derweil im Garten geduldig auf seinen Einsatz.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier .